37. Erlanger Universitätstage in Amberg
Medizindaten vom Handgelenk

Daten - auch gesundheitsrelevante - gibt es über jeden in Hülle und Fülle, weil er sie letztendlich freiwillig erhebt, jedoch nicht weiß, was damit passiert. Es fragt sich nur, wie sie zu einem stimmigen Bild zusammengeführt werden, lautet ein Credo von Prof. Dr. Hans-Ulrich Prokosch. Bild: Hartl

Feiern, bis der Arzt kommt. Das war einmal eine beliebte Floskel. Vielleicht steht der Doktor bald aber nach dem fünften Bier schon vor der Tür, obwohl er gar nicht gerufen wurde.

Technisch ist das überhaupt kein Problem. Offenbar haben jedoch bisher weder Krankenkassen, noch medizinische Dienstleister ein gesteigertes Interesse daran, aus so einem Szenario ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Bei Brauereien wäre das schon etwas anderes. Die könnten schließlich für Nachschub sorgen, bis wirklich ein Arzt gebraucht wird. Für Prof. Dr. Hans-Ulrich Prokosch sind derartige Skurrilitäten nette bis schräge Gedankenspiele zu einem sehr ersten Thema.

"Der vermessene Mensch: Wissen wir, was wir alles über uns preisgeben?", betitelte er seinen Vortrag anlässlich der 37. Erlanger Universitätstage in Amberg. Der Große Rathaussaal war voll. "D@tenflut" als Thema der Veranstaltungsreihe kommt an. Denn keiner kann sich mehr diesen Realitäten entziehen, da es einen Alltag ohne IT und Kommunikationstechnik im Regelfall nicht mehr gibt. Das machten schon die beiden bisherigen Vorträge deutlich.

Harmlose Variante


Prokosch, Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Informatik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), wandte sich einem mehr und mehr um sich greifenden Aspekt zu: individuelle Gesundheitsdaten, freiwillig erhoben. Voraussetzung sind sogenannte Fitness-Tracker, deutsch Gesundheits-Armbänder. Üblicherweise erfassen sie den Puls und fungieren als Schrittzähler. Daraus werden beispielsweise zurückgelegte Distanzen samt Kalorienverbrauch errechnet und Empfehlungen abgegeben. Selbstverständlich ordnen diese Geräte die Daten zeitlich und räumlich zu. Zur Übermittlung dienen in der Regel Smartphones.

Angesichts eines in weiten gesellschaftlichen Kreisen steigenden Fitness- und Gesundheitsbewusstseins rät Prokosch: "Die Frage, die man sich immer stellen sollte. Wo sind meine Daten?" Denn hier handelt es sich nicht um von einem Arzt bei einer Untersuchung gezielt erhobene Befunde, sondern Indikatoren physischer Befindlichkeiten. Freiwillig festgestellt und womöglich unfreiwillig weitergegeben. Denn nur die wenigsten Hersteller dieser Geräte würden nachvollziehbare Angaben dazu machen, wo diese Werte letztendlich landen.

Da tut sich sehr viel


Die heutige Medizintechnik und Sensorik setzt laut Prokosch zudem für die nahe Zukunft nur wenige Grenzen. In der experimentellen Laboranwendung sind bereits EKG-T-Shirts oder den Blutzucker-Wert feststellende Kontaktlinsen. Für chronisch Kranke, die permanent medizinisch betreut werden, kann das mehr Lebensqualität und eine bessere Versorgung bedeuten. Doch zu viele einschlägige Informationen erschweren auf der anderen Seite zugleich den Überblick und womöglich ärztliche Entscheidungen.

Quantified Self (deutsch: Vermessen von sich selbst) heißt im Fachjargon das selbstbestimmte Erheben und Verwerten von Daten über die eigene Physis. Für einen Freizeit-Fitness-Sportler mag es sehr hilfreich sein, sich so selbst zu kontrollieren und in Foren oder Communities darüber auszutauschen und im Sinne eines Wettbewerbs zu vergleichen. Krankenkassen haben sogar schon Beitragsboni versprochen, sollte ein gesundheitsbewusster Lebenswandel nachgewiesen werden. Uneigennützig tun sie üblicherweise so etwas nicht. Prokosch rät deshalb generell zur Vorsicht. Denn sind einschlägige Daten erst einmal erhoben, ist es ausschließlich nur noch eine Frage, "wie medizinische Informationen zusammengeführt werden". Das entzieht sich in der Regel der Kontrolle des Einzelnen, und individuelle Zuordnungen, respektive die Zuordnung zu den genutzten Geräten, stellen kein echtes Problem mehr dar.

Prof. Dr. Hans-Ulrich ProkoschAuch wenn er seit 2003 an der FAU den Lehrstuhl für Medizinische Informatik innehat, so ist Prof. Dr. Hans-Ulrich Prokosch kein Mediziner. Als Diplom-Mathematiker spezialisierte er sich in diese Richtung, indem er an der Universität Gießen zum Medizin-Informatiker promovierte. Auch die Habilitation dort fiel in dieses Fachgebiet und mündete in eine Professur für Medizinische Informatik an der Universität Münster (1995 bis 2003). Mit seinem Ruf an die FAU wurde Prokosch zugleich verantwortlich für die strategische Weiterentwicklung der IT-Landschaft des Erlanger Universitätsklinikums. Vor diesem Hintergrund sieht er mobile medizinische App-Anwendungen gleichermaßen als Chance, aber auch Gefahr für das Gesundheitswesen, weil sich große Bereiche einer ärztlichen Kontrolle entziehen. (zm)
Die Frage, die man sich immer stellen sollte. Wo sind meine Daten?Prof. Dr. Hans-Ulrich Prokosch
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