OTH-Professor Stefan Beer
„Netzausbau derzeit die günstigste Lösung“

Professor Stefan Beer fordert Trassen für die Energiewende. Bild: Herda
Politik
Amberg in der Oberpfalz
22.10.2016
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"Bei gegenwärtiger Gesetzeslage ist kaum eine andere Lösung möglich", sieht Stefan Beer keine günstige Alternative zum Trassenbau. Der OTH-Professor, der vor seiner akademischen Laufbahn beim Bayernwerk als Ingenieur für konventionelle Kraftwerke zuständig war, bezeichnet sich selbst als "Erzeugungsexperte". Sein derzeitiger Schwerpunkt ist die Stromerzeugung aus Biomasse und kleinen Windanlagen. "Ich mache den Ingenieursjob genauso für konventionelle wie erneuerbare Energien", sieht er die Technik als ideologiefreien Raum.

Netzexperten würden bestätigen: "Wir sind an der Belastungsgrenze", sagt der gebürtige Oberviechtacher. "Wir haben die Netze jahrelang vernachlässigt." Nach Abschaltung des letzten AKW gehe man von einer Unterdeckung in der Energie-Grundlast von 5 Gigawatt (GW) und einer Stromunterdeckung von 40 Terawattstunden (TWh) aus. "Dieses Defizit können wir nicht mit fluktuierenden Erneuerbaren abdecken."

Auch wenn die Erdverkabelung etwas teurer käme als überirdische Trassen: "Der Netzausbau ist ökonomisch klar die günstigste Variante." Der Ausbau basiere auf einer wissenschaftlich transparenten Grundlage. "Man simuliert das Netzgeschehen, stellt Engpässe fest und plant." Vorrangiges Ziel: die Versorgungssicherheit.

Zwar sei eine 100-prozentige Versorgung durch erneuerbare Energien mit Unterstützung dezentraler Stromspeicher, Blockheizkraft- und Pumpspeicherwerke denkbar. "Aber dann würde sich der Strompreis deutlich verteuern." Die Kosten beliefen sich nach Schätzungen auf das Fünf- bis Zehnfache des Trassenausbaus. Auch "Power to Gas" sei machbar: "Aber das ist derzeit nicht rentabel." Der Ausbau sei auch ohne Atom-ausstieg nötig und er stärke das europäische Stromnetz. Dennoch sei die Planung in jetziger Form der Windenergie-Überkapazität im Norden geschuldet. Braunkohlestrom gehe nur ins Netz, wenn nicht genügend Erneuerbare verfügbar seien. "Der tschechische Investor in der Lausitz wettet darauf, dass unsere Energiewende scheitert", sagt Beer. "Wenn sie gelingt, hat er Pech gehabt."

Nach einer Hochrechnung der Fraunhofer-Gesellschaft für 2020 wachse die Residuallast, die Differenz zwischen nachgefragter Leistung und den Tälern der fluktuierenden Erneuerbaren, beträchtlich. "Wir können die Lücke als Übergangslösung mit Kohle oder durch Stromimport ausgleichen." Der gesetzlich geregelte Stromvorrang erneuerbarer Energien lasse nach dem Merit-Order-System (englisch für Reihenfolge der Leistung) an der Strombörse EEX in Leipzig eine Ergänzung in der Reihenfolge der Grenzkosten zu: "Atomkraft ist am günstigsten, dann folgt Strom aus Braun-, Steinkohle und Gas."

Langfristig würden sich die Erneuerbaren als weitaus günstigste Energie durchsetzen. "Strom wird in Zukunft nur deshalb bezahlbar bleiben, weil Sonne und Wind kostenlos zur Verfügung stehen." Jegliche europäische Kernkraftvision sei völlig unrealistisch: "Die Sicherheitsmaßnahmen machen AKW so teuer", erklärt Beer, der das bereits in den 90er Jahren in Studien belegt habe. "Zu derzeitigen Bedingungen können Kernkraftanlagen nicht wirtschaftlich betrieben werden."

Der OTH-Professor selbst versorgt sein Haus völlig regenerativ mit Photovoltaik und Biomasse: "Die KW-Stunde kostet mich 12 bis 14 Cent, der aktuelle Strompreis liegt bei 30 Cent."
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Dr. Peter Steinbock aus Eschenbach in der Oberpfalz | 24.10.2016 | 23:56  
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