Regensburgs Profis müssen mit Privat-Pkw zum FC Amberg fahren
Jahn-Privilegien auf Probe gestrichen

Trotz klarer 4:1-Führung machte es der Jahn im Hinspiel noch einmal spannend.
Sport
Amberg in der Oberpfalz
11.04.2016
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Heiko Herrlich will mit psychologischen Taschenspielertricks letzte Reserven mobilisieren.
 
Ambergs Trainer Timo Rost glaubt trotz Pleitenserie an sein Team: „Jedes Wochenende das gleiche, wir bekommen Komplimente und der Gegner die Punkte. Wir können unsere Chancen einfach nicht in Tore ummünzen, aber es hilft nichts, wir müssen weiterarbeiten und endlich den Bock umstoßen.“
Amberg: Stadion am Schanzl |

Ein Derby zu ungewöhnlicher Zeit und brisantem Zeitpunkt: Ob das Nachholspiel zwischen dem FC Amberg und Jahn Regensburg am Dienstag, 17.45 Uhr, auch die ursprünglich erwarteten 4000 Zuschauer anlocken wird, ist ungewiss. Bei beiden Mannschaften ist der Wurm drin – auch wenn die Voraussetzungen denkbar verschieden sind.

Der Tabellenführer aus Regensburg sieht mit Schrecken auf die Rückrundentabelle: Lediglich Platz 11 nimmt das hochdotierte Team, das immerhin den Stamm aus der Dritten Liga in die Regionalliga mitbrachte, da noch ein. „Das ist nicht schlecht“, beschönigt der neue Trainer Heiko Herrlich angenehm wenig, „das ist ganz schlecht, das ist sehr schlecht.“

Und deshalb hat der Ex-Nationalspieler die Daumenschrauben seit der Blamage von Buchbach deutlich angezogen: Die Spieler müssen mit dem Privat-Pkw zum Derby fahren. Das waren noch Zeiten, als ein Thomas Stratos lamentierte, seine Mannschaft könne sich nicht optimal vorbereiten, wenn sie nicht tags zuvor anreist – was kommt als nächstes, die gemeinsame Radltour nach Burghausen?

Einmaliger Schuss vor den Bug

Keine Angst, Männer, es soll zunächst beim Schuss vor den Bug bleiben. Herrlich sei schon als Beobachter beim letzten Spiel vor der Winterpause in Schweinfurt auf diese Idee gekommen, als der Jahn unterirdisch mit 1:2 verlor und nicht zu sehen gewesen sei, wer da gegen den Abstieg und wer um den Aufstieg kämpfe. Für den Mannheimer stand fest: „Es muss ein Zeichen gesetzt werden.“ Das Fanal habe er erst einmal zurückgestellt, weil das 0:0 in Bayreuth – von den vergebenen Großchancen abgesehen – ganz passabel gewesen sei.

„Bloß der Buchbach-Auftritt hat mich das natürlich wieder ausgraben lassen, die Idee“, erzählt er bei der Pressekonferenz. „Da hab ich gesagt, da brauchen wir nimmer mit dem Bus irgendwo hinfahren.“ So ein Bus biete ja immer auch einen gewissen Schutzraum, man fahre in der Gemeinschaft hin als Team. Es gehe darum, den Spielern deutlich zu machen, welche Privilegien sie verlieren können, wenn sie nicht mehr für den Spaß- und Schonverein Jahn Regensburg spielten. „Das bedeutet, dass man sich damit schon mal befasst, und ich glaub‘, der ein oder andere hat das schon kapiert.“

So gewinnt man bei den Bayern

Die Rückmeldungen aus Mannschaftskreisen deuteten zumindest indirekt, über Dritte, auf Einsicht hin: „Einige sagen, das ist jetzt genau richtig, dass wir das mal so machen, damit der eine oder andere, der’s immer noch nicht kapiert hat, wie toll das ist, hier zu spielen, dass der das dann auch versteht.“ Und Herrlich hofft, dass dies psychologisch Wirkung zeigt. Inspiriert hätte ihn eine Maßnahme seines damaligen Gladbach-Trainers in der Saison 93/94 nach zwei Niederlagen im Münchener Olympiastadion.

„Bernd Kraus hat vor dem zweiten Spiel gesagt, das werden wir wahrscheinlich wieder verlieren, und das sei dann das letzte Mal, dass wir am Tag vorher hingeflogen sind.“ Das Jahr darauf habe er selbst zwar schon bei Dortmund gespielt, aber habe die Lage natürlich beobachtet: „Weil ja zuvor schon ein riesen Medienrummel drum herum war, dass die am Spieltag anreisen, 11.30 Uhr ab Düsseldorf, 12.45 in München gelandet – dann sind sie tatsächlich ins Olympiastadion gefahren, haben 1:0 gewonnen, ich glaube Michael Sternkopf hat das Tor gemacht, und sind wieder zurückgeflogen.“

FC Amberg: „Nerven bewahren“

So also will der SSV seine Durststrecke von acht nicht gewonnen Auswärtsspielen in Folge beenden. Solche Register mag der FC Amberg trotz sechs Niederlagen in Folge und dem Abrutschen auf einen Relegationsplatz noch nicht ziehen. Für die Verantwortlichen gilt die Maxime: „Nerven bewahren.“ Schließlich habe man als Aufsteiger trotz blendender Hinrunde mit einem Einbruch rechnen müssen: „Was wir beim FC in den letzten drei Jahren mit den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten erreicht haben, ist absolut klasse“, zieht FCA-Präsident Helmut Schweiger eine positive Bilanz.

Schließlich spielten bei den Herren in Gelb-Schwarz anders als bei vielen Regionalliga-Vereinen keine Profis. „Unsere Jungs müssen mit der Doppelbelastung fertig werden, dass sie neben eines normalen Arbeitstages von acht Stunden zusätzlich täglich noch bis zu drei Stunden trainieren und zudem am Wochenende mit den Spielen und anstehenden Trainings keine Zeit zum Verschnaufen haben.“ Grund genug für Ambergs Marketingchef Frank Käfer für einen flammenden Appell an den Lokalpatriotismus: „Unterstützen Sie uns beim Derbyklassiker gegen Jahn Regensburg – als heimliche Hauptstadt der Oberpfalz müssen wir geschlossen Stärke zeigen!“

Angst vor Vorlagen für den Gegner

Die psychologischen Tricks des Championsleague-Siegers tragen einstweilen nur sehr zarte Früchte: Der Duo-Wutrede zusammen mit Sportchef Christian Keller, der zufolge fliegt, wer auf Dauer nicht siegt, folgte ein äußerst rumpliger 1:0-Arbeitssieg gegen Schlusslicht TSV Rain: „Ganz kritisch sehe ich, dass wir es ein weiteres Mal im letzten Drittel schlecht ausgespielt haben, und teilweise die Torchancen liegen haben lassen“, ist Herrlich alles andere als begeistert. „Das war nicht so wie ein Spitzenreiter so ein Spiel normalerweise abschließen sollte.“

Dennoch, drei Punkte sind drei Punkte und schließlich hatte man Rain auch weitgehend unter Kontrolle: „Wenn der Gegner zu Chancen gekommen ist, dann, weil wir es selbst verursacht haben – wie Andi Geipl in der ersten und Ali Odabas in der zweiten Halbzeit.“ Solche Szenen allerdings könnten einen schon Angst und Bange machen: „Das war völlig unnötig in den beiden Situationen und baut einen Gegner natürlich in der Phase auf.“

Ein Ball, der drübergeht, kann nicht reingehen

Das Rezept folgerichtig: Defensiv sicherstehen, die Philosophie, die der „mit 27 Gegentoren kann man nicht aufsteigen“-Prophet von Anfang an predigte. Und da machen ihm die Auftritte der Stürmer zumindest in der Arbeit nach hinten Mut: „Ich denke, dass beide, und das ist für mich wichtig, sehr gut gegen den Ball arbeiten und ihre Aufgaben da wirklich sehr gut erledigen.“ Dass Markus Ziereis auch noch das entscheidende Tor am Freitag gemacht habe – und zwar nach Vorlage vom Sturmpartner Haris Hyseni, passe gut ins Konzept. Schließlich habe er dem in Kritik geratenen Goalgetter (13 Treffer) kraft eigener Flauteerfahrungen geraten: „Geh selbstbewusst ins Spiel, nach Regen kommt auch wieder Sonne.“

Mit der Defensive also, vier Gegentreffer in sechs Spielen unter seiner Verantwortung, sei er leidlich zufrieden, mit der Effektivität nach vorne aber noch gar nicht: „Das ist in der Häufigkeit jetzt schon extrem gewesen“, erinnert er an die Chancensensenmänner von Bayreuth, Eltersdorf und Rain. „Natürlich ist es irgendwo ein Mangel an Konzentration, weil die Spieler haben ja alle schon gezeigt, dass sie diese Torchancen verwerten können.“ Zudem fehle der absolute Wille, den Ball unbedingt reinmachen zu wollen. Und es sei auch ein technisches Problem: „Der Ball kann nicht reingehen, wenn er drübergeht, das ist unmöglich. Da brauche ich auch keinen Torwart beim Gegner.“

Geduldig gegen den angeschlagenen Boxer

Wie sieht dann die Mannschaft, die hoffentlich ohne Pannen in Amberg ankommt, aus? An der Verletztenmisere habe sich nicht allzu viel verändert – lediglich Alexander Nandzik melde sich links hinten nach einer Lebensmittelvergiftung zurück und André Luge sei eine zusätzliche belebende Option für rechts vorne, wenn dem soliden Uwe Hesse die Luft ausgehe. Ansonsten müsse sich in etwa die gleiche Mannschaft der Herausforderung gegen den „angeschlagenen Boxer“ Amberg stellen, der bekanntlich in so einer Situation, noch dazu gegen Jahn Regensburg, brandgefährlich sei: „Gegen den Tabellenersten kommen die Gegner mit der psychologischen Einstellung, wir haben nicht zu verlieren, wir können hier nur gewinnen.“

Anders als gegen Rain müsse der SSV das Spiel ganz geduldig angehen, wieder gut stehen defensiv und diesmal keine Geschenke machen. Verändert habe sich vor dem großen Showdown am Samstag in Burghausen, das nach vier Niederlagen mit 4:1 in Ingolstadt seinen Hebel schon mal umgelegt hat, eigentlich gar nichts: „Die Drucksituation ist die gleiche wie vor dem Heimspiel gegen Rain. Wir haben die erste Hürde überstanden, jetzt kommt die zweite, und ich erwarte einfach von meiner Mannschaft, dass sie sich da zerreißt und alles gibt, um diese Hürde Amberg zu überspringen mit einem Sieg.“

Etwa 600 Jahn-Fans sollen den Regensburgern bei ihrer Mission „Rettet die Tabellenspitze“ in Amberg den Rücksen stärken – und für alle, die’s nicht ins Stadion schaffen, übertragen die beiden Regionalsender TVA und OTV das Spiel ab 17.30 Uhr live.
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