Neues Zivilschutz-Konzept
Weiterhin gilt: Nur ruhig Blut

So ein Sixpack und eine weitere Flasche wären sogar schon ein halber Liter zu viel: Bereits seit Jahrzehnten empfiehlt der Zivil- und Katastrophenschutz, für fünf Tage zwei Liter Trinkwasser pro Tag und Person zu bevorraten. Es ist also nichts Neues, und die jüngste Aufregung zeigt beim Lebensmittelhandel bisher keinerlei Wirkung. Bild: Steinbacher
Politik
Amberg in der Oberpfalz
26.08.2016
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Auch wenn es schwerfällt. In Not- und erst recht in Katastrophenfällen sollte mit kühlem Kopf gehandelt werden. Der Umgang mit der neuen Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) ist nicht gerade ein Lehrbeispiel dafür.

Plötzlich hat das Schlagwort "Hamstern" Hochkonjunktur. Inflationär kursieren seit ein paar Tagen Mengenangaben und Listen, was jeder für sich oder die gesamte Familie für den Fall der Fälle zu Hause bevorraten sollte, um die jüngsten Vorgaben des von der Bundesregierung fortgeschriebenen Zivilschutz-Konzeptes zu erfüllen. Und die Profis wundern sich nur noch.

70 Seiten stark


Etwa der Katastrophenschutzbeauftragte der Stadt, Thomas Forster: "Arg viel Neues gibt es eigentlich nicht, es hat sich wenig verändert", lautet sein Resümee nach einer ersten Durchsicht des von Bundesinnenminister Thomas de Maizière Anfang dieser Woche vorgelegten, 70 Seiten starken Papiers. Die vorherige Fassung stammte von 1995, eine redaktionelle und den jetzigen Gegebenheiten angepasste Überarbeitung sei deshalb nur nahe liegend, sieht der Katastrophenschützer in der jüngsten Aktualisierung lediglich einen Routinevorgang .

Forster wundert sich etwas über die Aufregung um angeblich neuerdings empfohlene Hamsterkäufe. Die Hinweise und Anmerkungen in diese Richtung seien ebenso "im Wesentlichen gleich geblieben". Für beruflich mit der Zivil- oder Katastrophenschutz-Materie befasste Leute liegt ein gewisses Maß an Vorsorge in der Natur der Sache. Auch für den Sprecher der Amberger Polizeiinspektion, Ersten Hauptkommissar Hans-Peter Klinger. "Tägliche Lagebeurteilungen sind ganz normal und vernünftig", sagt er, selbst wenn sich Ausnahmesituationen aktuell nicht abzeichnen würden.

Weit, weit entfernt


Das Maß der zu treffenden Vorsorge sei aber beispielsweise sehr von der Stabilität der bestehenden Infrastruktur abhängig. Würden Strom oder die Wasserversorgung in mehr oder minder regelmäßigen Abständen ausfallen, dann seien "Kerzen im Haus oder Wasserkübel auf der Toilette" halt das Normalste auf der Welt, erinnert sich Klinger an die Zeit einer dienstlichen Abordnung nach Bosnien. Von solchen Gegebenheiten könne hier aber nicht einmal ansatzweise die Rede sein.

Die Versorgung mit Wasser und Elektrizität auch unter schwierigsten Bedingungen ist in Amberg die Aufgabe der Stadtwerke, die deshalb seit eh und je über entsprechende Notfallpläne verfügen. Sie sind eng mit dem Katastrophenschutzbeauftragten der Stadt abgestimmt. Und wie bereits Forster in seiner originären Zuständigkeit, sieht auch der Technische Leiter der Stadtwerke, Martin Malitzke, "keinen akuten Handlungsbedarf".

Handel spürt nichts


Die jüngsten Empfehlungen des Bundesinnenministeriums, in Haushalten vorsorglich für fünf Tage jeweils zwei Liter Trinkwasser pro Person und Tag und Lebensmittel für zwei Wochen vorzuhalten, sind keineswegs neu. Auch die alte Fassung des KZV enthielt diese Passagen, die aus der Sicht von Katastrophenschützern schlichtweg allgemeinverbindlichen Charakter und nichts mit einer wie auch immer gearteten aktuellen Lage zu tun haben. Von in den zurückliegenden Tagen oft zitierten Hamsterkäufen hat der hiesige Lebensmittelhandel jedenfalls auch "nichts" (Kaufland), "gar nichts" (real) bis "überhaupt nichts" (Edeka-Center) mitgekriegt.

Hoffentlich Sommerloch - Angemerkt von Michael ZeißnerZwei, drei Tage dauerte es, dann war die Aufregung durch. Jeder wusste jetzt, dass er für sich zehn Liter Trinkwasser für fünf Tage, Konserven, Hülsenfrüchte, Nudeln, usw., usw. - sprich 20,6 Kilogramm Nahrungsmittel für 14 Tage bei einem Bedarf von 2200 Kilokalorien täglich -, zu bunkern habe, um auf Katastrophenfälle und Krisenzeiten richtig vorbereitet zu sein.

Diese Eckdaten wurden zu Schlüsselbotschaften der neuen Konzeption Zivile Verteidigung der Bundesregierung erklärt und damit der Eindruck erweckt - oder zumindest nicht zerstreut -, diese Empfehlungen habe es vorher nicht gegeben. Daraus wiederum wurde eifrig der Schluss gezogen, es habe sich offenbar die allgemeine Sicherheitslage verschärft. Sonst müsse ja keiner vorsorgen.

Nur: Das stimmt so nicht. Exakt diese Empfehlungen für Privathaushalte gibt es seit Jahrzehnten, völlig unabhängig von der allgemeinen oder aktuellen Terrorbedrohungs-Lage in Europa und Deutschland. Deshalb bleibt zu hoffen, dass es sich hier um einen medialen Sommerloch-Klassiker handelt und nicht um das zynische Kalkül, mit Ängsten der Bevölkerung Politik machen zu wollen.
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Oliver Endres aus Amberg in der Oberpfalz | 26.08.2016 | 17:54  
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