Trostlose Nullnummer beim FC Amberg
Jahn verspielt Freilos um Freilos

Zunächst noch Daumen hoch bei Heiko Herrlich. (Foto: Sascha Janne)
Sport
Amberg in der Oberpfalz
12.04.2016
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Am Anfang ist die Hoffnung. (Foto: Sascha Janne)
 
Kann sich auf seiner Seite nicht durchsetzen: Jann George. (Foto: Sascha Janne)
 
Markus Ziereis kam im ganzen Spiel auf einen gefährlichen Torschuss. (Foto: Sascha Janne)
Amberg: Stadion am Schanzl |

Wie soll man diesen Spitzenreiter wachrütteln – ein Bußmarsch nach Altötting, bevor’s zum vorgezogenen Endspiel um die Meisterschaft nach Burghausen geht? Zum 0:0 in Amberg nur so viel: Wäre der Fußballfan wie Erdogan, dann hätte der SSV 600 Klagen am Hals, weil sich jeder Regensburger in Grund und Boden schämen muss. Indiskutabel.

Parolen, mit denen Markus Palionis nichts anfangen kann: „Kämpfen und fighten.“ Nicht, dass der Kapitän diese Tugenden ablehnen würde. Es ist vielmehr so, dass er sie als selbstverständliche Grundlagen für jedes Spiel sieht. „Wenn der Ball zum Schluss reingeht, ist die Stimmung eine ganz andere – bei und bei den Fans.“ Mag sein. Ist er aber nicht.

Versöhnlich: Heiko Herrlich

Ein verhältnismäßig ausgeglichener Heiko Herrlich sah das Spiel seiner Mannschaft besser als es war: Zwar moniert der sonst so gestrenge Übungsleiter, dass sich Regensburg nur zwei Chancen herausspielte: „Das ist einfach zu wenig für einen Spitzenreiter.“ Andererseits hatte er den heftigen Widerstand der Amberger erwartet: „Ich habe es mir schon so vorgestellt, dass wir auf eine Mannschaft treffen, die sehr aggressiv ist, die mit einer 5er-Kette spielt.“

Vor diesem Hintergrund sei die Leistung weitestgehend o.k. gewesen, bis aufs letzte Drittel, wo man die Bälle einfach nicht konzentriert an den Stürmer bringe. „Das Problem ist nicht, dass wir hier 0:0 gespielt haben“, schürft der Trainer tiefer. „Das Problem ist, dass die Mannschaft seit September kein Auswärtsspiel mehr gewonnen hat.“ Die Reaktion: „Wir fahren nach Burghausen und wollen das Spiel gewinnen.“ Wer wollte das nicht? Denn alle guten Dinge sind zehn.

Überschwänglich: Timo Rost

Ambergs Trainer Timo Rost auf der anderen Seite wirkt fast glücklich. Überschwänglich lobt er seine Feierabendfußballer, die den Vollprofis aus der Bezirkshauptstadt das Toreschießen unmöglich machten: „Das war ein sehr, sehr starker Auftritt von unserer Mannschaft.“ Gehapert habe es nur einmal mehr an der Chancenverwertung.

Ein Mann, der davon ein Lied singen kann ist Marco Wiedmann, der nach einem kapitalen Bock von Fabian Trettenbach allein auf Keeper Philipp Pentke zuläuft und die Nerven verliert: „Leider haben wir uns wieder nicht belohnt“, sagt der wasserstoffblonde Franke, „aber für uns ist das 0:0 absolut in Ordnung.“ Allerdings habe sein Team so viele Spiele ausgelassen: „Wir müssen schauen, dass wir jedes Spiel punkten.“

Spannung nur zwischen 90. und 94. Minute

So richtig spannend ist das Match nur in der Nachspielzeit: Als hätten sich die Regensburger für diese letzten drei, vier Minuten ihren „unbedingten Willen“ aufgehoben, drängen sie da die Gastgeber mit drei Ecken zwischen die eigenen Pfosten. Und als Markus Ziereis aus zehn Metern durch alle Beine hindurch Oli Gorgiev anschießt, der auf der Linie steht, und Andi Jünger aus fünf Metern am starken Keeper Matthias Götz scheitert, ist das tatsächlich die erste richtige Chance des Tabellenführers in der zweiten Halbzeit.

Klar, dass auf der anderen Seite Timo Rost da das halbvolle Glas erkennt: „Daran siehst du, dass die Mannschaft lebt, da schmeißt sich jeder rein“, ist er überzeugt, dass dies der erste Schritt aus der Abstiegszone gewesen sein muss.

Umkämpfter Krampf

Die 90 Minuten zuvor: durchaus redliches Bemühen von beiden Seiten – oder: ein umkämpfter Krampf mit der Passsicherheit der jamaikanischen Eishockeynationalmannschaft auf einem Holperplatz, dessen Effekte wohl durchaus billigend in Kauf genommen wurden. Was die Sache für Regensburg um keinen Deut besser macht.

Als die Jahn-Fans noch auf die zuletzt beschworene Trendwende hofften und rote Banner und Fahnen in der Stadionkurve befestigen, läuft die erwartete Restmannschaft mit Philipp Pentke, Alexander Nandzik, Ali Odabas, Markus Palionis, Fabian Trettenbach, Jann George, Kolja Pusch, Andi Geipl, Uwe Hesse, Haris Hyseni und Markus Ziereis auf.

Chronische Nervosität

Im welche Richtung das Ganze kippen kann, zeigt schon Trettenbachs erster Stockfehler bei der Ballannahme – wie kann man diesen Spielern die chronische Nervosität nehmen? Gut zureden hilft genau so wenig wie die Drohung mit sozialem Abstieg aus der Conti-Komfortzone (5.). Ein Rätsel: Wohin ist der Jahn-Geist der ersten Spiele verschwunden, als alles so spielend leicht zu funktionieren schien. Natürlich, es gibt eine Verletzungsmisere, natürlich kann es immer mal einen Einbruch geben – aber dies ist in der Substanz und im Preis eine Drittliga-Mannschaft und jeder Einbruch sollte doch auch mal wieder ein Ende haben.

Ja, schon recht, der Spitzenreiter mit mehr Ballbesitz, die Roten für Arme. Mal ein netter Lupfer von Ziereis auf Hyseni, der aber den Ball im Strafraum mit der Hand mitnimmt (10.). Mal ein hübscher Seitenwechsel von Ziereis auf George, der gelegt wird. Den Freistoß aus 20 Metern halblinks schnappt sich, auch das klar, Pusch, der wie so oft eine scharfe Flanke auf den langen Pfosten ins Aus setzt (14.). So vergeht die Zeit.

Wiedmann vergibt die Ehrenbürgerschaft

Erste konstruktive Flanke, als Nandzik Dietl passiert und für Hyseni auflegt: Seine Volleyabnahme aus zehn Metern kullert knapp rechts vorbei (18.). Hesse knüpft an, wo er gegen Rain aufhörte – viel Einsatz, wenig Ertrag: ein Schuss aus 30 Metern weit über den Kasten (20.).Seine beste Aktion, bevor er fast ganz von der Bildfläche verschwindet: Nach einem Zuspiel von links zieht er aus 12 Metern ab, Götz fischt das Ding aus der Ecke (22.).

Und das darf wirklich in keinem Jahn-Spiel fehlen – mal tritt Odabas, mal Geipl, dieses Mal Trettenbach ein Luftloch. Und Wiedmann hat vor sich nur noch den Acker und Pentke. Zögerlich schlägt er kleine Haken, schafft’s dennoch irgendwie bis zum Jahn-Keeper und schiebt diesem den Ball aus 10 Metern in die Arme – da hätte sich der kleine Blondgefärbte die Ehrenbürgerschaft von OB Michael Cerny erschießen können (27.).

Verkettung tolpatschiger Abwehrbemühungen

Zwischen viel Leerlauf und Fehlpass immer mal wieder ein Aufgemerkt der Marke: So spielt man unter Hempels Sofa – sein gestrecktes Bein gegen Hesse brockt ihm Gelb ein (31.). Die erste selbst fabrizierte Halbchance des FCA: Innenverteidiger (!) Kühnlein gefährdet das Wohl der Regensburger durch einen abgefälschten Distanzschuss, der knapp rechts vorbei gegen die Bande böllert.

Zumindest ungeschickt, wenn nicht grobfahrlässig die Verkettung tollpatschiger Abwehrbemühungen in Rot-Weiß: Trettenbach vertrödelt den Ball im 16er, Odabas hebt das Bein so ungelenk, dass ein Amberger drüber stolpert – die Gelbschwarzen fordern den Elfer, die Regensburger hätten sich nicht beklagen dürfen, aber Schiedsrichter Christian Dietz winkt ab (39.). Kurz darauf klärt der Deutschtürke nicht minder suboptimal einen Kullerpass zur Ecke (41.). Mehr gibt es über die ersten 45 Minuten beim besten Willen nicht zu schreiben.

Fehlpässe im Sekundentakt

Das Originellste zu Beginn von Hälfte 2: das Spruchband „Der SSV steigt auf, aber die Punkte bleiben hier“. Dann heißt es warten auf Fußball und Godot – es dauert fast zehn Minuten, bis via Ecke ein Ball in die Nähe des Amberger Tors gerät. Hesse zieht ab – mehr Befreiungsschlag denn Scharfschuss (53.). Das hat sich der Amberger Kevin Kühnlein genau abgeguckt: Sein 20-Meter-Schreckschuss irgendwo links unter ferner Liefen (56.).

Inzwischen freut man sich schon, wenn der Jahn im dicht gestaffelten Amberger Mittelfeld nach drei Stationen noch immer in Ballbesitz ist – letzter Halt Hyseni, der die Kugel an der Strafraumgrenze freiwillig abgibt (58.). Die Stunde ist um, Tröstliches nicht in Sicht. Ziereis auf Nandzik, der Pass aber ins gegenüberliegende Seitenaus (63.). Hesse schließt sich wie Geipl und der Spieler mit der Nummer 0, Jedermann, nahtlos mit Fehlpässen im Sekundentakt an. Gibt es gegen so etwas eine Therapie?

Hase und Pekinese

Geipl lässt immerhin mal drei Gelb-Schwarze stehen und holt den Freistoß aus 25 Metern – schießt selbst ungenau ins Getümmel und leitet den nächsten Konter der Amberger ein. Unbeschreiblich. Zeit, dass sich was dreht. André Luge darf für einen völlig indisponierten Trettenbach auf die Holperpiste (70.) und Marvin Knoll ist auf dem Sprung zurück ins Team – zu Recht für einen Andi Geipl, der allzu oft über den Status Schwänztalent mit Hang zum Haken zu viel nicht hinaus kommt. Nächster Lachstoß in die Arme des Keepers.

Dann geht mal ein „uuuiii“ durchs Stadion, Uwe Hesse hetzt und wetzt an Dreien vorbei, wie ein Hase an Pekinesen – und läuft dann direkt in den vierten Mann. Wer schreibt eigentlich solche Drehbücher (72.)? Außen links kommt Jann George nicht einmal vorbei. Am dynamischsten wirkt noch Nandzik, der jetzt mal die Flanke von der Eckfahne auf den langen Pfosten bringt, aber Ziereis bekommt den Ball nicht mehr gedrückt (75.). Und wenn einmal ein Odabas die Lücke sieht, dann steht Hyseni im Abseits (76.).

Meister wird, wer einmal weniger patzt

Und dann hat im Zweifel Amberg auch noch die besseren Chancen: Junior Torunarigha, eingewechselt wie schon in Regensburg, wo er im Schlussviertel Angst und Schrecken verbreitete, boxt sich in den Strafraum, aber da ist er schon zu weit abgedrängt, so dass das mehr eine Rückgabe denn ein Torschuss wird (78.). Über den Placebo-Treffer nach Abseitspfiff drei Minuten später muss man kein Wort verlieren (81.).

Auch Ziereis kommt im 16er an keinem Mann vorbei – buchstäblich im 1:1 zu schwach (89.). Jetzt werden die Bälle Richtung Strafraum gedroschen. Luge mit zu hohem Bein. Pusch dreht sich am Fünfer und schießt fast zur Eckfahne – hat aber Glück, dass er einen Amberger Verteidiger anschießt. Der Kreis schließt sich – noch drei Ecken, ein kleines Drama und Aus.

Christian Kellers Bilanz kann man sich da nur anschließen: „Zu wenig Ideen, zu wenig Dynamik und Fehler, die den Gegner ins Spiel bringen.“ So wird der Jahn die Reise nach Burghausen zum letzten Mal mit dem wertlosen Titel Tabellenführer antreten – es sei denn, die Oberbayern tun den Oberpfälzern am Samstag, 14 Uhr, den Gefallen, an ihren eigenen schlechten Leistungen anzuschließen. Meister wird in dieser Regionalliga Bayern offenbar nicht die stärkste Mannschaft, sondern die, die einmal weniger patzt. Verkehrte Fußballwelt.
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