Zeitzeugen erzählen vom Terror der Nazis
"Es waren alles Lügen"

Die Zeitzeugen Lazar Kleinman, Erwin Farkas und Martin Hecht (von links) berichteten den Schülern des Berufsschulzentrums von ihren Erlebnissen in den Arbeitslagern der Nazis. Hier halten sie die Porträtbilder hoch, die von ihnen nach dem Krieg in einem Waisenhaus für Kriegsflüchtlinge gemacht wurden. Bild: Steinbacher
Politik
Amberg in der Oberpfalz
17.04.2016
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Die Schüler des Berufsschulzentrums hörten gespannt zu. Bild: Steinbacher

Sie waren rumänische Jugendliche. Die Nazis brachten ihre Eltern um. Sie selbst überlebten den Krieg nur knapp. Im Berufsschulzentrum erzählten Zeitzeugen den Schülern ihre Geschichte. Dafür nahmen sie weite Reisen in Kauf.

Die Erlebnisse, von denen Lazar Kleinman berichtet, sind schrecklich. Es ist eine Lebensgeschichte, wie sie Opfer der Nazidiktatur erzählen können und erzählen müssen. Kleinman ist eines dieser vielen Opfer gewesen. Ein rumänischer Jude.

Ehering für Brot


Am Freitag war er mit zwei anderen zu einem Zeitzeugengespräch in das Berufsschulzentrum eingeladen. Kleinman stellte sich allen mit seinem Vornamen vor. Dieser habe für ihn eine besondere Bedeutung erlangt, sagt er. Eine Andeutung, die er erst später auflöst. Lazar beginnt, auf Englisch zu erzählen. Im Jahr 1929 wurde er als Sohn eines Rabbiners geboren und sehr religiös erzogen. Seine Familie sei arm gewesen, aber sie waren sehr glücklich. Er hatte sieben Geschwister. "Macht euch nicht über andere lustig", ist einer seiner ersten Sätze, "denn keiner ist perfekt." Lazar erlebte Mobbing an der Schule: "Geh zurück nach Palästina", hätten sie gesagt. "Du hast Jesus getötet." Die Feindseligkeit gegenüber Lazar und seiner Religion war anfangs harmlos, doch das änderte sich bald. Im April 1944 seien ungarische Faschisten gekommen und hätten gesagt, sie würden seinen Vater nach Russland bringen, damit er dort Schützengräben aushebe. "Sie haben mich angelogen. Sie haben ihn direkt nach Auschwitz gebracht." Jahre später habe er seinen Namen in der Opferliste des Konzentrationslagers gefunden.

Einen Monat später kamen wieder ungarische Faschisten. Sie sagten, die ganze Familie würde weggebracht und müsse in einer Ziegelfabrik arbeiten. Wer Glück habe, komme auf einen Weinberg. Alle waren glücklich, doch in Wirklichkeit seien das auch Lügen gewesen, berichtet Lazar. "Sie haben auch uns nach Auschwitz gebracht." Auf der Fahrt in den vollgepferchten Güterwaggons verkaufte seine Mutter ihren Ehering für einige Scheiben Brot und Wasser. Im Vernichtungslager war Lazars Familie bereits weg, als er registriert wurde. Ihm wurde gesagt, er solle sich an eine bestimmte Stelle des Lagers begeben und heute nicht mehr duschen. Als Lazar abends in die Baracken gebracht wurde, hat er nach seiner Familie gefragt. Ein Mithäftling sagte: "Wovon redest du, siehst du nicht die Kamine, den Rauch. Siehst du nicht die Gaskammern? Alle gehen dort hinein, keiner kommt wieder heraus." "Ich habe meine Familie nie wieder gesehen", sagt Kleinman.

Lazar, damals ein Jugendlicher von15 Jahren, wurde ins Außenlager Buna gebracht und zu schwerer Arbeit gezwungen. Er berichtet, wie die Menschen während der Arbeit durch die Mangelernährung einfach tot umfielen. Mehrfach wurde er in andere Lager verlegt und machte zu Kriegsende einen Todesmarsch mit. Während der gesamten Zeit hielt Lazar Kleinman auch sein Glaube am Leben. Er gab einfach die Hoffnung nicht auf. Auf dem Todesmarsch sei er beim Durchqueren einer Kleinstadt einmal in eine Dreckpfütze gefallen. Da habe er sich gedacht: "Ok, Gott: Ich will nicht mehr, dass wir dein auserwähltes Volk sind. Nimm jemand anderen. Wenn du aber meinen Glauben prüfen willst, verspreche ich, ein Jahr in eine Religionsschule zu gehen, wenn ich hier rauskomme." Er sei aus der Pfütze aufgestanden und die Bewohner der Stadt seien auf ihn zugekommen und hätten ihm Kaffee und Brot angeboten. Das sei für ihn wie ein Wunder gewesen. Nach seiner Befreiung löste er sein Versprechen ein: Er ging für ein Jahr in eine Thora-Schule.

Lazar überlebte den Todesmarsch. Ein amerikanischer Soldat fand ihn am 23. April 1945 in einem Straßengraben. Er habe ihn gefragt: "Wie heißt du?" Er antwortete "Lazar". "Bist du Jude? Ich bin auch Jude und komme aus New York. Du heißt Leslie!" Seitdem trage er diesen Namen.

Einsatz für den Frieden


Auch die beiden anderen Zeitzeugen, die an diesem Tag ins Berufsschulzentrum gekommen sind, hatten bewegende Geschichten zu erzählen. Sie hatten eine wesentlich weitere anreise als Leslie, der aus Südengland kam. Die drei vereint, dass sie allesamt rumänische Juden sind, die im Krieg ihre Familie in Auschwitz verloren und nach dem Krieg im gleichen Waisenhaus untergebracht wurden. Martin Hecht kam für seinen Vortrag extra aus Israel, Erwin Farkas aus Minnesota. Gemeinsam öffneten sie sich den Schülern und erzählten ihre Erlebnisse. Hass auf Deutschland haben sie nicht mehr. Für Erwin Farkas ist der Holocaust inzwischen sogar wieder gut gemacht. Er fühlt sich durch die Entschädigungszahlungen, die Deutschland noch an ihn leistet, gewürdigt.

Lazar Kleinman ist es wichtig, dass seine Zeit in Auschwitz und all das Leid nicht vergebens waren. Er besucht häufig Schulen und versucht den Schülern zu zeigen, wie wichtig es ist, sich gegenseitig als die Menschen anzunehmen, die sie sind und andere nicht wegen der Hautfarbe, Religion oder des Glaubens zu diskriminieren.
Wenn du meinen Glauben prüfen willst Gott, verspreche ich, ein Jahr in eine Religionsschule zu gehen, wenn ich hier rauskomme.Lazar Kleinman
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