Nach dem Putschversuch in der Türkei
Stolz auf mutiges Volk

Auch die Kunden, die am Wochenende in seinen Imbiss kamen, fragten besorgt nach den Verwandten: "Es ist alles in Ordnung", konnte Aydin Ayten beruhigen. Bilder: pinl (2)
Politik
Amberg in der Oberpfalz
20.07.2016
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"Man will etwas tun, aber einem sind die Hände gebunden." Zitat: Murat Engin zum Putschversuch in der Türkei

Soldaten, die Passanten den Weg versperren, und Panzer, die durch die Straßen rollen. Sogar Armee-Jets, die über die Städte fliegen. Für viele der etwa 2,8 Millionen Türkischstämmigen in Deutschland waren die TV-Berichte über den Putschversuch dramatisch. Zwei Amberger mit Wurzeln in der Türkei schildern ihre Emotionen von Freitagnacht.

"Da bekommt man wirklich Gänsehaut, wenn man diese Bilder sieht", beschreibt Aydin Ayten seine Gefühlslage vom Wochenende. Der Amberger Gastronom rief nach den ersten Nachrichten über einen Umsturz umgehend seine Verwandten an. Um seinen Vater hatte er dabei besonders Angst: "Er hat die Putsche von 1960 und 1980 miterlebt und war auch diesmal auf der Straße, um zu demonstrieren."

Tatsächlich konnte Ayten am Abend zunächst nur seine Mutter erreichen. Erst nach drei Stunden hatte er dann auch ihren Ehemann am Telefon: "Es war alles gut", zeigt sich der 51-Jährige erleichtert. Auch seine Kinder waren von der Militäraktion betroffen: "Eigentlich wollten sie am Samstag in den Urlaub fliegen, nun reisen sie am Dienstag." In den Augen des Stadtratsmitglieds (Amberger Bunt) hat das Militär im eigenen Land nichts zu suchen. Deswegen ist er umso stolzer, "dass das Volk für die Demokratie gekämpft hat".

Murat Engin teilt diese Einschätzung: "Wir sind ein mutiges Volk. Wir lassen uns nicht unterkriegen." Der Gastronom betont, dass es selbst von der türkischen Armee nur ein kleiner Teil gewesen sei, der die Unruhen in Istanbul und Ankara wirklich wollte. Gerade, wenn man die Geschehnisse in seinem Heimatland nur aus weiter Ferne verfolgen kann, seien gewaltsame Aktionen aber sehr verletzend. "Man will etwas tun, aber einem sind die Hände gebunden", zeichnet der Amberger seine Emotionen nach. Zu seinen Verwandten aus Ost-Anatolien hielt er die ganze Nacht über Kontakt. Auch in ihrer Region gab es zum Glück keine Ausschreitungen.

Man will etwas tun, aber einem sind die Hände gebunden.Murat Engin zum Putschversuch in der Türkei


Kaum StornierungenKlaus Koller vom Reisebüro Sonnenklar an der Marienstraße beschwichtigt: "Die große Stornierungs-Welle ist ausgeblieben." Viele Urlauber sähen die Unruhen als eine reine politische Angelegenheit an. Da das Militär die Hauptreiseziele an der türkischen Riviera nicht besetzte, konnte der Betrieb in den Hotelanlagen weitergeführt werden. "Auch am Samstag und Sonntag sind die Gäste ganz normal angekommen", bestätigt Koller.

Horst Strobl hat seinen Türkei-Urlaub im November gestrichen. Dem Chef des gleichnamigen Reisebüros begegnen zurzeit häufig Kunden, die den kompletten arabischen Raum nicht mehr besuchen wollen. Auch die Flugangst sei nach der Zunahme des islamistischen Terrors generell gestiegen. Die meisten Buchungen erhielt der Amberger am Samstag und am Montag für Busreisen nach Italien.

Viele Anrufe gingen im Reisebüro Dronzella ein. Die Kunden von Tanja Scholzen buchten ihre Urlaube an der türkischen Ägäis vor allem nach Spanien um. "Dass sich die Gäste um ihre Sicherheit sorgen, ist nur menschlich." Von den Reiseveranstaltern bekamen sie am Montagmorgen die Information, dass die Hauptreiseziele sicher seien. Scholzen rät, sich bei Umbuchungen die Geschäftsbedingungen der Unternehmen durchzulesen: "Wenn keine Reisewarnung vorliegt, fallen Gebühren an."
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