Rechtsextremismus-Experte Jan Nowak warnt vor neuen Strategien der Neonazis
"Begleitmusik zu Mord und Totschlag"

Eindringlich warnte Journalist und Rechtsextremismus-Experte Jan Nowak im Rußwurmhaus vor neuen Strategien der Neonazis, die auch in Amberg auftauchen könnten. Bild: Steinbacher
Politik
Amberg in der Oberpfalz
15.09.2016
504
0
 
Den Nationalen Widerstand Amberg gibt es laut Nowak seit einigen Jahren nicht mehr. Hier beteiligte er sich im März 2008 plakativ an einem Aufmarsch in Fürstenzell. Bild: hfz

Auch wenn es in Amberg keine Neonazi-Aufmärsche gibt, die Gefahr der extremen Rechten ist da. Denn sie arbeiten oft landkreisübergreifend, sind über regionale Grenzen hinaus gut vernetzt und könnten so jeder Zeit auch in der Vilsstadt vor der Tür stehen. Davor warnt Rechtsextremismus-Experte Jan Nowak ganz deutlich.

Er war auf Einladung des Linken-Kreisverbands Mittlere Oberpfalz, der Grünen- und der Verdi-Gewerkschaftsjugend im Rußwurmhaus, um neue Strukturen und Aktivitäten der Neonazis und anderer brandgefährlicher Gruppen in Ostbayern vorzustellen. Nach seinen Worten ist es wichtig, genau hinzusehen, auch wenn in Amberg und Umgebung in der jüngeren Vergangenheit keine öffentlichen Auftritte von extremen Rechten bekannt wurden.

Kein Ausstieg, nur Rückzug


Das liege zum einen an einer Art Umstrukturierung, die es bereits 2011 im damals noch existierenden Freien Netz Süd gab (seit Juli 2014 ist es verboten). Es spaltete sich laut Nowak unter anderem wegen der seinerzeit umstrittenen Führungsfigur Patrick Schröder aus Mantel bei Weiden auf, womit ein gewisser Rückzug der Amberger Unterstützerszene begann. Seitdem sei sie außer eines "Grüppchens um Benjamin Boss" selten zu sehen gewesen. Ein Ausstieg ist das aber nicht, warnte Nowak, eher ein Zurückziehen aus "geschäftlichen" beziehungsweise beruflichen und privaten Gründen. Im subkulturellen Bereich der Szene seien einzelne Personen durchaus noch anzutreffen, indem sie zum Beispiel teils sogar über Ländergrenzen hinaus auf entsprechende Konzerte rechtsextremistischer Bands fahren.

Unter dem Namen Proll-Crew Schwandorf firmierende Leute tauchten nach Nowaks Auskunft bei einem sogenannten Blood-and-Honour-Konzert in Slowenien auf. "Bei den Schwandorfer Neonazis sind auch Amberger dabei", sagte der Journalist und mahnte, solche Rechtsrock-Auftritte ernstzunehmen. "Das ist die Begleitmusik zu Mord und Totschlag", skizzierte Nowak die Richtung und warnte, dass das Label Schwandorf nicht an Ortsgrenzen Halt macht. Die Proll-Crew von dort sei auch schon in Dortmund aufgetaucht und präsentiere sich zumindest im "völkisch-nationalen Fahrwasser".

Völkisch-nationale Gefahr


Auch wenn das nicht mit den dominanten Strukturen des sogenannten Dritten Wegs, der 2013 neugegründeten rechtsextremistischen Partei, identisch ist, verberge sich hinter diesem Gedankengut die gefährliche Ideologie des Nationalsozialismus. Dabei werde das Volk als lebender Organismus mit eigener Identität betrachtet. "Es ist das maßgebliche Subjekt der Geschichte, das Individuum hat sich unterzuordnen", umriss Nowak diese Volks-Sicht, die oft mit Gebietsansprüchen einhergehe. Hinzu komme eine "arteigene Kultur oder Religion", die gern auf germanische Traditionen Rückgriff nehme. Als Beispiel nannte der Referent eine Sonnwendfeier in Furth am Drachensee oder die von Rechtsextremen gerne gewählten Vornamen mit Bezug zu Donnergott Thor.

"Man muss das schon ernstnehmen, was aus der Logik des völkischen Nationalismus resultiert , denn die meinen es todernst", sagte Nowak. Konkret meinte er damit, dass diese Anhänger die Volksseele und ihre Identität in Gefahr sehen, wogegen sie sich wehren. Notfalls mit immer härteren Methoden. "Das ist das Thema der extremen Rechten momentan", schloss Nowak den unseligen Kreis und warnte davor, das zu unterschätzen.

Kleine Orte im Visier - Experte warnt vor neuen Strategien


"Täter werden zu Tätern, weil sie das Gefühl haben, den Willen einer schweigenden Mehrheit zu exekutieren."So beschreibt Rechtsextremismus-Experte Jan Nowak die Motivation von Menschen, die Asylbewerber und deren Unterkünfte angreifen. Und er erinnerte bei seinem Vortragsabend in Amberg daran, dass es erst im Februar auch in Hirschau einen versuchten Brandanschlag auf eine Flüchtlingswohnung gegeben hat. "Fast überall, wo Flüchtlingsunterkünfte geschaffen wurden, sind in der Nähe Aufkleber und Plakate des Dritten Wegs aufgetaucht", schilderte der Referent die Präsenz der rechtsextremistischen Partei, die mit getarnten Sprechern auch bei Bürgerversammlungen zum Thema versuche, "sich zum Anwalt der Leute zu machen".

Eine weitere Strategie hat Nowak verstärkt seit Jahresbeginn beobachtet: Der Dritte Weg mache oft bewusst in sehr kleinen Orten Veranstaltungen - mit dem Erfolg, "dass zu 40 eigenen Vertretern 40 Zuhörer kommen", von denen zumindest ein Teil bei Demonstrationen mitmarschiere. In mehreren Gemeinden im Bayerischen Wald habe das geklappt. Dort gelang es "den Neonazis von vor Ort, auf niedrigem Niveau die Leute anzusprechen", schilderte Nowak. Er warnte, dass so etwas "auch in Amberg schnell gehen kann", wenn einer hier dem Dritten Weg wieder (s)ein Gesicht geben will.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.