Neuer JVA-Chef Peter Möbius: Gefängnis ist kein Sanatorium
Die Hälfte kommt nicht wieder

Peter Möbius vor den Fotos "seiner" beiden Justizvollzugsanstalten. Der neue Leiter der JVA ist Chef der Gefängnisse in Amberg und Weiden. Bild: Hartl
Politik
Amberg in der Oberpfalz
18.04.2015
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Ein Gefängnis ist ein Gefängnis und kein Sanatorium. Daran wird sich auch unter Peter Möbius nichts ändern. Aber das Licht der Öffentlichkeit will der neue Chef der JVA schon ein bisschen mehr hinein lassen in den Gebäudekomplex an der Werner-von-Siemens-Straße.

Korrekt gesehen ist Peter Möbius der Leiter von zwei Justizvollzugsanstalten. Darauf legt er wert. In seinem Dienstzimmer hängen die Luftbilder der Gefängnisse in Amberg und Weiden. "Weiden war das Ding von Gustl Lang", so klärt er auf. Der frühere bayerische Justizminister und Weiden-Lobbyist wollte vor über 20 Jahren in seiner Heimatstadt ein Gefängnis für die Strafgefangenen der nördlichen Oberpfalz etablieren.

Verwaltet wird Weiden aber noch immer von Amberg aus. 120 Gefangene sind in Weiden derzeit inhaftiert, in Amberg waren es im Vorjahr durchschnittlich 577. Ein Dutzend mehr wäre locker möglich, in der Vergangenheit waren es sogar meist weit über 600. Doch die Zahl der Strafgefangenen im Freistaat ist rückläufig, das merkt auch die Amberger JVA. "Das ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass wir unterbelegt sind", sagt Peter Möbius, dem der Beruf des "Gefängnisdirektors" nicht in die Wiege gelegt war.

Der gebürtige Burglengenfelder studierte Jura, absolvierte seine beiden Staatsexamen und entschied sich dann, in den Dienst der Justiz zu treten. 1982 begann er seine Knast-Karriere in München-Stadelheim, es folgten Stationen in Kaisheim und an der Vollzugsschule in Straubing, bevor es ihn 1991 nach Amberg zog. "Ich habe drei Kinder, da musst du dich schon mal entscheiden, was du willst", begründete er den Schritt zurück in die alte Heimat. Stellvertretender Anstaltsleiter unter Hermann Korndörfer wurde er hier, ein Mann der Öffentlichkeit, dem der eher verschlossene Kurt Rammelt folgte, der am 28. Februar dieses Jahres in den Ruhestand ging. Seit 1. März ist nun Peter Möbius der Chef von mehr als 300 Arbeitnehmern (45 in Weiden, 275 in Amberg), von Vollzugsbediensteten, Werkstattmeistern, von Lehrern, Sozialpädagogen oder Psychologen.

Seit Jahren keiner geflohen

Mit Peter Möbius ein Interview zu führen, ist gar nicht so einfach. Hohe Mauern, Stahltüren und vergitterte Fenster versperren den Weg in sein Büro. Die Beamten an der Pforte sind freundlich aber bestimmt. Autoschlüssel und Handy sind abzugeben, ohne Personalausweis kommt hier niemand rein. Wichtiger aber ist, dass keiner raus kommt, der nicht raus soll. "Wir haben seit Jahren schon keinen Fall mehr gehabt, dass einer vom Ausgang nicht zurückgekommen wäre", sagt Möbius. Und Fluchtversuche gab es schon lange nicht mehr.

Trotzdem hat Peter Möbius eine große Sorge: Drogen. Rund die Hälfte seiner Gefangenen, so schätzt er, hat ein Problem damit, entsprechend groß ist die Nachfrage nach Suchtmitteln. An Nachschub mangelt es nicht, der fliegt bei Tag und Nacht über die Mauer, wird direkt in die Zellenfenster geworfen oder auf anderen Wegen eingeschmuggelt. Möbius lässt jetzt einen Sicherheitsstreifen entlang der Mauer anlegen, die gefährdeten Fenster sollen speziell gesichert werden, um die Flut wenigstens ein bisschen einzudämmen.

Aber im Gefängnis sitzen nun mal keine unschuldigen Engel - obwohl dies viele der Insassen beteuern. "Und wir können ein verpfuschtes Leben auch nicht reparieren", sagt Peter Möbius. Doch die JVA bemüht sich, wenigstens ein bisschen der oft sehr krummen Lebensläufe wieder gerade zu biegen. 20 Handwerksbetriebe bieten die Möglichkeit, einen Berufsabschluss zu machen, auf schulischer Ebene können sich die Insassen sogar bis zur Mittleren Reife qualifizieren - wenn sie denn wollen.

Sozialpädagogen, Psychologen oder Anstaltsgeistliche bemühen sich, die Strafgefangenen zu therapieren, ihnen den Weg in ein geordnetes Leben zu ebnen, ein Ende der beinahe unendlichen Knastkarrieren möglich zu machen. Rund die Hälfte seiner "Kunden", so schätzt Peter Möbius, kommt nach der Entlassung nicht mehr. "Das ist doch ein großartiger Erfolg", findet er. Gibt sich aber keinen allzu großen Hoffnungen hin. Denn wer in Amberg einsitzt, war nicht zum ersten Mal hinter Schwedischen Gardinen. Regelvollzug nennt sich das auf Bürokratisch. Und manche kommen einfach immer wieder.

In Amberg sitzt vom Strauchdieb bis zum Mörder alles ein, in einer Spezialabteilung versuchen Psychologen und Sozialpädagogen, Sexualstraftäter von ihren kranken Neigungen zu befreien. "Die Möglichkeiten sind für alle da", sagt Peter Möbius. "Aber ich denke auch, dass vom Strafvollzug einfach zu viel erwartet wird." Der neue Leiter der Amberger JVA ist hier durchaus Realist. Aber einer, der an die Chance glaubt, die der Knast den Gefangenen bietet. Fast 100 Euro pro Tag kostet ein Häftling den bayerischen Steuerzahler - damit gehört der Freistaat übrigens zu den billigen Bundesländern. Auf der anderen Seite stehen in Amberg 2014 Einnahmen von rund 2,85 Millionen Euro. Erlöse der hier beheimateten Wirtschaftsbetriebe, die ihre Dienste auch den Bürgern "draußen" anbieten. Von der Autowerkstatt bis zum Brennholzverkauf reicht das Portfolio der Knast-Geschäfte.

Die Gefangenen selber verdienen nur rund zwölf Euro pro Tag - wenn sie denn arbeiten. Denn eigentlich herrscht die Pflicht, einer Beschäftigung nachzugehen. Doch nicht alle Häftlinge wollen oder können arbeiten. Oft reicht auch die vorhandene Arbeit nicht für alle. "Wichtig ist, dass die Leute erst mal eine Tagesstruktur bekommen", sagt Peter Möbius. Dafür ist das Arbeiten eine enorme und hilfreiche Krücke.

Mehr Öffentlichkeit

Und noch etwas hat er zu sagen: "Im Vollzug kannst du nichts unter den Teppich kehren." Alles werde öffentlich, nichts könne verheimlicht werden. Deshalb sucht Peter Möbius praktischerweise gleich selbst die Öffentlichkeit. Ein bisschen mehr Licht will er in "seine" JVA schon bringen.
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