Amberger Fotografin macht Bilder von "Sternenkindern"
Ein bisschen was vom Leben

Kleiner Gruß von einem kurzen Leben: Die Fotografen der Initiative "Dein Sternenkind" wollen Eltern von verstorbenen Säuglingen ein würdiges Andenken an ihr Kind ermöglichen. Bild: Dein Sternenkind
 
"Es ist unglaublich, was diese Eltern ausstrahlen, was man in diesen Räumen vorfindet. Wie viel Wärme und Liebe dort herrschen." Zitat: Fotografin Severine Martin

Normalerweise hat es Severine Martin (32) mit fröhlichen Leuten zu tun: Hochzeitspaaren, Erstklässlern oder Kommunionkindern. Nach Dienstschluss widmet sie sich traurigen Menschen. Die Ambergerin fotografiert Babys, die gestorben sind.

Der Anruf kann ganz plötzlich kommen. Wenn das Telefon klingelt und die Hebamme die Fotografin bittet, zu kommen, dann fährt sie sofort los. Severine Martin nimmt ihre Kamera mit und ein paar Kleidungsstücke, die sie extra anfertigen ließ: Ein Hemdchen, das einer kleinen Puppe passen könnte. Eine Strickmütze, die gerade mal über zwei Finger reicht. "Wir wollen den Babys ein Stück vom Leben geben", sagt die 32-Jährige. Ein bisschen Leben für einen Säugling, der keines mehr hat.

Die Ambergerin engagiert sich für die Initiative "Dein Sternenkind", eine Organisation, die bundesweit professionelle Fotografen an Eltern vermitteln, die vom plötzlichen Tod eines ungeborenen Kindes oder Babys betroffen sind. "Mich hat dieses Engagement einfach ergriffen", erzählt Martin. "Wenn ein Erwachsener stirbt, dann hat man immer irgendwelche Fotos von ihm. Verliert man ein Baby, sind die Eltern oft so geschockt, dass sie gar nicht an so etwas wie ein Foto denken."

Die 32-Jährige geht sehr vorsichtig mit ihrem ehrenamtlichen Auftrag um. Sie, die in dieser für die trauernden Mamas und Papas herzzerreißenden Situation kurz auftaucht und dann wieder in ihr normales, sorgenfreies Leben entschwindet, weiß sehr wohl, welch Vertrauen ihr die Betroffenen entgegenbringen. Sie hat höchste Achtung vor ihnen. Eines ist allen Einsätzen gleich: "Es ist unglaublich, was diese Eltern ausstrahlen, was man in diesen Räumen vorfindet. Wie viel Wärme und Liebe dort herrschen." Severine Martin ist keine Seelsorgerin. Sie kommt, um zu fotografieren, nicht um mit Worten zu trösten. Dennoch ist sie überzeugt, dass sie einen wesentlichen Beitrag zur Trauerarbeit leistet. "Wenn ich gehe und eine Mutter streicht mir über die Hand, dann weiß ich, dass ich etwas Gutes getan habe."

Und noch eine Erkenntnis nimmt die Ambergerin von ihrem Dienst an den Sternenkindern mit: Dass nichts im Leben selbstverständlich ist. "Jedesmal, wenn ich ein gesundes Neugeborenes sehe, dann wird mir wieder vor Augen geführt, was das für ein Geschenk ist", sagt sie. Severine Martin muss nicht für dieses Engagement bezahlt werden. Was sie anderen gibt, was ihr widerfährt, ist mit Geld nicht aufzuwiegen.

Es ist unglaublich, was diese Eltern ausstrahlen, was man in diesen Räumen vorfindet. Wie viel Wärme und Liebe dort herrschen.Fotografin Severine Martin


Wenn ich gehe und eine Mutter streicht mir über die Hand, dann weiß ich, dass ich etwas Gutes getan habe.Severine Martin


Dein SternenkindDie Aktion „Dein Sternenkind“ wurde Anfang 2013 durch Kai Gebel aus Seeheim (Hessen) ins Leben gerufen. Die Initiative bietet Erinnerungsfotos als ein Geschenk für Eltern, die entweder ein bereits totes Baby auf die Welt bringen müssen oder denen der Tod des Neugeborenen unausweichlich bevorsteht. „Für einen liebevollen und bewussten Abschied von seinem Baby ist das Schaffen und Sammeln von greifabren Erinnerungen unendlich wichtig“, heißt es in einem Selbstporträt der Aktion. „Würdevolle und einfühlsame Fotografien des sterbenden oder bereits verstorbenen Babys können die kurze gemeinsame Zeit für die betroffenen Eltern und Familien für immer festhalten.“ Kai Gebel ist Vater von sechs erwachsenen Kindern, freier Fotograf und Filmemacher. Neben seiner Tätigkeit als Initiator für Dein Sternenkind ist er noch für Archemed.org – Ärzte für Kinder in Not tätig.
Inzwischen besteht die Initiative aus über 600 Fotografen in ganz Deutschland, die kostenlos ihre Zeit Sternenkinder und deren Eltern zur Verfügung stellen. In der Oberpfalz gehört Severine Martin zu den Vorreiterinnen des Netzwerks. Die nächsten Fotografen, die sich der Initiative angeschlossen haben, gibt es in Burglengenfeld und Regensburg. „Dein Sternenkind“ ist 2014 mit dem Pulsus-Award ausgezeichnet worden. „Es ist kein Tabuthema, es ist das Leben“, steht auf dem Flyer, den das Projekt drucken ließ. „Manchmal ist der Schock zu groß, die Traurigkeit zu mächtig oder die Zeit zu kurz, um in diesem Moment an die Erinnerung zu denken.“ Deshalb will auch Severine Martin die Aktion bekannter machen.

Weitere Informationen:

www.dein-sternenkind.eu

Angemerkt


Dem Tabu die Stirn bieten

Von Uli Piehler

Wer eine Kultur verstehen will, wer wissen möchte, wie eine Gesellschaft tickt, der sollte sich ansehen, wie sie mit dem Thema Tod umgeht. Der Soziologe Norbert Elias hat das in seinem Essay "Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen" schön beschrieben. Er stellt den westlichen Zivilgesellschaften ein geradezu vernichtendes Urteil aus. Sie seien auf dem besten Weg, die Endlichkeit des Lebens völlig auszublenden. Leidtragende seien in erster Linie die Sterbenden in den Krankenhäusern, aber auch die vom geschäftigen Alltagsleben vereinnahmten Gesunden. Zwar noch jung und stark, hadern sie dennoch mit dem großen Tabu im Hintergrund.

Severine Martin ist eine junge Frau, die einen anderen Weg geht. Selbstbewusst stellt sie sich diesem unangenehmen Thema - nicht nur an Allerheiligen. Sie steht das ganze Jahr über bereit, dort hinzugehen, wo der Tod am unbarmherzigsten zuschlägt, in die Kreißsäle und Kinderzimmer. Sie tut es, um den Mamas und Papas Trost zu spenden, um die verstorbenen Säuglinge als vollwertige Menschen anzuerkennen, um das Leben - und sei es noch so kurz gewesen - zu würdigen.

Der Sterbeforscher Norbert Elias (selber gestorben 1990) wäre stolz auf die Amberger Fotografin. Sie bietet der Kultur des Verdrängens die Stirn. Hätte er die Initiative "Dein Sternenkind" gekannt, wäre seine Analyse vielleicht nicht ganz so hart ausgefallen.

uli.piehler@oberpfalzmedien.de
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