Stadt begrüßt 45000. Bürger
Bewusst für Amberg entschieden

Das Team vom Einwohneramt um Amtsleiter Martin Schafbauer (Zweiter von rechts) war vorbereitet und begrüßte den 45 000. Einwohner der Stadt standesgemäß. Bürgermeister Martin Preuß (Zweiter von links) überreichte Michael Dimke als Willkommensgeschenk unter anderem ein Amberger Fassl mit allen in der Stadt gebrauten Biersorten. Bild: Hartl
Politik
Amberg in der Oberpfalz
06.10.2016
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"Wir rechnen inzwischen damit, dass es mit unserer Zensus-Klage vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof erst ab Anfang nächsten Jahres weitergehen kann." Zitat: Dr. Bernhard Mitko, Rechtsreferent der Stadt Amberg

Der OTH-Student Michael Dimke ist der 45 000. Einwohner der Stadt Amberg. Dass der 20-Jährige sich für die Oberpfalz entschied, hat gewissermaßen familiäre Gründe.

Denn die Schwester von Michael Dimke, der aus Forstinning bei München stammt, studiert schon in Amberg. "Und sie hat mir viel Gutes über die Stadt erzählt." Das Studium der Elektro- und Informationstechnik hätte der junge Mann auch in München antreten können, doch verzichtete er auf den Platz dort zugunsten von Amberg. Seit Sonntag ist er hier und mit seiner Wahl zufrieden: "Ein schönes Städtchen." Obendrein gab es von Bürgermeister Martin Preuß für den 45 000. Einwohner ein Amberger Fassl mit Flaschenabfüllungen aller Biere, die hier gebraut werden, sowie ein Schafkopfspiel.

Dass der 45 000. Amberger ein OTH-Student würde, war von vornherein sehr wahrscheinlich, da das Einwohneramt erstmals mit einer Serviceaktion nach dem Motto "Spar dir den Weg ins Rathaus" an die Hochschule gegangen war. An einem mobilen Arbeitsplatz konnten die Neu-Amberger ihre komplette Anmeldung erledigen. Martin Schafbauer, der Leiter des Einwohneramtes, freute sich, dass das Angebot rege nachgefragt wurde. Natürlich müssten sich nicht alle 450 Erstsemester ummelden, da viele aus der Region stammten und weiter daheim wohnten, "aber unsere klassischen Kunden sind die Leute aus den Studentenwohnheimen".

Sie mussten sich entscheiden, ob sie Amberg als Erst- oder als Zweitwohnsitz nehmen. Andere Kommunen verlangen da eine Zweitwohnungssteuer, Amberg beschreitet einen anderen Weg: Wer hier seinen Erstwohnsitz nimmt, bekommt den Studentenwerksbeitrag erstattet - im Semester 52 Euro. Am Abend stand der Zähler des Einwohneramtes auf 45 021 Ambergern. Welchen Anteil die Flüchtlinge an der Aufwärtsentwicklung haben, lässt sich grob daran ablesen, dass im vergangenen Jahr die Zahl der Ausländer mit Hauptwohnsitz hier um 348 stieg.

Zensus rechnet anders


Die Zahl 45 000 beruht auf den Daten der Stadt selbst und nicht auf dem Zensusergebnis von 2011, nach dem die Stadt damals nur 41 938 Einwohner mit Hauptwohnsitz hatte, während ihre eigenen Unterlagen 43 529 auswiesen. Die Musterklage, die Amberg deshalb gegen den Freistaat führte, wurde vom Verwaltungsgericht Regensburg 2015 abgewiesen, ging aber als Berufung an den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof.

Nächstes Jahr geht's weiter


Dort ist sie derzeit "auf ruhend gestellt", erläuterte der Amberger Rechtsreferent Dr. Bernhard Mitko auf AZ-Anfrage. Die Stadt und das Gericht seien sich einig, mit einer Fortsetzung zu warten, bis das Bundesverfassungsgericht sein Urteil zur Klage der Bundesländer Berlin und Hamburg in Sachen Zensus gefällt habe. "Bisher dachten wir, es gäbe eine Chance, dass das heuer noch passiert. Aber daraus wird jetzt wohl nichts mehr."

Inzwischen gehe man davon aus, dass die Entscheidung in Karlsruhe erst Anfang nächsten Jahres falle. Dann könne es in München weitergehen. Bis zum Urteil dort werde es danach aber sicher noch dauern, da neben den rechtlichen auch etliche andere Fragen zu klären seien. Bis dahin muss die Stadt damit leben, dass ihre Schlüsselzuweisungen nach den Zensus-Zahlen berechnet werden - und mehr als 1500 Köpfe weniger bedeuten da eine empfindliche Einbuße.

Wir rechnen inzwischen damit, dass es mit unserer Zensus-Klage vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof erst ab Anfang nächsten Jahres weitergehen kann.Dr. Bernhard Mitko, Rechtsreferent der Stadt Amberg

Angemerkt: Der Wandel wandelt sich


Da ist es nun wieder, das Statistik-Desaster: Von 2005 an sollte Amberg doch kontinuierlich an Einwohnern verlieren. Auf der Homepage der Regierung der Oberpfalz findet sich noch das schöne Diagramm mit der Bevölkerungsentwicklung der Stadt zwischen 2000 und 2030, die nach fünf Jahren nur noch eine Richtung kennt: nach unten.

Zur Ehrenrettung der Statistiker und Prognosen-Ersteller muss man sagen, dass sie sicher nicht absichtlich zu falschen Zahlen gekommen sind. Sie haben nach den Regeln ihres Fachs die vorrätigen Daten hochgerechnet und damit - wissenschaftlich abgesichert - die Zukunft vorhergesagt. Die Tücken dieser Methode hat schon Karl Valentin in seinem berühmten Bonmot "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen" erfasst. Denn natürlich kann im Prognosezeitraum immer etwas (Unvorhersehbares) passieren, das gegenläufige Entwicklungen anstößt. Im Amberger Fall braucht man da nur an den Flüchtlingszustrom zu denken oder an die Anziehungskraft neuer OTH-Studiengänge.

Man muss deshalb nicht gleich die alte Statistik-Schelte anstimmen ("Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast" - ein übrigens fälschlich Winston Churchill zugeschriebenes Zitat). Besser ist es, die steigende Einwohnerzahl als Ermutigung zu begreifen: dass man den demografischen Wandel, der fast überall ein Schrumpfungsprozess ist, nicht als gottgegeben hinnehmen muss; dass man ihn mit geeigneten Maßnahmen aufhalten und sogar in sein Gegenteil wenden kann. Dann begreift man auch, wie klug die alten Griechen waren, die in Gestalt des athenischen Staatsmannes Perikles erkannten: "Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen, sondern darauf, auf sie vorbereitet zu sein."
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