Als die Züge verunglücken
Tag der europäischen Notrufnummer

Christoph Hollweck nimmt einen Notruf entgegen, der über die 112 eingeht. Bilder: Sandig (2)
 
Das rote Licht am Disponenten-Tisch zeigt an, dass an diesem Arbeitsplatz gerade ein Notruf eingegangen ist.
 
Christoph Hollweck nimmt einen Notruf entgegen, der über die 112 eingeht. Bild: Sandig

Ein Anruf geht ein, abgesetzt über die 112. Christoph Hollweck nimmt ihn an. "Notruf für Rettungsdienst und Feuerwehr, grüß Gott", sagt er. Alltag in der Integrierten Leitstelle. Heute, am 11.2., ist der Tag der europäischen Notrufnummer 112.

An diesem Vormittag ist es relativ ruhig. Ein bisschen verwunderlich, schließlich ist es der Faschingsdienstag. Fünf Mitarbeiter besetzten in der Frühschicht die Integrierte Leitstelle: Zwei Telefonisten, zwei weitere Disponenten, die für den Funkverkehr mit Rettungsdienst und Feuerwehr zuständig sind, plus der Schichtführer. Ihr zu betreuendes Gebiet, die Landkreise Amberg-Sulzbach und Schwandorf sowie die Stadt Amberg, haben sie auf den Bildschirmen im Blick. Sie sehen, welche Einsatzfahrzeuge frei, welche unterwegs sind. Sie wissen, welche Krankentransporte abzuwickeln sind, selbst die in der weiteren Umgebung verfügbaren Hubschrauber haben sie auf dem Schirm. An der großen Medienwand läuft stets ein Nachrichtensender, damit die Mitarbeiter auf dem Laufenden sind, was wo passiert ist. An diesem Tag ist es das schwere Zugunglück von Bad Aibling mit zehn Toten und rund 100 Verletzten.

Nett, höflich, dankbar


Alexander Reiser, der bei der ILS Amberg für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, bewertet diesen Vormittag als "mittleren Tag". Feuerwehrtechnisch ist es ruhig, gerade mal ein Fahrzeug ist im 2778 Quadratkilometer großen Gebiet, in dem zirka 292 000 Menschen leben, unterwegs. "Im Rettungsdienst ist es das normale Tagesgeschäft", beurteilt der ILS-Disponent die aktuelle Lage. Doch es gibt auch andere Tage.

Christoph Hollweck tippt wieder auf den Bildschirm, an seinem Arbeitsplatz geht ein rotes Licht an - er hat einen Notruf in der Leitung. Seit 6.30 Uhr ist er im Dienst, um 14.30 Uhr ist Schichtwechsel. Die meisten Anrufer sind nett, höflich - und auch dankbar, dass ihnen geholfen wird. "Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen", erklärt der junge Mann. Er fragt den Anrufer, was passiert sei, ob die Person, die Hilfe benötigt, ansprechbar sei. Während Hollweck all dies noch abklärt, geht der nächste Notruf ein, der Kollege übernimmt ihn. Die Disponenten nehmen Daten auf, sie beruhigen Menschen, leiten sie zur Ersten Hilfe oder gar zur Reanimation an. "Da ist immer ein bisschen Psychologie dabei", sagt Reiser.

Hollweck entscheidet, einen Rettungswagen vorbeizuschicken. Noch während er mit dem Anrufer telefoniert, bekommt diese Information seine Kollegin auf den Bildschirm. Per Funk verständigt sie den Rettungsdienst. Gut möglich, dass später die Rettungswagen-Besatzung noch einen Notarzt nachfordern wird, ebenfalls über die ILS. Herz- oder Herbststraße (Reiser: "Das lässt man sich dann buchstabieren"), aufgeregte Anrufer oder solche, die kaum Deutsch können. Der Disponent weiß sich zu helfen: "Wenn jemand nur Italienisch kann, verbinden wir ihn mit der Leitstelle Meran, da steht ein Dolmetscher zur Verfügung." Bei Türkisch können die Berliner Kollegen weiterhelfen.

Oft wenig Zeit dazwischen


Jetzt ist es wieder ruhig in der ILS. Kein Telefon klingelt. Die Mitarbeiter warten auf weitere Notrufe. Der nächste kann in einer Sekunde eingehen oder erst in ein paar Minuten. "Oft ist aber nicht viel Zeit dazwischen", so Hollweck. Der nächste Anruf kann ein lebensbedrohlicher Notfall sein oder ein Telefonat aus der Hosentasche. Nämlich, wenn die Tastensperre nicht aktiviert ist und das Handy sozusagen selbstständig die 112 und damit die ILS anwählt. "Das kommt immer wieder vor", sagt Reiser. Doch der nächste Anruf, den Hollweck entgegen nimmt, ist ein echter Notruf - ein Mensch braucht Hilfe.

An 365 Tagen rund um die Uhr besetzt: Die Integrierte LeitstelleIn der Integrierten Leitstelle, die der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) betreibt, arbeiten 26 Disponenten, darunter neun Schichtführer. Besetzt ist die ILS an 365 Tagen rund um die Uhr, an Weihnachten genauso wie an Ostern, an Sonn- wie an Feiertagen.

Manchmal ist es laut ILS-Mitarbeiter Alexander Reiser vorhersehbar, dass mehr los sein könnte. So war an Weiberfasching ein Telefonist zusätzlich in der Leitstelle. Auch für die G.O.N.D., die Größte Onkelz Nacht Deutschlands im Sommer in Kreuth, wird "aufgerüstet": "Da haben wir immer ab 15 Uhr ein bis zwei Mann mehr." Für alles, was nicht planbar ist, könnten bei einem vermehrten Aufkommen von Notrufen notfalls auch die Leitstellenleiter Armin Buchwald und Stefan Brunner sowie ZRF-Geschäftsführer Andreas Dommer eingreifen, um das Team zu unterstützen.

Im Hintergrund stehen laut Reiser ebenfalls Kollegen parat, sie gehören der 15 Mitarbeiter starken Unterstützungsgruppe an. Dies sind nebenamtliche Kräfte, die in die ILS kommen und weitere Telefonplätze besetzen, wenn beispielsweise ein Unwetter in der Region wütet und deshalb mehr Notrufe abgesetzt werden. (san)


Die 112 kann Leben retten
Angemerkt von Kristina Sandig

Seit fünf Jahren gibt es ihn, den 11.2. als Tag der europäischen Notrufnummer. Doch in vielen Köpfen ist die 112 immer noch nicht verankert. Dabei sind es drei Ziffern, die lebensrettend sein können. Sie stehen ganz am Anfang der Rettungskette. Für die Disponenten der ILS ist es wichtig, rasch einen Überblick zu bekommen, was passiert ist, wie viele Menschen betroffen sind, welche Symptome sie haben - anhand dieser Angaben schicken sie dann Rettungsmittel los, damit den Betroffenen schnellst- und bestmöglich geholfen wird. Pin-Nummern (von Smartphone über PC bis zu Bank- und Kreditkarte), Passwörter für soziale Netzwerke und virtuelle Einkäufskörbe: Viele Menschen kennen all diese Daten in- und auwendig. Da aber muss auch noch Platz sein für drei Ziffern, die lebensrettend sind: 112.

kristina.sandig@derneuetag.de

HintergrundEuropaweit ohne Vorwahl und Kosten
"Die 112 ist noch nicht so ganz in den Köpfen drin", sagt Alexander Reiser, der bei der Integrierten Leitstelle (ILS) für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Häufig würden Menschen die 110, also die Notrufnummer der Polizei wählen, wenn sie Rettungsdienst oder Feuerwehr verständigen wollen. Diese Anrufe leiten die Polizisten dann an die ILS weiter.

Um die 112 bekannter zu machen, hat der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung, der die ILS betreibt, sich einen kleinen Stand zugelegt. Damit sei man auf Messen vertreten, erklärt Reiser. Zum Beispiel beim Gesundheitstag im Landratsamt oder im vergangenen September bei der Blaulichtmeile der Amberger Feuerwehr in der Innenstadt. "Wir haben auch Flyer und Plakate entworfen", erklärt der ILS-Mitarbeiter.

Der Notruf 112 ist laut einer gemeinsamen Pressemitteilung des BRK-Kreisverbands Amberg-Sulzbach und der Integrierten Leitstelle "europaweit vorwahlfrei, kostenlos und wird im Funk- und Festnetz mit Vorrang behandelt". Wer die 112 wählt, wird automatisch mit der örtlich zuständigen Leitstelle verbunden. Dies funktioniert in jedem Mobilfunknetz, auch wenn das Netz des Anrufers am aktuellen Standort gerade nicht verfügbar ist.
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