Der dreifache Stadtmeister im Skispringen
Hans Wunsch feiert am 28. Januar 2016 seinen 95. Geburtstag

Die Arme leicht nach vorne gestreckt, eine noch nicht windschnittige Zipfelmütze auf dem Kopf, flatternde Hosen: Das Outfit von Hans Wunsch (Bild) als Skispringer auf der Freundenberger Schanze am Fuße des Johannisberges. Bild: privat
Sport
Amberg in der Oberpfalz
27.01.2016
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Ein bisschen stolz ist Hans Wunsch schon auf den Wanderpokal, der ihn als dreifachen Stadtmeister im Skispringen ausweist. Bild: ref
 
Hans Wunsch (links) und ein Kollege von der Skivereinigung Amberg beim Bau der Freudenberger Schanze 1953. Bild: privat

"In der allgemeinen Klasse dominierte Hans Wunsch. Bewundernswert waren sein Absprung, seine ruhige und sichere Haltung und sein eleganter Aufsprung. Mit zwei Sprüngen von je 29 Metern erreichte er 193,4 Punkte und damit die Tagesbestnote", schrieb die Amberger Zeitung.

Über sechs Jahrzehnte ist das her, und wenn Hans Wunsch heute davon spricht, leuchten seine Augen und er gerät ins Schwärmen. "Da ist der Pokal, da ist alles eingraviert", sagt er und deutet auf eine Trophäe, die auf dem Schrank im Wohnzimmer steht. "Den hat man nur bekommen, wenn man dreimal hintereinander oder fünfmal gewonnen hat. Ich habe ihn behalten. Das war eine schöne Zeit", erklärt er. Hans Wunsch wird heute, am 28. Januar, 95 Jahre alt.

Drei schlichte Daten sind auf dem Pokal zu sehen - und sein Name. 1952/53, 1953/54 und 1954/55. Dreimal hintereinander wurde Hans Wunsch Stadtmeister im Skispringen. "Das waren Zeiten damals. Viele Zuschauer noch und noch. Für Amberg war das Springen in Freudenberg eine Sensation." Als ob es gestern gewesen wäre, erzählt der rüstige Rentner von seinen sportlichen Erfolgen, die ihm damals als Mitglied der Skivereinigung Amberg (SV) in Freudenberg gelangen.

2000 Zuschauer


Im ersten Jahr noch auf einer Schanze neben der Bergwachthütte, in den darauf folgenden Jahren auf der neuen Sprungschanze, die im Winter 1953/54 beim Sportplatz eingeweiht wurde. Das Eröffnungsspringen am 31. Januar 1954 hat er gewonnen, eine Erinnerungsurkunde in einem seiner Foto-Alben zeugt davon. Karl-Heinz Matejcek, langjähriger Vorsitzender der Skivereinigung Amberg, hatte 1994 zum 60-jährigen Bestehen der SVA in alten Zeitungen nachgeforscht: "Damals kamen zu den Springen bis zu 2000 Zuschauer nach Freudenberg", berichtete er in seinem Festvortrag von den Höhepunkten des Vereins.

"Wir sind immer im Bus hingefahren und haben uns die Füße in den Bauch gefroren und gewartet bis der Onkel Hans gesprungen ist", erinnert sich Peter Bartel, ein Groß-Cousin von Wunsch. Bei Bartels Eltern in Amberg hat der begeisterte Skispringer nach dem zweiten Weltkrieg eine neue Heimat gefunden. "Ich bin ja als Skifahrer geboren, ich komme aus dem Riesengebirge", sagt Wunsch. 1921 kam er in Tiefenbach zur Welt, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Harrachsdorf, das damals schon ein bekannter Wintersportort war - 1920 wurde dort bereits für Skispringer die so genannte die Teufelsschanze errichtet. "Aber wir haben damals als Kinder unsere Schanzen selbst gebaut", erinnert sich Wunsch.

"So viel Glück"


Vom Riesengebirge in die Oberpfalz war es ein weiter und beschwerlicher Weg. Wunsch kam im Zweiten Weltkrieg zu den Pionieren - und geriet in russische Gefangenschaft. Bei der Schilderung, wie er 1949 nach Amberg kam, schüttelt er immer wieder den Kopf. "Ich habe soviel Glück gehabt. Ich kann das bis heute nicht begreifen. Wir sind in Russland entlassen worden. Da hat es geheißen, wer seine Eltern oder Geschwister nicht findet, der wird in den Osten Deutschlands entlassen. Wir hatten dafür 14 Tage Zeit. Meine Mutter ist in jungen Jahren gestorben. Mein Vater lebte noch, aber ich wusste nicht wo. Am letzten Tag kam ein Telegramm für mich: 'Sie werden gesucht von ihrer Schwester Olga', stand da. Ich habe aber keine Schwester. Das war die Schwester meiner Mutter, die hat in Amberg gelebt. Das war meine Rettung, dass ich hierher kommen durfte. Ich habe den Russen natürlich nicht gesagt, dass ich keine Schwester habe, da wäre ich ja dumm gewesen." Hans Wunsch hatte eine Ausbildung als Dreher in seiner Heimat im Riesengebirge gemacht, und fand in Amberg bald eine Anstellung. Das erste, was ihn zudem nach der Gefangenschaft bewegte, waren - ein paar Ski. "Zum Skispringen habe ich überhaupt kein Geld gehabt, ich habe von der Amberger Skifabrik Männer dann leihweise Ski bekommen." 1952 trat er der Skivereinigung Amberg bei, half beim Bau der Schanze in Freudenberg mit - und konnte seiner Leidenschaft nachgehen. "Ich war damals überall unterwegs. Oft haben mich Soldaten auf ihren Lastwagen mitgenommen."

Neun Schanzen


Wo genau - da lässt ihn das Gedächtnis dann doch im Stich. Die Chronik von Karl-Heinz Matejcek listet für die 50er Jahre neun Sprungschanzen in der Umgebung auf: In Freudenberg, Hirschau, Etzelwang, Schnaittach, Auerbach, Hainbronn, Windischeschenbach, Neumarkt und Artelshofen. In Artelshofen hat Hans Wunsch auf der "Frankenjura-Schanze" am 14. Februar 1954 ebenfalls das Eröffnungsspringen gewonnen - in der Altersklasse. "Ich war damals immer der Älteste. Mein Sprichwort ist - denn ich bin ein alter Spruchbeutel: Da gehst viereinhalb Jahre nach Sibirien, das hält jung und frisch." Seine zahlreichen Erfolge auf den diversen Schanzen kamen für viele der damaligen Wintersportler überraschend: "Es hat mich ja niemand gekannt." Erst nach den Stadtmeistertiteln war der Name Wunsch ein Begriff.

31 Jahre alt war er beim ersten Sprung in der Oberpfalz. Wenig später wechselte er seinen Beruf und fing bei der Eisenbahn an. Ab da kam Hans Wunsch noch weiter herum - zu etlichen Eisenbahner-Meisterschaften. "In Neukirchen Heiligen Blut war die größte Schanze, von der ich je gesprungen bin. Das war eine 80-Meter-Schanze", sagt Wunsch. In Freudenberg stand eine mit Sprüngen bis zu 30 Metern.

Pioniere am Monte


Aber nicht nur das Skispringen betrieb er mit Leidenschaft, auch auf alpinen Brettern war der begeistere Wintersportler unterwegs. Und nicht nur im Winter: "Die ersten, die am Monte Kaolino in Hirschau Ski gefahren sind, das waren wir von der Skivereinigung Amberg, das will heute kein Mensch mehr glauben. Der Götz Martin hat uns da hingeführt. Den haben's immer ausgelacht, wenn er auf dem Radl mit den Skiern nach Hirschau gefahren ist. Kommt's halt mal mit, hat er immer gesagt." Sie kamen mit, auch Hans Wunsch. Das Spektakel am Monte blieb nicht lange unbeobachtet. Mitte der 50er Jahre kam ein Team von der "Wochenschau" - die Filmberichte wurden damals im Kino als Vorprogramm gezeigt - und berichtete über das sommerliche Treiben am weißen Berg.

Ich bin ja als Skifahrer geboren, ich komme aus dem Riesengebirge.Hans Wunsch, dreifacher Amberger Stadtmeister im Skispringen

"Meine Urlaube habe ich nur im Gebirge verbracht, in Südtirol", sagt Hans Wunsch. Ins Pfossental, in die Almregion Hochötz, ins Zillertal, in den Bregenzer Wald oder nach Kirchberg in die Kitzbüheler Alpen. Immer zusammen mit seiner vor vier Jahren verstorbenen Frau Franziska, die er 1956 geheiratet hatte. Das Paar blieb kinderlos, und so kümmert sich heute Thomas Schuster, ein Neffe, um ihn. Mit Peter Bartel, bei dessen Eltern er eine neue Heimat gefunden hatte, telefoniert er mehrmals die Woche - Bartel war 1956 mit Vater und Mutter ins Rheinland gezogen.

Krumme LankeHans Wunsch wohnt seit über 50 Jahren in einer Wohnung der Baugenossenschaft von Angehörigen der Verkehrsanstalten. Für seine Treue wurde er im vergangenen Jahr bei einer Feier geehrt und sollte dazu eine Rede halten. Aber kurz entschlossen stellte sich Wunsch hin und trug mit seinen damals 94 Jahren in leichtem Singsang das Lied von der "Krummen Lanke" vor - fehlerfrei. "Da haben alle gestaunt, wie gut ich das konnte", sagt Hans Wunsch. Ein Mit-Kriegsgefangener in Sibirien hat ihm das Lied damals immer wieder vorgesungen, und das hat sich bei Wunsch so eingeprägt, dass er es heute noch auswendig vortragen kann.

Das Lied, vorgetragen von Hans Wunsch können Sie hier anhören
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