Abschiebung aus dem Krankenhausbett heraus
Die Frau war "entlassfähig"

Bild: Petra Hartl
 
"Von unserer Seite her war die Behandlung korrekt abgeschlossen." Hubert Graf, kaufmännischer Direktor des Klinikums

Eine Bosnierin rutscht aus, stürzt, zieht sich eine Unterschenkel-Fraktur zu und muss operiert werden. Vier Tage später ist die Frau aus dem Klinikbett heraus plötzlich verschwunden - und abgeschoben.

Die Kümmersbruckerin Maria Sailer ist am Montag noch entsetzt und kann sich am Telefon in ihrer Bestürzung so richtig in Rage reden. Ihre Aufregung richtet sich nicht gegen die eigentliche Abschiebung der 35-Jährigen samt der beiden eineinhalb und fünf Jahre alten Kinder und des Lebensgefährten. Auch die damit beauftragten Polizeibeamten hat sie nicht im Blick, als sie "diese unmenschliche Abschiebung" anprangert.

Ihr geht es um den Arzt des Klinikums St. Marien, der die vier Tage zuvor operierte Bosnierin als entlassungs- und transportfähig einstufte und damit die morgendliche, Zwangsausweisung erst ermöglicht habe. "Das muss man sich mal vorstellen: Mit acht Schrauben im Bein, das Bein geschwollen in einer Schiene liegend, mit starken Schmerzen am vierten Tag nach der Operation, noch keinen Meter das Bett verlassen - lässt das Amberger Klinikum die Abholung durch die Polizei zwecks Abschiebung zu", schrieb die Kümmersbruckerin an die AZ.

Frage stellt sich nicht


St. Marien hat kein Problem damit. Aus medizinischer Sicht sei die 35-Jährige "entlassfähig" gewesen, stellte Hubert Graf, kaufmännischer Direktor des Hauses sowie stellvertretender Klinikumsvorstand, nach Rücksprache mit den verantwortlichen Ärzten der Unfallchirurgie fest. "Von unserer Seite her war die Behandlung korrekt abgeschlossen", betonte er. "Damit war das Thema für uns erledigt." Zweifel, ob davon auszugehen sei, dass die abgeschobene Frau in Bosnien die nötige Anschlussbehandlung womöglich nicht bekommen könne, beantwortete Graf mit dem Hinweis, dass es sich um ein sicheres Herkunftsland handle und sich deshalb diese Frage nicht stelle. Jeder andere Patient in einem vergleichbaren Zustand wäre ebenso entlassen worden.

Von unserer Seite her war die Behandlung korrekt abgeschlossen.Hubert Graf, kaufmännischer Direktor des Klinikums

Maria Sailer hat erfahren, dass noch am Flughafen der Lebensgefährte der 35-Jährigen festgenommen worden sei und die mittellose Frau sich keinerlei medizinische Behandlung leisten könne. Die Bosnierin, um die sie sich seit einiger Zeit aus Mitgefühl heraus etwas kümmerte, sei eine reine Zufallsbekanntschaft aus dem Kindergarten gewesen. Die Mutter zweier Buben habe im Alltagsleben erhebliche Verständigungsprobleme gehabt. "Aber sie sprach Französisch und ich auch."

So habe man sich kennengelernt. Wie lange die Patchwork-Familie schon in Deutschland gewesen ist, wisse sie nicht, erzählte Maria Sailer. "Aber der Kleinere wurde schon hier geboren." Massiv erschwerend sei hinzugekommen, dass der ein paar Jahre jüngere Lebensgefährte psychisch schwer erkrankt und in entsprechender ärztlicher Behandlung gewesen sei. Deshalb habe der Mann unter Betreuung gestanden.

Anspruch und Wirklichkeit


Der Kümmersbruckerin ist bekannt, dass es bereits Abschiebeversuche gegeben hat. Der Aufforderung, Deutschland freiwillig zu verlassen, hätten die Vier aber nicht Folge geleistet. Dass deshalb eine zwangsweise Ausreise immer näher rückte, sei allen bewusst gewesen. Deren Rechtmäßigkeit steht für Maria Sailer nicht in Frage. Ihr geht es um die medizinischen Begleitumstände nach dem Sturz der Frau und der nötig gewordenen Operation. Die Kümmersbruckerin hatte deshalb auch beim Ausländeramt des Landratsamtes interveniert und die Antwort erhalten, mit der ärztlichen Expertise, dass die Frau reisefähig sei, habe kein Abschiebe-Hemmnis mehr bestanden.

St. Marien führt den Slogan "Medizin. Menschlichkeit. Miteinander.", hob Maria Sailer nicht nur einmal hervor. Und es sei schmerzhaft zu erfahren, wie weit werbewirksamer Anspruch und die alltägliche Wirklichkeit auseinander liegen würden.
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