Sportlerwahl 2015 - Serie: Was macht eigentlich
Der Talentschmied

Das ausgestreckte Bein Richtung Ball, das andere auf Kniehöhe - die Gegenspieler wussten um die Schwachstellen von Uwe Scherr (rechts). Der ehemalige Fußballprofi aus Amberg, der für den 1. FC Kaiserslautern, FC Schalke 04 und 1. FC Köln 183 Bundesligaspiele bestritt, wurde in seiner Karriere 15 Mal an den Knien operiert. Bild: Paul Gilbrecht
Sport
Amberg in der Oberpfalz
21.12.2015
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"Erfolg ist kein Zufall, er ist planbar." Uwe Scherr

Als "bester Amateurfußballer Deutschlands" hat er 14 Angebote aus der Bundesliga. Uwe Scherr entscheidet sich für den 1. FC Kaiserslautern, wird in seinem ersten Profijahr Pokalsieger, dann deutscher Meister. Heute erstellt der 49-jährige Amberger Nachwuchskonzepte - und ist weltweit ein gefragter Mann.

Georgien, Ghana, Uruguay, Portugal, Brasilien - in den vergangenen Monaten war Uwe Scherr viel unterwegs. Im Auftrag von Vereinen und Verbänden machte er sich vor Ort ein Bild von der Nachwuchsförderung, um Strukturen und Organisation zu verbessern oder neu zu entwickeln. Beispiel Brasilien: "Dort gibt es 23 Millionen Fußballer, da macht es die Masse. Eine richtige Ausbildung gibt es aber nicht", sagt der 49-Jährige. Und: "Erfolg ist kein Zufall. Er ist planbar. Grundlage erfolgreicher Nachwuchsarbeit ist ein Ausbildungsplan, das ist durchaus vergleichbar mit einem Maurer, Mechaniker oder Maler."

Neben rund 40 aktuellen Bundesligaspielern wurden auch die Weltmeister Manuel Neuer, Mesut Özil, Benedikt Höwedes und Julian Draxler in der Nachwuchsabteilung des FC Schalke 04 ausgebildet. Die Philosophie der "Knappenschmiede" stammt von Uwe Scherr, der nach seiner Laufbahn Chefscout, Co-Trainer der U 19 und Nachwuchskoordinator auf Schalke war. "Mir macht es einfach Spaß, Talente zu entwickeln", sagt Scherr, der mit Ehefrau Kerstin und den drei gemeinsamen Kindern im westfälischen Marl lebt. Beim dortigen Club TSV Marl-Hüls ist der 49-Jährige seit zwei Jahren Nachwuchskoordinator ("Das mache ich ehrenamtlich"). Ein weiteres Projekt: Die Aktion "Wiederentdeckt". Zusammen mit anderen Ex-Profis wie Thomas Häßler, Christian Ziege und Michael Sternkopf bietet Scherr eine Art zweiter Bildungsweg für Spieler an, die es beim ersten Versuch nicht zum Profi geschafft haben.

Nachgefragt

Herr Scherr, wissen Sie eigentlich, dass Sie der erste "Sportler des Jahres" unserer Zeitung sind?

Scherr: Ja klar, ich erinnere mich gerne zurück. Es war etwas ganz Besonderes, weil die Leser meine Leistungen und meine harte Arbeit honorierten.

Mit "harter Arbeit" meinen Sie Ihre häufigen Verletzungen ...

Scherr: Genau! Ich hatte bis zu meinem Karriereende insgesamt 15 Knieoperationen, musste mich immer wieder monatelang in der Reha schinden. Und ich habe mich immer wieder zurückgekämpft.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Saison 1990/91?

Scherr: Das waren schon ganz extreme Erfahrungen. Privat die Geburt meines Sohnes Maximilian. Das gab nochmal zusätzliche Motivation. Sportlich im ersten Jahr als Profi gleich Pokalsieger, dann deutscher Meister. Mit einem Verein wie Kaiserslautern, womit nie einer gerechnet hatte. Dann wieder ein Tiefpunkt: Im November 1991 hätte ich gegen Belgien mein Nationalmannschaftsdebüt geben sollen, verletzte mich im Abschlussstraining am Knie und fiel monatelang aus.

Mit 32 Jahren war Schluss mit Profifußball. Verflucht man da manchmal seine Knie?

Scherr: Nicht nur manchmal. Ich glaube, dass mehr drin gewesen wäre - aber auch, dass ich mit den Voraussetzungen sehr viel erreicht habe.

Sie haben die Ausbildung zum Fußball-Lehrer, arbeiteten eng mit Jupp Heynckes, Ralf Rangnick und Huub Stevens zusammen. Werden Sie eines Tages bei einem Bundesligisten auf der Trainerbank sitzen?

Scherr: Das reizt mich eigentlich nicht. Meine Aufgabe liegt im Jugendbereich. Ich glaube, da war ich sehr erfolgreich.

Bei Schalke 04 betreuten und begleiteten Sie aktuelle Weltklassespieler. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Scherr: Mesut Özil. Er war als 16-Jähriger im Probetraining. Da war nach zehn Sekunden klar, was der Junge für Potenzial hat. Stolz bin ich außerdem auf Leroy Sane, den ich vor einigen Jahren aus Leverkusen holte.

Nürnberg, Augsburg, Kaiserslautern, Schalke, Köln. An welchen Verein haben Sie eigentlich die schönsten Erinnerungen?

Scherr: Ganz im Ernst: An den 1. FC Amberg. Weil sich da Freundschaften gebildet haben, die noch heute, nach fast 40 Jahren, bestehen.

Stationen und ErfolgeVereine

SGS Amberg, 1. FC Amberg, 1. FC Nürnberg, FC Augsburg, 1. FC Kaiserslautern (1989 - 1992/80 Bundesligaspiele/6 Tore), FC Schalke 04 (1992 - 1996/82/2), 1. FC Köln (1996 - 1998/21/2), Wuppertaler SV.

Erfolge

1990 DFB-Pokalsieger und 1991 deutscher Meister mit dem 1. FC Kaiserslautern, 1996 Qualifikation für den UEFA-Cup mit dem FC Schalke 04.

Nach der aktiven Karriere

Scout/Chefscout (2000 - 2008), Co-Trainer der U19 (2002 - 2007) und Nachwuchskoordinator (2008 - 2012) beim FC Schalke 04, Sportlicher Leiter bei Alemannia Aachen (2012 - 2013), Berater für Vereine und Verbände (seit 2014).

Sportlerwahl

1. Platz: 1991
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