Interview mit Anja Scherl
Auf dem Weg nach Rio

Überglücklich im Ziel und im Blickpunkt der Fernsehkameras: Anja Scherl aus Ursensollen bejubelt am 17. April beim Marathon in Hamburg nach ihrem Zieleinlauf den dritten Platz - das Ticket für die olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Bild: dpa
Sport
Amberg in der Oberpfalz
03.06.2016
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Marco und Anja Scherl. Bild: hfz

Anja Scherl - ihr Name ist momentan nicht nur in Läuferfachkreisen in aller Munde. Schließlich hat es die Läuferin der LG Telis Finanz Regensburg geschafft, frischen Wind in die nationale Frauenlaufszene zu bringen und sich still und leise zur derzeit schnellsten deutschen Marathonläuferin hochzuarbeiten.

Nach der offiziellen Nominierung durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) steht fest: Anja Scherl aus Ursensollen vertritt Deutschland bei den olympischen Spielen in Rio.

Vor einem halben Jahr hatte sie noch niemand auf der Rechnung, wenn es in Diskussionen über die Vergabe von Startplätzen für die olympischen Spiele ging. Aber spätestens seit ihrem grandiosen Halbmarathon in Barcelona (1:11:17 Stunden), mit dem sie sich im Februar für die Europameisterschaften in Amsterdam qualifizierte, war klar, dass in der 30-Jährigen ganz viel Potenzial schlummert.

Acht Wochen später bestätigte Scherl ihre überragende Form und sicherte sich mit einem mutigen Rennen und einer sensationellen Zeit von 2:27:50 den dritten Platz beim Hamburg-Marathon. Sie verbesserte dadurch nicht nur ihre bisherige Bestzeit um mehr als acht Minuten, sondern unterbot zudem souverän die deutsche Olympianorm. Dafür wurde die Athletin mit einem Ticket nach Rio belohnt und wird im August an der Startlinie des olympischen Marathons stehen.

Unterstützt und begleitet wird Scherl von ihrem Ehemann und Trainer Marco. Wir haben mit den beiden gesprochen, um einen Einblick in das Leben, das Training und die Ziele des Erfolgsduos zu bekommen.

Durch die Qualifikation für die olympischen Spiele sind Sie von heute auf morgen "berühmt". Wie war die Resonanz?

Anja Scherl: Berühmt würde ich nicht sagen. Beim Bäcker um die Ecke werde ich noch nicht erkannt ;-) Aber es stimmt schon, nach Hamburg haben sich einige Medienvertreter bei mir gemeldet. Besonders gefreut habe ich mich natürlich über die vielen Glückwünsche von unserer Familie, unserer Verwandtschaft und unseren Freunden. Es hat mich auch sehr gefreut, dass sehr viele aus dem ganzen Landkreis meinen Marathon im Fernsehen verfolgt und mitgefiebert haben.

Wie sehen die Planungen für Rio aus? Wann geht es los?

Anja Scherl: Für mich stehen die Reisedetails noch nicht fest. Fest steht, dass Marco dabei ist. Wir werden wahrscheinlich in der zweiten Olympiawoche anreisen und nach der Abschlussfeier wieder zurück nach Deutschland kommen.

Welche Chancen rechnen Sie sich in Rio aus? Oder zählt nur der olympische Gedanke?

Anja Scherl: Für mich geht es zunächst einmal darum, dass ich verletzungsfrei, gesund und gut durch die Vorbereitung komme. In Rio will ich dann in Top-Form an der Startlinie stehen, ein gutes Rennen abliefern und die deutschen Farben würdig vertreten. Da durch das Klima, Zeitverschiebung, Konkurrenzen viele Unbekannten auf mich zukommen, ist eine Platzierung oder Zeit schwierig zu prognostizieren.

Sie arbeiten als Softwareentwicklerin und trainieren in Ihrer Freizeit. Spielen Sie manchmal mit dem Gedanken, eine Auszeit zu nehmen und eine Profilaufbahn einzuschlagen?

Anja Scherl: Nein, eine Profilaufbahn wäre nichts für mich. Dafür ist mir meine Arbeit zu wichtig und macht mir, besonders wegen meinen Kolleginnen und Kollegen, einfach zu viel Spaß.

Wie hat Ihr Arbeitgeber auf Ihren Erfolg reagiert?

Anja Scherl: Ich habe sehr viele Glückwünsche bekommen. Grundsätzlich ändert sich nichts, aber für die Olympia-Vorbereitung habe ich z.B. zwei Trainingslager geplant, für die ich freigestellt werde. Ansonsten habe ich, wie bisher auch, die Möglichkeiten Home Office und flexiblen Arbeitszeiten zu nutzen, um mein Trainingsprogramm optimal mit der Arbeit unter einen Hut zu bringen.

Was geht Ihnen während eines Marathons so durch den Kopf? Nehmen Sie das Außen, die Zuschauer wahr oder sind Sie total fokussiert?

Anja Scherl: Ich fokussiere mich voll auf das Rennen, trotzdem nehme ich natürlich die Zuschauer und die Atmosphäre bei einem Marathonrennen wahr. Die Stimmung an der Strecke ist ja auch etwas ganz besonders bei einem Marathon. Ich bekomme rückblickend immer noch Gänsehaut, wenn ich an die Stimmung an den Hamburger Landungsbrücken oder die letzten Meter vor dem Zieleinlauf denke.

Sie bringen sicherlich einiges an Laufkilometern zusammen. Wie viele Laufschuhe besitzen Sie?

Anja Scherl: Nicht viele, drei oder vier Paar.

Marco Scherl: Anja besitzt mindestens zehn Paar Laufschuhe!

Marco - Sie sind nicht nur der Ehemann, sondern auch der Trainer von Anja. Wie sieht die Verpflegung beim Marathon aus?

Marco Scherl: Anja trinkt bis km 30 ausschließlich Mineralwasser ohne Kohlensäure. Frühestens zwischen km 30 und 35 beißt sie mal von einer Fruchtschnitte. In Hamburg hat sie komplett auf Kohlenhydrate verzichtet. Für Rio sind wir gerade dabei, aufgrund der besonderen klimatischen Bedingungen und der damit verbundenen, höheren Schweißrate, uns eine Verpflegungsstrategie zu überlegen. Sie wird aber sicherlich sehr kohlenhydratarm sein.

Warum die Erfolge? Was zeichnet Anja als Läuferin aus?

Marco Scherl: Ich denke, dass Kontinuität und der Fokus auf ein realistisches Ziel die Schlüssel zum Erfolg sind. Anja betreibt seit fast zehn Jahren Leistungssport. Natürlich waren zu Beginn ihrer "Laufkarriere" solche Erfolge nicht absehbar. Zuerst wollte sie eine bayerische Medaille, dann eine deutsche Mannschafts- und später eine deutsche Einzelmedaille gewinnen. Irgendwann wuchs der Traum, einmal im Nationaltrikot zu starten. Anja ist sehr willensstark und ehrgeizig. Wenn sie sich einmal ein Ziel gesteckt hat, ist es schwer, sie davon abzubringen.

Sie sind als Anjas Trainer mitverantwortlich für die großen Erfolge. Haben auch schon andere Athleten bei Ihnen angefragt?

Marco Scherl: Ich hatte tatsächlich schon die eine oder andere Anfrage. Mir macht es auch unglaublich viel Spaß zu sehen, wie sich die Leistungen auf lange Sicht entwickeln. Ob ich in Zukunft auch noch andere Athleten trainiere, wird sich zeigen. Im Moment gilt meine alleinige Aufmerksamkeit Anja.

HintergrundAm 14. August der große Tag

Amberg. (sil) Die Olympischen Spiele 2016 werden vom 5. bis zum 21. August in Rio de Janeiro ausgetragen. Der Marathonlauf der Damen findet am Sonntag, 14. August, statt. Deutsche Teilnehmerinnen sind Anja Scherl, Lisa Hahner und Anna Hahner.

Start und Ziel befinden sich in Rio de Janeiro, im Stadion Sambodromo, mit vollem Namen Sambodromo da Marques de Sapucai. Das Stadion bietet Platz für 88 500 Zuschauer.

Den Marathon-Weltrekord bei den Frauen hält Paula Radcliffe (Großbritannien) mit 2:15:25 Stunden, den olympische Rekord stellte Tiki Gelana aus Äthiopien mit 2:23:07 Stunden 2012 in London auf. Amtierende Weltmeisterin ist Mare Dibaba, ebenfalls aus Äthiopien, die in 2015 in Peking die 42,195 km in 2:27:35 Stunden lief.

Anja Scherls Qualifikationszeit in Hamburg war 2:27:50.

Bei den Herren gehen am Sonntag, 21. August, Arne Gabius, Philipp Pflieger und Hendrik Pfeiffer für Deutschland an den Start.

Tipps vom Fachmann

Amberg. (sil) Marco Scherl trainiert bisher sehr erfolgreich seine Frau Anja. Seine Tipps für alle, die erstmals einen Marathon laufen möchten: "Eine pauschale Antwort ist hier schwierig, da es natürlich sehr davon abhängig ist, wie lange man schon läuft, welche Strecke man am Stück bereits laufen kann und wie oft man in der Woche trainiert. Prinzipiell kann ich aber folgende Tipps geben um einen Marathon nicht nur erfolgreich zu finishen, sondern auch den Lauf in positiver Erinnerung zu behalten ohne die Gesundheit zu gefährden", sagt Marco Scherl.

Gesundheitscheck

Kein Marathon der Welt ist es wert, seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Realistische Ziele setzen

Geht man mit einer zu hohen Zielvorstellung an die Marathonvorbereitung, lässt die Motivation schnell nach. Nichts ist demotivierender als falsche, zu hohe persönliche Erwartungen.

Vorbereitungszeit

Auch wenn man bereits einen Halbmarathon laufen kann, sehe ich 20 Wochen Vorbereitungszeit für einen Marathon als notwendig an.

Viele lange Läufe

In der Vorbereitung sollte man mindestens sechs lange Läufe gemacht haben, davon 4 x 35 km am Stück.

Wenig Wettkämpfe davor

Reduziere in der Marathonvorbereitung andere Wettkämpfe auf die zwingend notwendigen. Der Fokus liegt ausschließlich auf dem Marathon. Wettkämpfe gehen meist zu Lasten der langen Läufe.

Ausreichend Regeneration

Die letzten zwei Wochen vor dem Marathon nur noch locker trainieren. Was man 14 Tage vor dem Marathon nicht trainiert hat, kann man nicht mehr nachholen.

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