Am humanistischen Erasmus-Gymnasium neue Fremdsprachenwahl möglich
Englisch ist das neue Latein

So manchem Schüler hat die zwischen verschiedenen Fremdsprachen schon Kopfzerbrechen bereitet. Am altsprachlichen Erasmus-Gymnasium war die Reihenfolge bisher festgelegt: Zuerst kommt Latein, dann Englisch. Jetzt kann man das auch umdrehen - eine neue Qual der Wahl. Archivbild: gms
 
"Englisch ist nun mal das neue Latein, die globale Sprache." Peter Seidl unserer Zeit.

Ein humanistisches Gymnasium, an dem man nicht mehr Latein als erste Fremdsprache nehmen muss - ist das der Untergang des Abendlandes oder eher eine längst überfällige Modernisierung?

Diese Frage hat sich auch Peter Seidl gestellt. Die AZ sprach mit dem Direktor des Erasmus-Gymnasiums über diese Neuerung an seiner Schule.

Herr Seidl, das EG ist das letzte humanistische Traditionsgymnasium in der Oberpfalz, das jetzt neben Latein auch Englisch als erste Fremdsprache anbietet. Was gab denn den Ausschlag für diese Entscheidung?

Seidl: Das Bildungsangebot mit Anfangslatein - früher einmal Standard an allen Gymnasien - ist in den letzten Jahren zu einem Nischenangebot für immer weniger Elternschichten geworden. Man kann nur mehr in Großstädten mit weitem Einzugsbereich wie Nürnberg oder München noch eine ganze Schule damit füllen, das heißt stabile drei Eingangsklassen bekommen.

Warum ist Latein offenbar überall in der bayerischen Gymnasiumslandschaft auf dem Rückzug?

Seidl: Englisch ist nun mal das neue Latein, die globale Sprache unserer Zeit. Das US-amerikanische Weltreich hat seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Erbe des Römischen Reichs über den ganzen Erdkreis angetreten, sowohl was militärische und wirtschaftliche Macht angeht als auch durch seine Dominanz in Bereichen wie Technologie, Wissenschaft, Unterhaltung, Musik, Mode. Ohne Englischkenntnisse geht in der Berufs- und Studienwelt gar nichts mehr; es ist inzwischen weniger eine Fremdsprache als eine Kulturtechnik wie Lesen und Schreiben geworden.

Warum hat es bei Ihnen etwas länger gedauert, bis man sich zur Öffnung der Sprachenfolge durchgerungen hat?

Seidl: Es war ein langer Diskussionsprozess innerhalb der Schulfamilie, der schon mindestens seit einem Jahrzehnt läuft und jetzt eben zu einem Abschluss gekommen ist. Die Öffnung hin zu einer Wahlmöglichkeit zwischen Anfangslatein (L1) und Anfangsenglisch (E1) hat jetzt eine Mehrheit im Kollegium, im Elternbeirat und im Schulforum gefunden.

Dabei gäbe es durchaus Argumente, die für eine Beibehaltung von verpflichtendem L1 sprechen.

Seidl: Sehr respektable sogar. Zum Beispiel das Alleinstellungs- oder auch Qualitätsmerkmal, das es einem Gymnasium zweifellos verleiht.

Und Sie selbst als Absolvent des Erasmus-Gymnasiums ...

Seidl: ... mit Abitur in Latein und Griechisch, ja, ich habe zunächst eher gebremst. Eine fast 400-jährige Tradition wirft man nicht so einfach über den Haufen. Aber wir werfen nichts über den Haufen, wir erweitern unser Angebot um eine neue Variante des Sprachenlernens an einem sprachlichen Gymnasium.

Was ist denn eigentlich so wertvoll am Anfangslatein?

Seidl: Einmal der Wert als Propädeutik für alle modernen Fremdsprachen, die man später lernt. Ein wenig so, wie wenn man ein altes Auto zum Auseinanderschrauben hat und daran lernt, wie neue Autos funktionieren. Dann - fast noch wichtiger: Generationen von Schülern haben über das Latein im Übersetzen und kontrastiven Betrachten die Grammatik und die innere Funktionsweise ihrer eigenen Sprache, des Deutschen, verstehen gelernt. Englisch funktioniert völlig anders als Deutsch, in seinen Formen und seinem Satzbau - es ist da keine Hilfe.

Haben bei den anderen Gymnasien nach der Umstellung mehr Fünftklässler Latein oder mehr Englisch genommen?

Seidl: Dazu haben wir zu wenig exakte Zahlen. Wir haben im Zuge unserer internen Diskussion den Schulleiter des Robert-Schuman-Gymnasiums Cham eingeladen, einer vergleichbaren Schule, die diesen Schritt vor etwa einem Jahrzehnt vollzogen hat. Nach der Öffnung dort hatte Englisch zunächst einen Boom, inzwischen hat sich die Wahl eingependelt, und beides wird weiter nachgefragt.

Erhoffen Sie sich durch die Neuregelung auch mehr Interessenten für den Übertritt ans EG?

Seidl: Freilich - es wäre unredlich, das zu leugnen. Wir wollen einerseits unsere bisherige Stammklientel halten, die den Bildungsgang mit L1 für ein sprachbegabtes Kind wegen der beschriebenen Vorteile bewusst wählt. Wir wollen andererseits aber auch die Hemmschwelle senken für Interessenten, die das EG als kleine, familiäre Schule mit humanistischer Tradition schätzen, die sich aber nicht durch L1 vorzeitig festlegen wollen. Auch wollen wir - angesichts einer immer mobiler werdenden Gesellschaft - offener werden für einen späteren Einstieg oder für einen Schulwechsel, zum Beispiel beim Umzug von oder nach Amberg.

Wie waren denn in den vergangenen Jahren Ihre Übertrittszahlen?

Seidl: Wir haben das erlebt, was alle Gymnasien außerhalb der Ballungsräume, auch unsere Amberger Nachbarschulen, in den letzten Jahren zu unterschiedlichen Zeiten durchgemacht haben: Es gibt Jahre, da brechen die Anmeldezahlen überraschend ein, dann kann man sie auf dem niedrigeren Niveau wieder eine Weile halten, vielleicht auch etwas steigern, aber gleichzeitig gehen stärkere Abiturjahrgänge ab als neue Fünftklässer nachkommen. Insgesamt sinkt die Kurve.

Woran liegt das?

Seidl: Zum einen an der demografischen Entwicklung, weil es eben einfach weniger Kinder gibt; der Tiefpunkt dieser Entwicklung ist noch nicht erreicht. Oder plakativer gesagt: Die Kinder, die um 2020 für den Übertritt ans Gymnasium fehlen, werden jetzt auch nicht mehr geboren. Zum anderen hat sich aber das Gymnasium als Schulart insgesamt in den letzten Jahren denkbar schlecht verkauft.

Warum?

Seidl: In der öffentlichen und medialen Diskussion wurde und wird das Gymnasium fast nur negativ assoziiert mit der unseligen Strukturdebatte - Stichwort G8 oder G9 -, mit "Stress", Nachmittagsunterricht und so weiter. Die Besonderheit dieser Schulart, die als einzige die jungen Menschen von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter bilden und formen kann, ihnen breites, vertieftes Allgemeinwissen und Studierfähigkeit vermittelt, geht in dem Getöse unter.

Gleichzeitig boomt die sechsstufige Realschule.

Seidl: Ja, die schafft es, ohne negative Schlagzeilen auszukommen. Und sie bietet sich im Verbund mit der Fachoberschule den Eltern als ein alternativer - und weniger "stressiger" - Weg zum Abitur an. Das ist völlig legitim, aber unser Angebot am Gymnasium ist ein anderes, und unser Ziel ist ein anderes.

Wer entscheidet eigentlich, welche und wie viele Schüler ans Gymnasium übertreten?

Seidl: Überall, wo mehrere Gymnasien am Ort sind, gibt es inzwischen, wenn man das Übertrittszeugnis in der Tasche hat, eine Art Anmelde-Tourismus: Man schaut dort, schnuppert da, guckt sich diese und jene Informationsveranstaltung an. Und letztlich sind es immer häufiger die Kinder, die über den Übertritt entscheiden dürfen und auch entscheiden. Da treten dann oft die für die Erwachsenen wichtigen Dinge in den Hintergrund. Den Ausschlag geben dafür ganz andere, sehr individuelle und emotionale Faktoren, zum Beispiel an welche Schule die Geschwister oder die Freunde gehen, welchen Eindruck das Schulhaus macht.

Zurück zur Anfangssprache. Ergeben sich durch die Wahl von E1 Einschränkungen in der weiteren Sprachenwahl?

Seidl: Nein - abgesehen davon, dass bei der Wahl von E1 Latein zur verpflichtenden Zweitsprache wird; umgekehrt war es ja schon immer der Fall. Viel zu wenig bekannt ist die Tatsache, dass in den ersten drei Jahren die Stundentafel an allen Ausbildungsrichtungen des bayerischen Gymnasiums identisch ist, also gleichviel Deutsch, gleichviel Mathe, erste und zweite Fremdsprache. Das jeweilige Profil - bei uns das sprachliche, anderswo das musische oder naturwissenschaftliche - entfaltet sich erst ab der 8. Klasse.

Zerstört die Wahl von Anfangs-Englisch nicht das humanistische Profil der Schule?

Seidl: Nein. Am "humanistischen Gymnasium" ändert das absolut gar nichts. In einem weiteren Sinn sind alle Gymnasien humanistisch, das heißt den abendländischen Werten und der Tradition der Aufklärung verpflichtet. Der Humanismus als Geisteshaltung, der sich aus der Philosophie der Antike und dem christlichen Menschenbild speist, ist auch nicht auf die alten Sprachen beschränkt; er ist in allen unseren Bildungsinhalten präsent, von den Sprachen, der Literatur und den Gesellschaftswissenschaften über Mathematik und Naturwissenschaften bis hin zu den musischen Fächern und dem Sport. Im engeren Sinn heißt "humanistisches Gymnasium" als Unterkategorie des sprachlichen Gymnasiums, dass eine Schule (Alt-)Griechisch in ihrem Sprachenangebot hat. Solange Griechisch am EG gelehrt wird und solange es Schüler gibt, die in der 8. Klasse Griechisch wählen, sind wir ein humanistisches Gymnasium.

Aber ein bisschen was von der stolzen Tradition der Schule geht schon den Bach runter, oder?

Seidl: Man muss das ganz nüchtern und ohne Aufregung sehen. Was wir beschlossen haben, ist nur ein weiterer Schritt in einer Entwicklung, die schon sehr lange im Gange ist. Die Geschichte des Gymnasiums ist eine Geschichte des Zurückweichens und Aufweichens der Dominanz der alten Sprachen - zugunsten der modernen Fremdsprachen und der sogenannten Realien-Fächer. Das beginnt schon im Jahr 1890 unter Kaiser Wilhelm, der die Latein- und Griechischstunden zugunsten des Studiums der deutschen klassischen Literatur drastisch kürzen ließ und den deutschen Aufsatz (statt des lateinischen) im Abitur durchsetzte - übrigens sehr gegen den Widerstand der Altphilologen, die darin den Untergang des Abendlandes sahen.

Haben Sie dieses Zurückweichen der alten Sprachen in Ihrer eigenen Schulzeit auch erlebt?

Seidl: Ja, in den 60er Jahren wurde am EG neben Griechisch auch Französisch als Drittsprache erlaubt. Und in den 90er Jahren wurden die sogenannten spätbeginnenden Fremdsprachen eingeführt - bei uns zum Beispiel Italienisch statt Latein. Alle diese Veränderungen hat das Gymnasium überlebt, und sie haben es bereichert und modernisiert.

Was sich ändertIm Schuljahr 2016/17 haben die Schüler, die ans Erasmus-Gymnasium übertreten, erstmals in der fast 400-jährigen Schulgeschichte die Wahl, ob sie mit Englisch (E1) oder Latein (L1) beginnen wollen. Die jeweils andere Sprache setzt dann als zweite Fremdsprache in der 6. Jahrgangsstufe ein. Unabhängig davon, mit welcher Fremdsprache begonnen wurde, kann man dann in der 8. Klasse wählen zwischen der dritten Fremdsprache Französisch (Neusprachliches Gymnasium) oder Griechisch (Humanistisches Gymnasium).

Bis zu diesem Zeitpunkt entspricht der Fächerkanon exakt dem aller anderen Gymnasien. Als Besonderheit des EG kann dann in der 10. Klasse die erste oder die zweite Fremdsprache abgelegt und bis zum Abitur durch Italienisch als sogenannte spätbeginnende Fremdsprache ersetzt werden. (ll)
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