5,24 Promille sind keine Heldentat
"Das ist normalerweise tödlich"

"Drei Promille sind schon recht gefährlich. Das sind die Bereiche, in denen es immer wieder Todesfälle gibt." Zitat: Professor Dr. Michael Bohnert, Institut für Rechtsmedizin der Universität Würzburg

5,24 Promille hatte ein junger Mann, als er vergangenes Wochenende in einer Disco einen Böller in die Herrentoilette steckte und diese sprengte (wir berichteten) - ein astronomisch hoher Alkoholwert, der vor allem eines ist: lebensgefährlich.

Gerade in den sozialen Netzwerken wird der junge Mann fast schon gefeiert als Promille-Held. Neben Smileys, die Tränen lachen ob dieser Aktion, finden sich auch Daumen hoch. "Starke Leistung, oder?", fragt ein Facebook-Nutzer. Die Antwort findet sich im nächsten Post: "Respekt!". Ein anderer meint gar, das müsse man dem jungen Mann erst einmal nachmachen ...

Doch es hätte auch anders ausgehen können mit diesem Promillewert. Der Hirschauer kann "froh sein, dass er überlebt hat", sagt Professor Dr. Michael Bohnert, der das rechtsmedizinische Institut der Universität Würzburg leitet. Im Interview erklärt er, wie sich Alkohol auswirkt und wie gefährlich er sein kann - lebensgefährlich sogar. Und nicht erst bei 5,24 Promille, sondern schon weit vorher.

Wie erreicht man einen Wert von 5,24 Promille?

Professor Dr. Michael Bohnert: Indem man viel trinkt, enorm viel. Wie viel genau, das lässt sich auf Anhieb nicht sagen. Das hängt vom jeweiligen Menschen ab. Als Faustformel gilt, je mehr Körpermasse man hat, desto mehr muss man trinken, um einen gewissen Wert zu erreichen. Promille definiert man so: Gramm Alkohol pro Kilogramm Körpermasse. Eine Frau, die 50 Kilo wiegt, müsste also weniger trinken als ein doppelt so schwerer Mann, um den gleichen Promillewert zu erreichen.

Warum ist das so?

Es ist ein reines Verteilungssystem von Körpervolumen und Alkohol. Eine Rolle spielt zum Beispiel das Körperfett, denn dieses ist nicht an der Verteilung des Alkohols beteiligt. Und da liegt der Unterschied: Männer haben einen Körperfettanteil von 30 Prozent, Frauen einen von 40 Prozent. Wie sich die Blutalkoholkonzentration zusammensetzt, lässt sich ganz einfach durch die so genannte Widmark-Formel errechnen. Promille-Rechner dazu gibt es im Internet.

Sind 5,24 Promille ein realistischer Wert?

Wer diesen Wert hat, müsste eigentlich tot sein. Es gibt aber immer wieder Fälle, in denen Leute durch ein entsprechend langes Trink-Training Werte wie diese erreichen.

Bestünde die Möglichkeit eines Messfehlers?

Diese Möglichkeit gibt es, denn eine Blutalkoholkonzentration hat nur theoretisch etwas mit einer Atemalkoholkonzentration zu tun. Es kann also durchaus sein, dass der Wert, wenn er denn mit dem Alkomaten gemessen wurde, falsch bestimmt wurde. Das kann technische Ursachen haben. Andererseits hängt es vom Zeitpunkt ab, wann der Alkohol getrunken wurde.

Inwiefern?

Jemand trinkt einen Himbeergeist oder einen Wodka. Er trinkt das Schnapsglas aus, lässt den letzten Schluck länger im Mund, weil er den Geschmack genießen möchte. Würde er sofort danach in ein Atemalkoholmessgerät pusten, hätte er einen astronomisch hohen Promillewert.

Warum ist das so?

Ursächlich dafür ist der Mundrestalkohol, der zum Beispiel an Schleimhäuten oder in Zahnfleischtaschen vorhanden ist. Der wird mit ausgepustet und ist nicht verdünnt.

Wie wirkt sich Alkohol generell aus?

Alkohol wird getrunken, um sich besser zu fühlen. Dieses Gefühl tritt ein, wenn ein Alkoholpegel von 0,5 bis 0,6 Promille erreicht wird. Das wird erreicht, wenn man Essen geht und zwei Gläser Wein trinkt. Das ist auch der Punkt, an dem die meisten Menschen dann mit dem Trinken aufhören.

Was lösen zwei Gläser Wein aus?

Man ist etwas enthemmter, gelockerter, fühlt sich schöner, besser, stärker. Man kommt leichter mit anderen Menschen in Kontakt. Andererseits ist bei diesem Wert auch schon die Auffassungsgabe verlangsamt. Wird einem etwas Kompliziertes erzählt, muss man sich sehr konzentrieren, um dem folgen zu können. Auch die Reaktionszeit ist länger als beim nüchternen Menschen.

Merkt man in diesem Promillebereich schon körperlich etwas?

Ja. Es kommt zum Silbenstolpern, man spricht lauter, das Sehvermögen lässt nach, man bekommt einen Tunnelblick und je nachdem, wie sehr man an Alkohol gewöhnt ist, wird einem ein bisschen schwindlig.

Was passiert, wenn man dann noch weitertrinkt?

Die Ausfallerscheinungen werden stärker. Es fällt einem schwerer, das Gleichgewicht zu halten, das Sehvermögen nimmt weiter ab, man fängt an zu zittern oder greift daneben, wenn man etwas nehmen will. Das Schwindelgefühl nimmt zu, alles fängt an, sich zu drehen. All das wird immer stärker, bis es zu Kreislaufreaktionen kommt.

Wie äußern sich diese?

Das kann sein, dass der Blutdruck ansteigt oder abfällt. Oder man schläft ein, denn Alkohol stößt den Schlaf zwar an, allerdings schläft man schlechter durch und am nächsten Tag wacht man auf und fühlt sich nicht erholt.

In welchem Promillebereich passiert das?

Bei ungefähr einem Promill. Allerdings ist das ein Wert, den viele Menschen gar nicht erreichen. Ein Promill - das ist schon sehr viel.

Mitunter werden Menschen erwischt, die mit zwei Promille noch Auto fahren ...

Das stimmt. Und das hängt mit der Gewöhnung zusammen. Der Bundesgerichtshof hat in einer Entscheidung gesagt, dass Menschen, die mit 1,6 Promille und darüber am Steuer sitzen, keine betrunkenen Autofahrer sind , sondern fahrende Trinker. Der Körper gewöhnt sich tatsächlich an den Alkohol. Und vielen Menschen gelingt es dann auch, die Ausfallerscheinungen geschickt zu überspielen. Sie haben gelernt, das nach außen zu verbergen.

Ab welchem Promille-Bereich wird es lebensgefährlich?

Drei Promille sind da schon recht gefährlich. Das sind die Bereiche, in denen es immer wieder Todesfälle gibt. Andere Menschen sind mit zwei Promille noch so steuerungs- und handlungsfähig, dass sie einen Schlüssel nehmen, das Auto aufsperren, den Motor starten und losfahren. Bei einem Kind hingegen können zwei Promille schon tödlich sein.

Was genau ist bei einer Alkoholvergiftung todesursächlich?

Das kann Atemlähmung oder ein Kreislaufversagen sein. Andererseits ist es häufig so, dass der Betroffene einschläft, sich erbricht und dann an dem Erbrochenen erstickt. Häufig ist auch eine Kombination mehrerer Faktoren. Außerdem macht es einen Unterschied, ob es ein ansonsten völlig gesunder Mensch ist oder ob er zum Beispiel eine Herzerkrankung hat. Eine Rolle spielt auch die Gewohnheit, wie lange man schon trinkt und welche Mengen. Es ist wie bei einem Marathon, den läuft man auch nicht von heute auf morgen.

Ist Ihnen schon einmal eine Blutprobe mit einem Alkoholwert von 5,24 Promille untergekommen?

Nein, einen Wert von über fünf Promille habe ich noch nie gesehen, Werte über vier Promille allerdings schon.

Drei Promille sind schon recht gefährlich. Das sind die Bereiche, in denen es immer wieder Todesfälle gibt.Professor Dr. Michael Bohnert, Institut für Rechtsmedizin der Universität Würzburg
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