Mit Roter Beete und Kefir
Gratas Sirgedas, ein litauischer Nationalspieler beim FC Amberg

Ein Trio, das sich gefunden hat (von links): Teammanager Hubert Kirsch vom FC Amberg, Gratas Sirgedas und Spielervermittler Ozan Capan. Bild: ref
Sport
Amberg in der Oberpfalz
25.08.2016
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Ein litauischer Nationalspieler im Trikot des FC Amberg: Gratas Sirgedas (Bild). Inzwischen harmoniert er fast perfekt im Angriff zusammen mit Marco Wiedmann und Sven Seitz. Was ihm noch fehlt: Dass er den Ball auch mal bekommt, wenn er von zwei Gegnern gedeckt wird. Da trauen sich seine Mitspieler noch nicht so recht, ihn auch in so einer Situation anzupassen. Bild: ref

"Ein sensationeller Fußballer", schwärmt Hubert Kirsch, "wir sind froh, dass wir ihn bekommen haben." Aber, das weiß der Teammanager des FC Amberg auch: "Irgendwann wird der Weg für ihn bei uns beendet sein." Gratas Sirgedas, Nationalspieler aus Litauen, wird noch Karriere machen, dessen ist sich Kirsch sicher.

Sirgedas Weg von Litauen über Stuttgart zum FC Amberg verläuft nicht ohne diverse Hürden (siehe Hintergrund), und der Weg könnte in der Winterpause wieder woanders hinführen, denn Kirsch ist sich bewusst, einen Spieler mit so viel Potenzial nicht lange halten zu können: "Er ist momentan bei ungefähr 70 Prozent seiner Leistungsfähigkeit. Wenn er bei 100 Prozent ist, dann werden wir ihn nicht halten können."

Im Toto-Pokal ist der 21-Jährige bereits Torschützenkönig, gegen die SpVgg Hainsacker gelingen ihm vier Treffer, bei Fortuna Regensburg am Dienstag schießt er das Siegtor zum 2:1. In der Bayernliga serviert der Spezialist für Standardsituationen einen Eckball maßgerecht für Andre Karzmarczyk, der anschließend gegen die SpVgg Weiden trifft. Und Kevin Kühnleins Kopfballtreffer gegen Erlenbach legt er ebenfalls per Ecke vor. Sirgedas trägt beim FC Amberg die Nummer zehn auf dem Rücken - und das ist seine Lieblingsposition auf dem Spielfeld.

"Nur zwei Sätze"


"Er ist ein sehr sensibler Spieler", sagt Kirsch. Bei den stundenlangen Verhandlungen wegen seiner Verpflichtung habe er "nur zwei oder drei Sätze" gesprochen. Als "schüchtern" charakterisiert ihn sein Spielervermittler Ozan Capan, als jemanden, der eine Bezugsperson braucht. Die er in Markus Palionis, dem litauischen Kapitän des SSV Jahn Regensburg, gefunden hat. Und bei dem er inzwischen wohnt. "Ihr stellt seine Bude manchmal ganz schön auf den Kopf", sagt Hubert Kirsch Richtung Sirgedas und Capan, der ebenfalls in Regensburg lebt. Die beiden schauen sich an und lachen.

"Viel Grünzeug"


Denn Sirgedas pflegt für einen Fußballer ein ungewöhnliches Hobby: Er kocht gerne - in der Küche von Palionis. "Nudeln mit so einer türkischen Knoblauchwurst" hat er letztes Mal zubereitet, und eine Avocadocreme - "aber das ist nicht Kochen", wiegelt Sirgedas ab. "Er mag viel Grünzeug", erklärt Capan, "er ernährt sich extrem gesund." Seine Agentur, die CP Soccernetwork, kümmere sich auch um Gesundheit und Ernährungsberatung der Spieler. Seit drei Jahren ist Sirgedas, ein Linksfuß, in Deutschland, seitdem vermisst er natürlich seine Familie - Mama Rasa (44) und Papa Ramunas (44), sowie seine 15-jährige Schwester. Und seine Freunde und "das Essen von Mama". Von ihr hat er seine Leidenschaft fürs Kochen geerbt, unter anderem "Saltibarsciai", eine litauische Suppe, die kalt gegessen wird. "Mit Roter Beete und mit Kefir", sagt Sirgedas: "Schmeckt sehr gut!"

Er hatte das Pech, nach seinem Wechsel zum VfB Stuttgart II sich zu verletzen und längere Zeit - fast ein Jahr - nur sporadisch eingesetzt werden zu können. Nach Sirgedas Erfahrungen bei den Stuttgarter Kicker, wo er auf der Bank sitzt, hat sich Ozan Capan bemüht, einen Verein zu finden, bei dem der Trainer und die Verantwortlichen voll hinter dem 22-Jährigen stehen. Viele Gespräche sind nötig, um den Nationalspieler nach Amberg zu lotsen - und ihm den Weg zu ermöglichen, wieder 100 Prozent leistungsfähig zu werden. "Er ist eine Riesenbereicherung für uns", erklärt Hubert Kirsch, der sich ein bisschen als "Psychologe der Mannschaft" sieht. "Das mache ich gerne, einen Spieler wieder aufbauen. Da habe ich einen Blick dafür." Diese Fähigkeit gibt letztendlich den Ausschlag für Sirgedas, nach Amberg zu einem Bayernligisten zu kommen.

Papa auf der Tribüne


Bei den ersten beiden Spielen für den FC sitzen Papa Sirgedas und Gratas Schwester auf der Tribüne - extra aus Litauen gekommen. Das hilft einem sensiblen Spieler wie ihm, um wieder in Topform zu kommen. Was er auch braucht, denn "als Schlüsselspieler bekommt er viel auf die Socken" (Ozan Capan).

Das mache ich gerne, einen Spieler wieder aufbauen.Hubert Kirsch, Teammanager FC Amberg



In Glasgow gegen Schottland

Amberg. (ref) Gratas Sirgedas wurde am 17. Dezember 1994 in Panevezys in Litauen geboren, mit 120 000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt des Landes. Sirgedas machte bei der U19-Europameisterschaft in Litauen auf sich aufmerksam, als er mit drei Treffern den "Goldenen Schuh" als bester Torjäger erhielt. Der damalige Nationaltrainer Litauens, Csaba Laszlo, nominierte Gratas Sirgedas im September 2013 für ein A-Länderspiel von Litauen gegen Liechtenstein in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014 nach. In diesem Spiel gab Sirgedas sein Debüt als Nationalspieler. Er wurde in den beiden abschließenden Spielen dieser WM-Qualifikationsrunde gegen Lettland sowie Bosnien und Herzegowina im Oktober 2013 durch den neuen litauischen Nationaltrainer Igoris Pankratjevas jeweils erneut eingesetzt, ebenso in zwei Freundschaftsspielen gegen Ungarn und Malta.

Im August 2013 war er nach Deutschland gekommen, zur zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart. Aber aufgrund einer Oberschenkelverletzung brachte es der offensive Mittelfeldspieler dort nur auf zwei Einsätze. Zur Saison 2015/16 wechselte Sirgedas zu den Stuttgarter Kickers. Seit dem 20. Juli 2016 spielt er für den FC Amberg.

Am Samstag, 27. August, nach der Partie gegen den ASV Neumarkt, fliegt Sirgedas nach Litauen zur Nationalmannschaft ins Trainigslager. Denn am Sonntag, 4. September, bestreitet Litauen das erste WM-Qualifikationsspiel gegen Slowenien, am Samstag, 8. Oktober, das zweite in Glasgow gegen Schottland. Sein größter Traum: Einmal für Litauen bei einer Weltmeisterschaft zu spielen. Sein Lieblingsverein: Arsenal London. Seine Vorbilder als Spieler: Jack Wishere und Mesut Özil, beide natürlich bei Arsenal. Der nächste Traum: Bei Arsenal spielen. "Ich schaue fast jedes Spiel von ihnen an, und ich schaue mehr Premier League als Bundesliga."


HintergrundDer FC Amberg die "beste Lösung"

Amberg. (ref) "Das war alles andere als einfach", erinnert sich Hubert Kirsch, Teammanager des FC Amberg, an die Verpflichtung von Gratas Sirgedas. Der litauische Nationalspieler war in der Saison 2014/15 bei den Stuttgarter Kickers nicht erste Wahl, weil ihn eine längere Oberschenkelverletzung außer Gefecht gesetzt hatte. Der Verein befand sich im Abstiegskampf der 3. Liga. Trainer Horst Steffen - mit dem Sirgedas sehr gut zurecht kam - wurde am 4. November 2015 entlassen und durch Tomislav Stipic ersetzt. "Der konnte keinen Spieler gebrauchen, der erst kurz vorher verletzt war", erklärt Sirgedas. Die Kickers stiegen ab, und der Litauer war kurze Zeit vereinslos.

Mit Markus Palionis, dem Kapitän des SSV Jahn Regensburg - ebenfalls gebürtiger Litauer und in der gleichen Stadt (Panevezys) aufgewachsen - hatte Sirgedas schon länger Kontakt. Palionis stellte die Verbindung zu Ozan Capan (21) her, seinem Berater. Der stammt aus Neustadt an der Waldnaab, hat türkische Wurzeln, kickte in der Jugend bereits für Schalke 04 - und musste nach einem Kopfballduell, als er bewusstlos auf dem Platz liegenblieb, seine Fußballerkarriere aufgeben - mehrere Wirbel hatten sich bei dem Zusammenprall im August 2014 verschoben. An Spielen war nicht mehr zu denken. Capan gründete die Agentur "CP Soccernetwork", die sich unter anderem auch um Palionis und andere Profifußballer kümmert. Der nächste Schritt folgte, Gratas Sirgedas wurde quasi "Klient" von Capan. Der Vermittler nahm Ende Mai diesen Jahres Kontakt zu Christian Keller auf, dem Sportchef von Jahn Regensburg. Trainer Heiko Herrlich beobachtete den jungen Litauer in einem zweiwöchigen Probetraining und kam zu dem Ergebnis: Ein Top-Fußballer, aber nach seiner langen Verletzung nicht richtig fit.

Herrlich erklärte, er brauche nach dem Wiederaufstieg in die 3. Liga Spieler mit Erfahrung - denn das Ziel der Regensburger sei ganz klar der Nichtabstieg. Aber Sirgedas sei, wenn er wieder fit ist, eine Option. Hubert Kirsch erfuhr von der ganzen Geschichte, sprach mit Christian Keller - und wollte daraufhin den Litauer unbedingt haben. Sirgedas, der inzwischen nach Regensburg gezogen war, und bei Palionis wohnt (Kirsch: "Seine Bezugsperson hier in Deutschland") suchte zusammen mit seinem Vermittler Capan einen neuen Verein.

Angebote aus der zweiten schwedischen Liga lagen ihm vor - doch ständig rief Kirsch bei Capan an und drängte. Vor allem, weil Wolfgang Gräf, der Prokurist der Amberger Sportpark GmbH, Gratas Sirgedas zweimal live bei einem Spiel gesehen hatte, und Kirsch von ihm vorschwärmte. Nach diversen stundenlangen Verhandlungen überzeugte das Konzept des FC-Teammanager den Vermittler - und auch Sirgedas - dass ein Verein in der Nähe von Regensburg die beste Lösung sei: der FC Amberg.
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