37. Erlanger Universitätstage in Amberg
Das Maß aller Dinge gibt es nicht mehr

"Ich wollte nicht im Fatalismus enden": Der Kultursoziologe Dr. Sebastian Büttner sieht eine ganze Reihe von Anzeichen, dass die Datenflut im Kielwasser der IT-Technik die Gesellschaft tiefgreifend verändern wird. Bild: Steinbacher

Bisher war es die Domäne der Soziologie, Befindlichkeiten der Gesellschaft festzustellen und zu analysieren. Sie hat massive Konkurrenz bekommen. Das Motiv: Eigennutz. Neu ist das keineswegs. Die Markt- und Meinungsforschung hat sich in Deutschland ab der Mitte des vergangenen Jahrhunderts etabliert. Auch sie bedient sich seit jeher arrivierter gesellschaftswissenschaftlicher Methoden.

Das steht für Dr. Sebastian Büttner außer Frage. Eine klare Grenzziehung fällt dem Soziologen deshalb nicht einfach. Das wirft zugleich die Frage auf, welche Rolle dem Menschen, dem selbstbestimmten Individuum dabei eigentlich zugewiesen wird? In seinem Vortrag "Algorithmen, Datenkraken und gläserne Bürger: Big Data als Herausforderung für die Gesellschaftsanalyse" gab der Referent keine eindeutigen Antworten. Weil sie derzeit noch nicht möglich seien, argumentierte der Kultursoziologe, der als vierter Referent der 37. Erlanger Universitätstage am Dienstagabend erneut für einen vollen Großen Rathaussaal sorgte.

Ohne Zahlen geht nichts


Büttner hatte sich offenbar nicht vorgenommen, als Schutzpatron seiner Gilde aufzutreten. In einem Rekurs auf die Entwicklung seiner Disziplin formulierte er drei Grundthesen: die angewandten Methoden halten dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit stand; Soziologie als Zustandsbeschreibung der Gesellschaft liegt immer im Interesse der Politik und Machtausübung; die Beschreibung der Gesellschaft mit den Mitteln der Soziologie schafft deren "zweite Natur" in Form von Daten und Relationen. Ohne "Vermessung" - sprich Erhebung von Indikatoren - keine Aussagen. Sie gehören völlig unspektakulär zum heutigen Nachrichtenalltag. Arbeitslosenquote, Armutsbericht, Durchschnittseinkommen, Konsumklima- oder Aktien-Index, das alles ist Statistik, die Büttner als "wechselseitige Beziehung zwischen wissenschaftlichen und administrativen Praktiken" beschreibt.

Dimensionen gesprengt


In diese Situation platzt nun die "D@tenflut", wie die Universitätstage heuer überschrieben sind. Damit ist für Büttner als Soziologe die Schnittmenge erreicht, bei der Quantität in Qualität umschlägt. Im positiven wie negativen Sinne. So hat die zur Verfügung stehende Fülle längst gängige Vorstellungen gesprengt. Gerechnet auf der Basis des DIN-A-4-Formats, stellen alle in einem Jahr in den USA geschriebenen Briefe ein Datenvolumen von einem Petabyte (PB, 1015 Byte) dar. Google erfasst das in einer Stunde. Dieses Beispiel stammt laut Büttner von 2010.

Was damit geschieht, offenbart der Konzern im Detail als Betriebsgeheimnis natürlich nicht. Der wissenschaftliche Anspruch der Soziologie, so der Referent, stützt sich unverzichtbar auf die Anonymisierung erhobener Daten. Für Kommunikations- und Marktforschungs-Konzerne gelte das nicht. Ihr Ehrgeiz gehe in die genau andere Richtung der personalisierten Zuordnung. So werbe beispielsweise einer der Branchenriesen damit, über 30 Millionen Adressen zu verfügen, denen er jeweils 300 Zusatzmerkmale wie Einkommen, Konsumverhalten und Lebens- oder Wohnungssituation zuordnen könne.

"Vieles davon war schon da, nun jedoch in verschärfter Form", möchte Büttner diese Entwicklung nicht rundheraus verdammen. Es zeichne sich jedoch ab, dass Big Data, wie dieser Trend genannt wird, verstärkt für kommerzielle Interessen und zur Überwachung von Menschen eingesetzt werde. Die Erhebung sei automatisiert, geschehe bewusst oder unbewusst, freiwillig oder unfreiwillig mit jeder kommunikationstechnischen Aktivität. Die informationelle Selbstbestimmung jedes Einzelnen werde so immer weiter zurückgedrängt, weil sie kaum mehr steuerbar sei und jeder mit genau dem bedient werde, was wegen des bisher an den Tag gelegten Verhaltes als sein Bedürfnis gelte. Wer ein Handy, Smartphone oder Navi hat, im Internet kommuniziert, liefert Daten. Was damit geschieht, kann keiner kontrollieren. Wohin das führt, darüber möchte der Kultursoziologe keine eindeutige Aussage treffen. Eines ist für ihn aber sicher: "Wir verändern uns ständig mit."

Dr. Sebastian BüttnerDer Referent der 37. Erlanger Universitätstage arbeitet noch an seiner akademischen Karriere. Am Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg lehrt Dr. Sebastian Büttner unter anderem Kultursoziologie. Seine Forschungstätigkeit setzt Schwerpunkte bei der "Europäischen Vergesellschaftung" sowie der "Professionalisierung von EU-Expertise". Vor diesem Hintergrund kommt ihm die zunehmende Verfügbarkeit immenser Datenmengen als wissenschaftliche Notwendigkeit nur entgegen. Er bekommt aber ebenso fundierte Einblicke, was damit auch gemacht werden kann, wenn Kommerz oder die Ausübung politischer oder staatlicher Macht die Hand bei der Interpretation dieser Erhebungen führt. (zm)
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