Pflegeserie des Medienhauses „Der neue Tag“
Absturz in die Sozialhilfe

Armin Nentwig (Zweiter von rechts) präsentiert Markus Rinderspacher (links), Fraktionschef der SPD im Bayerischen Landtag, beim Landesparteitag in Amberg den Selbsthilfeverband Schädelhirn-Patienten in Not. Bild: Herda
Politik
Amberg in der Oberpfalz
09.09.2016
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Mitten aus dem Leben gerissen und doch sehr präsent: Das Schicksal von Wachkomapatienten ist ein spezielles. Für die Angehörigen, die Eltern eine kaum zu schulternde Belastung: die Ohnmacht, das eigene Kind, den Partner hilflos liegen zu sehen; die Ungewissheit, wie es weiter geht; der finanzielle Druck. Armin Nentwig, Altlandrat von Amberg-Sulzbach, kennt dieses Schicksal genau: als Politiker und Betroffener, dessen Sohn jahrelang im Wachkoma lag.

Herr Nentwig, Sie sind Gründer und Vorsitzender des bundesweiten Selbsthilfeverbandes Schädelhirn-Patienten in Not e.V. - Deutsche Wachkomagesellschaft. Welche Sonderbelastungen kommen auf betroffene Familien zu?

Armin Nentwig: Unsere Betroffenen sind meist in speziellen Pflegeeinrichtungen untergebracht. Die monatlichen Pflegekosten in der Versorgungsphase F betragen etwa 4500 bis 6000 Euro.

Ein Betrag, den nur wenige leisten können?

95 Prozent aller Familien mit ihren schwerstkranken Wachkomapatienten stürzen deshalb in die Sozialhilfe ab. Dieses Dilemma prangern wir seit 25 Jahren an. Zu diesem Thema hatte ich kürzlich im Bundesministerium für Arbeit und Soziales - zuständig für Teilhabe und SGB IX - ein Fachgespräch, an dem auch Vertreter aus dem Bundesministerium für Gesundheit teilnahmen.

Worum ging es dabei?

Darum, wie diesen Leuten zu helfen ist. Dieses große Ziel habe ich mir noch für unseren Selbsthilfeverband gesetzt. Es kann nicht sein, dass eine Familie mit einem schwerstkranken Patienten - das "Apallische Durchgangssyndrom" ist die schwerste neurologische Langzeiterkrankung - komplett in die Sozialhilfe abstürzt und damit jegliche Absicherung und Lebensgrundlage entzogen wird.

Als Landrat hatten Sie einen Überblick über die Situation in den Pflegeheimen. Wie beurteilen Sie die medizinische Versorgung?

Die medizinische Versorgung in den Pflegeheimen ist allgemein als ausreichend und gut zu bezeichnen. Sie wird überwiegend von den niedergelassenen Allgemeinärzten sowie im besonderen Fall durch die Fachärzte geleistet. Diese arbeiten mit den jeweiligen Fachkräften in der Pflegeeinrichtung auch gut zusammen.

Wie viel Mobilisierungspotenzial vermuten Sie in Pflegeheimen?

Zum allergrößten Teil sind Pflegekräfte durch ihr soziales Denken geprägt und auf den Bewohner als Mittelpunkt ihrer Arbeit fixiert, um sie so weit wie möglich zu mobilisieren und am täglichen Ablauf und Leben in der Einrichtung teilhaben zu lassen. Unser Motto "Raus aus dem Bett!" haben wir auch speziell für unsere Wachkomapatienten publiziert. Ein sitzender oder stehender Bewohner entwickelt alleine durch Teilhaben, Wahrnehmen und Einbezogensein mehr Lebensqualität und Körperwahrnehmung. Damit ist er auch wesentlich weniger krankheitsanfällig, Muskulatur und Organe werden bewegt und gestärkt.

Als Besucher von Pflegeeinrichtungen hat man nicht immer den Eindruck, dass der Bewohner im Mittelpunkt steht ...

Bei personeller Unterbesetzung in der Einrichtung kann es schon sein, dass ein Mobilisieren aus dem Bett in den sitzenden Zustand - meist sind bei Bewohnern in diesem Bereich zwei Pflegekräfte nötig - nicht geleistet werden kann. Die Ursache ist meist Personalmangel und nicht Lieblosigkeit.

Wie beurteilen Sie die Reform der Ausbildung in den Pflegeberufen?

Bezogen auf die Reform der Ausbildung in den Pflegeberufen haben wir höchste Bedenken. Bisher erfolgt die Ausbildung in den Pflegeberufen nach den gesetzlichen Vorgaben in den einzelnen Bundesländern nach dem Altenpflegegesetz und dem Krankenpflegegesetz. Geprüft wird die fachliche Qualifikation in den Pflegeheimen nach dem Heimgesetz - kontrolliert durch die Heimaufsicht bei der Stadt und den Landratsämtern. Altenpfleger, Kinderkrankenpfleger, Gesundheits- und Krankenpfleger sind qualifizierte Fachkräfte.

Durch die Zusammenführung der Ausbildung aller Pflegeberufe soll ein höherer Qualitätsstandard erreicht werden. Sie bezweifeln das?

Der im Januar 2016 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und vom Bundesministerium für Gesundheit gemeinsam vorgelegte Gesetzentwurf zur Reform der Pflegeberufe führt zu einer Zusammenführung der Pflegeausbildungen in einem Pflegeberufsgesetz. Die bisher getrennt ausgebildeten Berufszweige sollen nun in einen Beruf zusammengefasst werden. Dabei haben wir höchste Bedenken, da die drei berufsspezifischen Bereiche der jeweiligen bisherigen Ausbildungen in eine Ausbildung schon rein zeitlich und fachlich keinesfalls zusammengefasst werden können.

Ist es nicht wünschenswert, dass Pflegekräfte Grundkenntnisse in medizinischer Pflege erwerben?

Wir haben die Sorge, dass die gemeinsam ausgebildeten Pflegefachkräfte überwiegend in den Krankenhaus-, Intensivpflege- und Rehabilitationsbereich abwandern, da hier erfahrungsgemäß leistungsgerechter bezahlt wird und meist auch bessere Arbeitsbedingungen herrschen. Eindeutig würde dann die Altenpflege der große Verlierer sein.

Woran liegt es, dass Pflegeberufe so ein schlechtes Image haben? Befürworter der Reform meinen, es lasse sich durch die Anhebung des Leistungsstandards verbessern.

Zwischenzeitlich überholte Überlegungen gingen sogar davon aus, dass die Pflegeberufe als Zugangsvoraussetzung den höheren Bildungsabschluss benötigen. Dies erachte ich als völlig verrückt und unrealistisch. Im Gegenzug fordere ich, dass der Pflegeberuf - insbesondere die Altenpflege - auch für sozial engagierte Hauptschüler mit Qualifizierendem Abschluss geöffnet werden müsste.

Nur so scheint mir für die Zukunft wenigstens annähernd der Bedarf an Pflegekräften gesichert zu sein. Das soziale Engagement und die Freude an der Pflege alter Menschen müssen im Vordergrund stehen anstatt nur auf mittlere und höhere Schulabschlüsse zu schauen.

Pflegeversicherung ist eben nur Teilkasko und nicht Vollkasko.Armin Nentwig
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