ÖDP fragt nach dem Amberger Katastrophenschutz
Wer nach dem GAU was macht

Proteste gegen die Atomkraft gab es in Amberg schon - vor allem 2011 nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Die ÖDP wollte jetzt von der Verwaltung wissen, wie sich die Stadt denn auf eine nukleare Katastrophe in einem der nächstliegenden Kernkraftwerke vorbereitet. Archivbild: Hartl
Politik
Amberg in der Oberpfalz
17.07.2016
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Bei einem Atomunfall im Kernkraftwerk Isar 2 bei Landshut - 98 Kilometer von Amberg entfernt - bekämen auch die Amberger Kaliumjodid-Tabletten. Aber nicht mehr diejenigen, die älter sind als 45 Jahre.

Das erfuhren die Mitglieder des Hauptausschusses vergangene Woche, als Rechtsreferent Bernhard Mitko eine ÖDP-Anfrage vom April beantwortete, "wie sich die Stadt Amberg als Katastrophenschutzbehörde auf eine Atomkatastrophe im AKW Temelin, im AKW Isar 2 Essenbach oder im AKW Gundremmingen vorbereitet". Die ÖDP-Vertreter hatten dazu ausführliche Angaben erbeten. Sie bekamen acht eng beschriebene Seiten. Deren Quintessenz: Die Stadt nimmt ihre Aufgaben in diesem Bereich ernst und erfüllt alle Vorgaben der Richtlinien des Katastrophenschutzes.

Die ÖDP hatte fünf einzelne Bereiche ausdrücklich angesprochen:

Alarmierung bei Stromausfall

Die erfolgt im Stadtgebiet über Lautsprecherdurchsagen von Einsatzfahrzeugen der Hilfsorganisationen sowie der Polizei. In Ammersricht, Raigering, Schäflohe und Gailoh gibt es dafür in den Feuerwehrgerätehäusern zusätzlich Sirenen. Ohne Stromausfall wird die Bevölkerung durch Rundfunkdurchsagen informiert.

Kaliumjodid-Tabletten

Wenn man sie rechtzeitig einnimmt, sollen sie das Risiko von Schilddrüsenkrebs reduzieren. Für den Bereich zwischen 20 und 100 Kilometern Abstand von einem Kernkraftwerk sind sie zur Ausgabe an die Bevölkerung bis zum 45. Lebensjahr vorgesehen. "Die Nebenwirkungen überwiegen den Nutzen", begründete Mitko die Empfehlung der Strahlenschutzkommission, Jodtabletten nicht an Ältere auszugeben. Stichwort: Gefahr einer Jodblockade. "Zudem nimmt mit steigendem Alter die Wahrscheinlichkeit stark ab, an durch ionisierende Strahlung verursachtem Schilddrüsenkrebs zu sterben."

Diese Tabletten werden allerdings nicht in Amberg gelagert, sondern in bundesweit neun zentralen Lagern (das nächste in Roding). Die Verteilung soll innerhalb von zwölf Stunden gewährleistet sein, wozu es eine Art Schneeballsystem gibt: Die Tabletten gehen von den Depots an "Hauptanlieferungspunkte" (in der Nähe sind das die Feuerwachen in Schwandorf und Parsberg) und werden von dort durch die örtlichen Feuerwehren an alle Apotheken und alle Gerätehäuser verteilt, die in Bayern die Ausgabestellen sind.

Evakuierung von Kindergärten und Schulen

Im Fall einer großflächigen Evakuierung ist das ACC als "Verteilstelle" gemeldet, in dem sich Leute aus näher am Unfallort befindlichen Gebieten vorübergehend aufhalten können. Zur Evakuierung von Amberger Kindern bemerkte Mitko: "Der Kindergarten ist kein unsicherer Ort. Da wären die Kinder besser geschützt als auf dem Heimweg." Denn in diesen Einrichtungen seien die nötigen "persönlichen Schutzmaßnahmen" schnell umgesetzt: im Gebäude bleiben, Fenster und Außentüren schließen, die Lüftungs- und Klimaanlagen ausschalten, für Spiel und Sport nicht ins Freie gehen. Eventuell könne man auch eine persönliche Übergabe der Kinder an die Eltern verlangen, doch grundsätzlich dürfte es auch kein Problem sein, so Mitko, wenn sie auf dem gewohnten Weg (Schulbusse) nach Hause gelangen.

Strahlenmessgeräte

Das bayerische Immissionsmessnetz für Radioaktivität besteht aus 33 Messstationen, vier davon in der Oberpfalz (Weiden, Schwandorf, Regensburg, Tiefenbach). Die Stadt bewertet deren Informationsdichte als so gut, dass sie daneben keine eigenen lokalen Messgeräte anschaffen muss. Die Amberger Feuerwehr, die ja im Notfall ins Freie müsste, hat aber ein Kontaminations-Nachweisgerät für die eigenen Einsatzkräfte. Im Klinikum St. Marien gibt es drei Kontaminations-Messgeräte sowie je ein Ortsdosis-Leistungsmessgerät und ein Probeanalyse-Gerät.

Verkehrslenkung und Stromversorgung

Die Polizeipräsidien haben für den Fall einer schweren atomaren Katastrophe Verkehrslenkungspläne und großräumige Umleitungen vorbereitet. Ein großflächiger Stromausfall von 24 Stunden Dauer und mehr gilt nach Mitkos Auskunft als "sehr unwahrscheinlich, erscheint im Rahmen der fachlichen Bewertung jedoch möglich". Offensichtlich gebe es für diesen Fall auch keine Konzepte, die zumindest ein minimales Versorgungsniveau aufrechterhalten könnten. Einige Organisationen und Einrichtungen sind aber mit Notstromaggregaten ausgerüstet, die Kommunikation und Versorgung sicherstellen: die Feuerwache, die Stadtwerke und das Klinikum.

Mitkos Zusammenfassung lautete: "Wir liegen a) nicht in der unmittelbar gefährdeten Zone und sind b) so gut vorbereitet, wie es möglich ist."

Franz Badura (ÖDP) hatte dagegen Zweifel, ob die skizzierten Pläne bei einem Atomunfall alle so umzusetzen seien. Manches erscheine ihm doch unrealistisch, etwa die zügige Tablettenverteilung von Roding aus. "Raus aus der Kernenergie" sei deshalb angesichts der möglichen Szenarien die richtige Konsequenz.

Die EntfernungenDie Stadt Amberg liegt vom Kernkraftwerk Isar 2 bei Landshut 98 Kilometer Luftlinie entfernt. Damit befindet sie sich für die Planung gerade noch in der "Außenzone" (die Zentralzone geht bis fünf Kilometer, die Mittelzone bis 20). Gundremmingen liegt in 148 Kilometer Entfernung von Amberg, bis Temelin sind es 182 Kilometer. (ll)
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