Wie im Hollywood-Film
Blinder Extremsportler bei Hindernislauf in Kreuth

In Kreuth auf gut Matheshof über Hürden: Knapp 500 Anmeldungen liegen seit Freitag für den Extrem-Hindernislauf No Guts No Glory vor. Nachmeldungen sind noch möglich. Bild: Venzl
Sport
Amberg in der Oberpfalz
19.02.2016
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Als Sehender kannte ich nicht mal meine eigene Person, als Blinder lerne ich die ganze Welt kennen ...

Ein Leben wie für einen Hollywood-Film: Er rennt in der Arktis, fährt Fahrrad in der Wüste von Namibia, ist Europameister seiner Altersklasse im Triathlon. Jeffrey Norris, gebürtiger US-Amerikaner aus Nürnberg, macht Extremsport. Bei Günther Jauch und "Wer wird Millionär?" war er auch schon. Als erster Kandidat, der blind ist.

Am Samstag, 20. Februar, startet Norris in Kreuth bei No Guts No Glory beim Extrem-Hindernislauf. Zehn oder 16 Kilometer, das entscheidet sich vor Ort. Geboren in Mississippi, wächst Jeffrey Norris in den sechziger Jahren in Texas auf, kommt er im Alter von zehn Jahren mit seiner deutschen Mutter nach der Trennung der Eltern aus den USA nach Nürnberg.

"Mein Vater war gewalttätig, Alkoholiker, nicht das, was für eine Kinderseele gut ist", erzählt er in einem Interview der Bild-Zeitung: "Ich hatte schon von früher Jugend an wenig soziale Bindungen." Er vernachlässigt die Schule, hängt mit den falschen Leuten herum. Mit 18 Jahren baut er einen schweren Motorradunfall. Das zuvor schon erkrankte Auge habe er nicht richtig behandelt, darum sei es implodiert und muss entfernt werden.

Danach versinkt er im Nürnberger Drogenmilieu. Mit Mitte 20 kommt es nach einer dreitägigen Sauftour zu einer folgenschweren Schlägerei. Drei Tage später wacht Norris mit zerschlagenem Gesicht im Krankenhaus auf. Sein rechtes Auge ist so schwer beschädigt, dass die Netzhaut mehrfach eingerissen ist und sich komplett ablöst. Bis 1992 muss er 14 Operationen über sich ergehen lassen. Am Ende hat er nur noch 0,2 Prozent Sehkraft - der absolute Tiefpunkt in seinem Leben. Rückblickend sagt er im Bild-Interview: "Für mich war das ein Glücksfall. Ich habe zu mir selbst gefunden, das exzessive Leben aufgegeben."

Norris schult auf Masseur um und entdeckt im Alter von 32 Jahren seine Liebe zum Laufen - und zum Extremsport. Sechs-Tage-Rennen in Schweden, Acht-Tage-Rennen in Monaco, 24-Stunden-Läufe in der Schweiz, Ironman-Triathlon in Roth, Brave-Heart-Battle in Münnerstadt, Radrennen in Namibia - von der Arktis bis zur Wüste macht der heute 56-Jährige Wahlfranke alles mit. Aber: "Als blinder Mensch kann ich alleine gar nicht. Ich bin auf einen Guide angewiesen. Alles was ich erreiche, ist immer ein Teamerfolg", erklärt er. Nicht ohne einen kleinen Seitenhieb auf die Egomanen, die sonst da unterwegs sind: "Dieser Extrembereich ist ein Dschungel von Einzelgängern." Und: "Ich mache das, weil ich es machen will. Nicht weil ich es muss. Darum distanziere ich mich auch von allen Extremsportlern, die davon sprechen, wie sie sich quälen müssen. Ich bin doch kein Sadomasochist."

Mit Promi-Sportler Joey Kelly (40) als Begleiter hat er mehrere Läufe absolviert, in Namibia ist er einmal bei einem Radrennen Ersatzmann für den verhinderten Kelly. Norris fährt auf einem Tandem-Rad, das eigentlich für Rainer Calmund bestimmt war - zum Abspecken. "Aber der ist nur 30 Meter damit gefahren, dann hat er es weggegeben."

Einem Million-Publikum bekannt wird der fränkische Texaner, als er 2013 als erster blinder Kandidat bei Günther Jauch auf dem Stuhl sitzt - und 64 000 Euro gewinnt. Das Geld sei ursprünglich für den Ironman auf Hawaii gedacht gewesen, sagt er.

Aber dann erleidet seine Mutter (77) eine Gehirnblutung, und Norris kümmert sich um Heim und Pflege: "Sie ist gelähmt, aber geistig fit. Ich bin blind, da kann man sich vorstellen, was da los war." Er findet einen Pflegeplatz in Nürnberg, verzichtet auf Hawaii: "Sport ist zwar wichtig, aber es gibt Wichtigeres im Leben."

Als Sehender kannte ich nicht mal meine eigene Person, als Blinder lerne ich die ganze Welt kennen ...Jeffrey Norris
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