70 Jahre "Der neue Tag": Blattkritik im Kaffeehaus
Lieber Glosse als unfreiwillige Komik

Sie fühlen sich gut unterhalten: (von links) Herbert Hottner, Petra und Werner Konheiser, Stefan Ott. Bild: Herda

Blattkritik aus Leser-Sicht im Amberger Café Zentral: Ein Unternehmer, ein CSU-Kreisvorsitzender, das Führungsduo von "Amberg hilft" und der kulturbeflissenste Metzger der Stadt analysieren die Amberger Zeitung.

Beim Blick auf die Seite 1 (AZ, 24. Mai) missfällt Stefan Ott, 36, Mitarbeiter im Wahlkreisbüro des Landtagsabgeordneten Harald Schwartz (CSU) , ein kurzer Anreißer im Inhaltskasten: "Dass die AfD mit einem Verband spricht, hat hier nichts zu suchen." Der Verband ist der Zentralrat der Muslime, das Thema ein Aufreger der Woche.

Siegfried Schröpf, Geschäftsführer von Grammer Solar , 55, vertieft das AfD-Thema: "Frauke Petry kommt oft mit einem überproportional großen Bild vor - ich finde das etwas viel Werbung für die AfD." Dass es der Redaktion nicht darum geht, Petry bevorzugt ins Bild zu rücken, glaubt der Autor der Anwalt-Thrillerreihe "Schöngeist" sofort. Auch, dass bei der Größe der Fotos gestalterische Motive eine Rolle spielen, ist einleuchtend. Am Ergebnis ändere das wenig: "Ich glaube trotzdem, dass Petry die häufige Illustrierung nutzt."

Nach der Grundsatzdiskussion zu Beginn, einige süffisante Beobachtungen der restlichen Besatzung: "Ich fange hinten an", sagt Café-Besitzer Herbert Hottner , 54, "mit dem Spruch des Tages, - eine kluge Frau bewundert ihren Mann, ein kluger Mann gibt ihr einen Grund." Was Werner Konheiser, 60, seit einer Woche Frühentner wegen seiner schlechten Augen, an eine unfreiwillig komische Überschrift aus der AZ erinnert: "Glückliches Händchen beim Handgranatenschmeißen." Seine Empfehlung: "Ihr bräuchtet die Glosse eines Grantlers, dem man alle Bosheiten verzeiht - so eine Kolumne mit Narrenfreiheit wäre Kult ." Zumindest Gattin Petra Konheiser, 56, Redakteurin bei einem Baumaschinen-Verlag, nickt aufmunternd.

"Ihr habt große Verantwortung", wird Gastgeber Hottner ernst. "Ich schaue als Zweites in den Lokalteil, ob der Raab Andi wieder was dazu gesagt hat, dass die Innenstadt angeblich stirbt." Es sei ja legitim, auf Schwachstellen und Leerstände hinzuweisen. "Aber man kann die Stadt auch tot schreiben." Die fatale Wirkung der schlechten Nachricht hat der metzgernde Feingeist schon am eigenen Leib erfahren: "Ich bemühe mich seit 20 Jahren, dass wir als kreative Handwerker wahrgenommen werden." Dann sei ein Artikel mit dem Titel "Mord eines Metzgers" erschienen. "Wir kommen von unserem ,Blut und Tod'-Image nicht weg." Mit Folgen: "Die erste Frage eines Schülers bei der Berufsorientierung: "Macht Ihnen Töten Spaß?"

Wie wird die regionale Tageszeitung politisch wahrgenommen - neutral oder mit einer bestimmten Linie? "Ich empfinde die Linie der AZ konservativer als die der SZ", sagt Schröpf. "Ich würde es anders sehen", hält der CSU-Kreisvorsitzende dagegen: "Vor allem im Lokalteil kommen meiner Meinung nach konservative Sichtweisen zu kurz." Und der ratlose Hottner bekennt: "Ich erkenne gar keine Linie - du bist ein CSUler, du sagst, das ist nicht konservativ genug." Allerdings habe es früher mehr Hofberichterstatter gegeben. Petra Konheiser plädiert für mehr und provokantere Kommentare: "Wir wollen wissen, was ihr denkt - die Amberger Zeitung ist oft sehr vorsichtig ist mit ihren Aussagen."

Wie würden Sie die Funktion der Seite 3 beschreiben? "Heute ist das Wahlergebnis im Nachbarland das wichtigste Thema", erkennt Ott. "Oft steht da aber auch eine Story, die nicht zwingend für alle interessant ist." Und wo soll's hingehen, eher ins leichte Fach Richtung Barbara Meier oder lieber schwere Kost, wie Tod und Teufel? "Wenn wir was Leichtes wollen, schauen wir uns eine Seifenoper an", urteilt die Redakteurin. "Die WAA-Aufbereitung fand ich sehr gut", sagt Schröpf. "Aber ich hätte ich auch bei Barbara Meier reingeschaut, weil mich freut, dass eine junge Frau aus der Region eine richtig großere Karriere hinlegt." Wenn er Zeitung lese, möchte der Unternehmer tiefer einsteigen: "Die Grundinfo habe ich schon auf Spiegel-Online gelesen."

Herbert Hottner plädiert für die Mischung: "Nach Krieg und Familiendrama auch mal was Leichtes - aber ich gehe da offen ran, wenn es mich fesselt, bleibe ich dran, egal wie lange das ist." Fifty-Fifty, dass es klappt. "Im Lokalteil gefällt mir die Samstagsreportage."

Wer liest den Sport bevorzugt, wer gar nicht - und wenn ja, was? "Ich lese alles über den FC Amberg", bekennt Ott. "Das ist unser Aushängeschild." Auf den ersten drei Seiten ist zu viel FC Bayern, da sollte mehr Lokales drauf." Für Schröpf, den begeisterten Läufer, dominiert der Fußball zu stark: "Wir haben eine Läuferin in der Region, die die Olympia-Qualifikation schaffte, die bekam ein 1,5-spaltiges-Foto. Die Bilder der Kreisklassenvereine sind viel größer."

Wirtschaft und Kultur werden vielen Studien zufolge am wenigsten gelesen - wer sieht das anders? "Für mich ist interessant, dass es noch nie ein Bauerntheater auf die Kultur geschafft hat", kritisiert Ott, "das findet immer nur im Kreisteil statt. Dabei wurde das Freudenberger Bauerntheater sogar ausgezeichnet." Der Unternehmer liest den Wirtschaftsteil: "Ich würde mir mehr regionale Wirtschaft wünschen", sagt Schröpf, "es gibt so viele Firmen bei uns."

Der Lokalteil gilt als Markenkern jeder Regionalzeitung: Was würden Sie davon halten, wenn die Zeitung auf den Mantel verzichten oder mit dem Lokalen beginnen würde? "Ich finde den Ansatz interessant", sagt Ott. Schröpf und die Konheisers möchten sich da nicht mehr umgewöhnen. Hottner nennt ein Pro und ein Contra: "Vielleicht müssten dann die Lokalisten mehr kontroverse Geschichten suchen, weil die Titelseite sonst den Charakter eines Anzeigenblattes bekäme."
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