Pflegeserie des Medienhauses „Der neue Tag“
Bei Pflege Sozialfall

Virginia lag vor Jahren nach einem epileptischen Anfall im Wachkoma - hier freut sich das Mädchen aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach über ein für sie umgedichtetes Lied von Herbert Olbrich (links) bei einem Benefizkonzert. Bild: Huber
Politik
Amberg in der Oberpfalz
08.09.2016
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Armin Nentwig (2. von rechts) präsentiert Markus Rinderspacher (links), Fraktionschef der SPD im Bayerischen Landtag, beim Landesparteitag in Amberg den Selbsthilfeverband Schädelhirn-Patienten in Not. Bild: Herda

Man sagt, der Bürger sei gemeinhin überversichert - zum Beispiel mit einer Wertversicherung für das Handy gegen den Sturz ins Waschbecken. Ein beträchtliches Lebensrisiko allerdings ist nur rudimentär gedeckt - die Pflege. Dabei ist niemand vor Alter, Krankheit oder Unfall gefeit.

-Sulzbach. "Pflegeversicherung ist eben nur Teilkasko und nicht Vollkasko", sagt Landrat a.D. Armin Nentwig. "Wir zahlen alle viel zu wenig in die Pflegekasse ein und deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die von der Pflegekasse geleisteten Zahlungen für die jeweiligen Pflegestufen bei weitem die Kosten nicht abdecken."

Da diese Aufgabe aus Steuermitteln nicht zu finanzieren sei, gebe es nur eine Möglichkeit diese Lücke zu schließen: "Wir müssen endlich das letzte, nicht abgesicherte Risiko der Pflege über die gesetzliche Pflegeversicherung in einer entsprechenden Höhe vornehmen."

Alle sonstigen Lebensrisiken seien abgesichert: Krankheit, Alter, Berufsunfähigkeit und Arbeitslosigkeit. "Lediglich das Risiko der Pflegebedürftigkeit ist als Einstieg in die Pflegeversicherung nur eine Teilkaskoversicherung." Die monatlichen Beiträge von ein paar Euros monatlich seien zu wenig, um die angewachsenen Kosten und auch die wesentlich gestiegenen Anforderungen an eine umfassende Pflege zu erfüllen.

Als Landrat a.D. brennt es Nentwig unter den Nägeln zu benennen, wer die Zeche dieser Unterfinanzierung derzeit bezahle: "Die vorhandene Finanzierungslücke zwischen der relativ geringen Summe der gesetzlichen Pflegeversicherung - zum Beispiel Pflegestufe 3 monatlich 1612 Euro - und den tatsächlich monatlichen Bedarf in Stufe drei von etwa 3500 bis 5000 Euro bezahlt die Gemeinde."

Für ihre kranken und pflegebedürftigen Bürger überwiesen sie die Kreisumlagen an den Landkreis - rund 50 Prozent davon würden an den Bezirk weitergereicht. "Dieser führt die Pflegesatzverhandlungen mit den einzelnen Pflege- und Behinderteneinrichtungen und bezahlt die gesamte Differenz."

Pflegezusatzversicherung


Eine Pflegezusatzversicherung die komplett den offenen Betrag abdeckt (monatlich rund 2500 Euro) kostet bei einem Abschluss mit Eintrittsalter 30 Jahre monatlich etwa 20 Euro, mit 50 Jahren 40 Euro.

Ein Verein kämpft an der Seite der Angehörigen: Interview mit dem Vorsitzenden des Schädelhirn-Patienten in Not zur Situation von Wachkoma-Patienten


Mitten aus dem Leben gerissen und doch sehr präsent: Das Schicksal von Wachkomapatienten ist ein spezielles. Für die Angehörigen, die Eltern eine kaum zu schulternde Belastung: die Ohnmacht, das eigene Kind, den Partner hilflos liegen zu sehen; die Ungewissheit, wie es weiter geht; der finanzielle Druck. Armin Nentwig, Altlandrat von Amberg-Sulzbach kennt dieses Schicksal genau: als Politiker und Betroffener, dessen Sohn jahrelang im Wachkoma lag.

Herr Nentwig, Sie sind Gründer und Vorsitzender des bundesweiten Selbsthilfeverbandes Schädelhirn-Patienten in Not e.V. - Deutsche Wachkomagesellschaft. Welche Sonderbelastungen kommen auf betroffene Familien zu?

Armin Nentwig: Unsere Betroffenen sind meist in speziellen Pflegeeinrichtungen untergebracht. Die monatlichen Pflegekosten in der Versorgungsphase F betragen etwa 4500 bis 6000 Euro.

Ein Betrag, den nur wenige leisten können?

95 Prozent aller Familien mit ihren schwerstkranken Wachkomapatienten stürzen deshalb in die Sozialhilfe ab. Dieses Dilemma prangern wir seit 25 Jahren an. Zu diesem Thema hatte ich kürzlich im Bundesministerium für Arbeit und Soziales - zuständig für Teilhabe und SGB IX - ein Fachgespräch, an dem auch Vertreter aus dem Bundesministerium für Gesundheit teilnahmen.

Worum ging es dabei?

Ebene darum, wie diesen Leuten zu helfen ist. Dieses große Ziel habe ich mir noch für unseren Selbsthilfeverband gesetzt. Es kann nicht sein, dass eine Familie mit einem schwerstkranken Patienten - das "Apallische Durchgangssyndrom" ist die schwerste neurologische Langzeiterkrankung - komplett in die Sozialhilfe abstürzt und damit jegliche Absicherung und Lebensgrundlage entzogen wird.

Als Landrat hatten Sie einen Überblick über die Situation in den Pflegeheimen. Wie beurteilen Sie die medizinische Versorgung?

Die medizinische Versorgung in den Pflegeheimen ist allgemein als ausreichend und gut zu bezeichnen. Sie wird überwiegend von den niedergelassenen Allgemeinärzten sowie im besonderen Fall durch die Fachärzte geleistet. Diese arbeiten mit den jeweiligen Fachkräften in der Pflegeeinrichtung auch gut zusammen.

Wie viel Mobilisierungspotenzial vermuten Sie in Pflegeheimen?

Zum allergrößten Teil sind Pflegekräfte durch ihr soziales Denken geprägt und auf den Bewohner, als Mittelpunkt ihrer Arbeit fixiert, um sie so weit wie möglich zu mobilisieren und am täglichen Ablauf und Leben in der Einrichtung teilhaben zu lassen. Unser Motto: "Raus aus dem Bett!" haben wir auch speziell für unsere Wachkomapatienten publiziert. Ein sitzender oder stehender Bewohner entwickelt alleine durch Teilhaben, Wahrnehmen und Einbezogensein mehr Lebensqualität und Körperwahrnehmung. Damit ist er auch wesentlich weniger krankheitsanfällig, Muskulatur und Organe werden bewegt, und gestärkt.

Als Besucher von Pflegeeinrichtungen hat man nicht immer den Eindruck, dass der Bewohner im Mittelpunkt steht ...

Bei personeller Unterbesetzung in der Einrichtung kann es schon sein, dass ein Mobilisieren aus dem Bett in den sitzenden Zustand - meist sind bei Bewohnern in diesem Bereich zwei Pflegekräfte nötig - nicht geleistet werden kann. Die Ursache ist meist Personalmangel und nicht Lieblosigkeit.

Wie beurteilen Sie die Reform der Ausbildung in den Pflegeberufen?

Bezogen auf die Reform der Ausbildung in den Pflegeberufen haben wir höchste Bedenken. Bisher erfolgt die Ausbildung in den Pflegeberufen nach den gesetzlichen Vorgaben in den einzelnen Bundesländern nach dem Altenpflegegesetz und dem Krankenpflegegesetz. Geprüft wird die fachliche Qualifikation in den Pflegeheimen nach dem Heimgesetz - kontrolliert durch die Heimaufsicht bei der Stadt und den Landratsämtern. Altenpfleger, Kinderkrankenpfleger, Gesundheits- und Krankenpfleger sind qualifizierte Fachkräfte.

Durch die Zusammenführung der Ausbildung aller Pflegeberufe soll ein höherer Qualitätsstandard erreicht werden. Sie bezweifeln das?

Der im Januar 2016 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und vom Bundesministerium für Gesundheit gemeinsam vorgelegte Gesetzentwurf zur Reform der Pflegeberufe führt zu einer Zusammenführung der Pflegeausbildungen in einem Pflegeberufsgesetz. Die bisher getrennt ausgebildeten Berufszweige sollen nun in einen Beruf zusammengefasst werden. Dabei haben wir höchste Bedenken, da die drei berufsspezifischen Bereiche der jeweiligen bisherigen Ausbildungen in eine Ausbildung schon rein zeitlich und fachlich keinesfalls zusammengefasst werden können.

Ist es nicht wünschenswert, dass Pflegekräfte Grundkenntnisse in medizinischer Pflege erwerben?

Wir haben die Sorge, dass die gemeinsam ausgebildeten Pflegefachkräfte überwiegend in den Krankenhaus-, Intensivpflege- und Rehabilitationsbereich abwandern, da hier erfahrungsgemäß leistungsgerechter bezahlt wird und meist auch bessere Arbeitsbedingungen herrschen. Eindeutig würde dann die Altenpflege der große Verlierer sein.

Woran liegt es, dass Pflegeberufe so ein schlechtes Image haben? Befürworter der Reform meinen, es lasse sich durch die Anhebung des Leistungsstandards heben.

Zwischenzeitlich überholte Überlegungen gingen sogar davon aus, dass die Pflegeberufe als Zugangsvoraussetzung den höheren Bildungsabschluss benötigen. Dies erachte ich als völlig verrückt und unrealistisch. Im Gegenzug fordere ich, dass der Pflegeberuf - insbesondere die Altenpflege - auch für sozial engagierte Hauptschüler mit Qualifizierendem Abschluss geöffnet werden müsste.

Nur so scheint mir für die Zukunft wenigstens annähernd der Bedarf an Pflegekräften gesichert zu sein. Das soziale Engagement und die Freude an der Pflege alter Menschen müssen im Vordergrund stehen anstatt nur auf mittlere und höhere Schulabschlüsse zu schauen.

Pflegeversicherung ist eben nur Teilkasko und nicht Vollkasko.Armin Nentwig

Hilfe für Patienten im Wachkoma


"Es kann jeden in jedem Moment treffen", formuliert der Bundesvorsitzende den Zweck des Selbsthilfeverbandes für Schädelhirn-Patienten in Not, "durch Unfall mit schwerer Verletzung des Kopfes - Verkehr, Freizeit, Arbeit, durch Wiederbelebung - nach Herzinfarkt. Alltägliche Risiken des Lebens eben."

Mit seiner Arbeit möchten der Verband dazu beitragen, dass von Wachkoma Betroffene, ihre Angehörigen, Partner und Freunde sich über ihre Erfahrungen austauschen und wechselseitig stärken und unterstützen. Die Motivation zur Gründung des Verbandes ist ein privater Schicksalsschlag des Politikers: "Im April 1988 verunglückte mein Sohn Wolfgang. Etwa 50 Minuten war er unter einer Schneelawine begraben und wurde wiederbelebt."

Fünf Monate hätte man um sein Leben gekämpft. "Schlagartig wurde mir so die damals fast völlig fehlende Krankenhaus- und Rehabilitationsversorgung für diese Patienten bewusst. Wir fühlten uns in dieser Zeit alleine gelassen." Wolfgang Nentwig verstarb im September 1988. 1990 gründete Nentwig zusammen mit anderen Betroffenen den bundesweiten Selbsthilfeverband, der zwischenzeitlich über 3000 Mitglieder hat.

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Weitere Informationen:

www.schaedel-hirnpatienten.de
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