Amberger hilft im verwüsteten Simbach am Inn
"Mir Bayern, mir stehn zamm!"

        Simbach am Inn: Rathaus |

Oliver Endres aus Amberg hat am Montag sein Auto mit Essen, Getränken, Gummistiefeln und Schaufel vollgeladen und ist ins Katastrophengebiet von Simbach am Inn gefahren. Von einem Katastrophengebiet zu sprechen ist nicht übertrieben. Das wird deutlich, wenn man die täglichen Erfahrungsberichte des Ambergers liest. Am Mittwochabend kehrte Endres nach Amberg zurück. Dem Onetz hat er beeindruckende Bilder und Texte von drei Tagen freiwilligem Hilfseinsatz zur Verfügung gestellt.

Montag, Tag 1, Erster Bericht


Ankunft Simbach 22 Uhr. Mein Gedanke auf der Herfahrt: Ich bin nur Stellvertreter - für die hunderten Hilfsbereiten aus dem Raum Amberg-Sulzbach (über 20 Chefs aller Unternehmen und die Mitarbeiter). Für die vielen moralischen Unterstützer in den diversen Facebook-Gruppen. Für über 10 Mitfahrwillige, die arbeiten müssen oder sehr kleine Kinder haben.

Soll ich eine Art Mini-Blog während der zwei Tage führen? Interessiert das die Unterstützer? Ich denke JA. Ich bin einer der wenigen Helfer von auswärts, die länger bleiben. Nicht nur einen Tag. Der Gast ist bei netten Menschen, deren Familie unmittelbar betroffen ist.

Wie geht's mir damit? Wie geht's den Menschen hier? Ich hoffe, ein paar einfühlsame Geschichten erzählen zu können. Amberg rückt dann mal aus - zum Helfen nach Simbach. Mit der geballten Kraft von über 20 kleinen und großen Spenden aus Handel und Gastronomie. "Bitte die Oberpfälzer, und sie öffnen dir ihr Herz!" Das Auto ist prall gefüllt mit Spenden im Wert von 1500 Euro, die innerhalb von wenigen Stunden zusammen kamen. "Hier kommt die Oberpfalz. Gott erhalt´s."

Montag, 1. Tag, Zweiter Bericht


Bei der Einfahrt in das Städtchen steht die Bereitsschaftspolizei Wache. Man fragt wohin ich will. Ich käme ja aus Amberg. Ich frage, woher er das kenne. Er käme aus Wolfsbach. Er hätte dienstfrei gehabt, aber dann kam das Wasser. Nun wurden sie abkommandiert. Warum mein Auto so tief drinhänge, und ich wolle 2 Tage helfen? Er kopft mir mehrfach anerkennend aufs Autodach und wünscht viel Kraft.

Ankunft bei meiner Gastgeberin P. am Bahnhof. Welch schönes Haus. Fast eine Villa. Hier darf ich nächtigen, solange ich mag. Mit eigenem Bad. Der Nachbar trifft ein. Arbeitet beim Bauhof. Der jetzt 24 Stunden arbeitet. Beide kennen nur EIN Thema. Eigentlich sind beide hundemüde. Aber sie müssen erzählen. Nach der Flut waren sofort Notfallseelsorger da. Das half den teils apathisch Betroffenen. Ich kann nur zuhören.

Kurzer Spaziergang mit meiner Gastgeberin und ihrem Hund. Simbach, 10.000 Einwohner. Friedliche Kleinstadt. Du siehst nichts. Doch dann plötzlich ein paar dunkle Strassen ohne Licht. Ölgeruch. Sicherheitsleute. Wie Filmkulisse. Nicht weiter hin. Morgen mehr. Aber jetzt schlaf ich. Vor 8 Uhr könne sie aber nicht aufstehen. Sie? Nein, alle hier, können seit Mittwoch nicht mehr richtig schlafen.
Welch Luxus wir Amberger haben.

Dienstag, 2. Tag, Erster Bericht


Das Leben geht weiter. Es sind ja "nur" 5 Strassen betroffen. Wir sind jetzt endlich am Bauhof. Das Lagezentrum. Hier kommen die freiwilligen Helfer an. Ganze Schulklassen machen kurzfristig ihren Wandertag zum Helfertag. Sehr gute Koordination der Helfer und Spenden. Ausstattung mit Brotzeispenden.
Brauereien spenden lasterweise Softdrinks. Berge von Brot und Brezn. Obsthügel und Bananengebirge. Hier türmen sich die Spenden. Eine Halle nur Kleidung. Eine Halle Putzzeug. Eine Halle Lebensmittel. Eine Halle Tiernahrung.
Tische mit Gummistiefel. Die "neue Mode" hier sind Gummistiefel, Dreckkleidung und Schaufel. Selbst der Pfarrer trägt (schwarze) Gummidinger.
Doch wo ist das Katastrophengebiet? Noch hab ich es nicht gesehen. Bisher nur staubige Strassen.

Aber jetzt: die Amberger Spenden sind in den Hallen. "Ein Riesen Dank für die Hilfe aus der Oberpfalz!" Und jetzt fahren auch wir los. Ab in die Gartenstrasse.

Dienstag, 2. Tag, Zweiter Bericht


Wir besuchen einen 82-jährigen alleinstehenden Herrn. Im Keller und Erdgeschoss schuften 5 ihm fremde Leute. Auch die Nachbarsmädels. Er hätte kein Essen mehr. Kein Wasser. Ich brülle ihm im Lärm der pumpen ins Ohr "I kumm aus Amberg. I hätt a Bier, Wurscht und Brot dabei." Er strahlt mich an.
Heut Abend trink I a Seidla mit ihm. Jedes Haus ein Rohbau. Innerhalb von Minuten. Mindestens 50 Häuser. In jedem Haus arbeiten und entkernen Menschen. Hämmer, Bagger, Laster, Lärm.

Die Gartenstrasse sei schon wieder richtig sauber, sagt man mir. Hier wird seit 6 Tagen geschuftet. Überall Feuerwehren, THW, Freiwillige. Es sei aber schon ruhig hier. Am Wochenende waren viele da. Die Stimmung ist gut. Wir verteilen Brotzeit. Bier und Limonade. Moralische Unterstützung für die Truppe! Einer Frau stehen die Tränen in den Augen, als wir erzählen, von wo ich extra gekommen sei. "Auf dem Wagen schieben wir aber auch viele Guten Wünsche aus Amberg mit. Ihr seid nicht allein." In der Kreuzbergstrasse da sei das echte Katastrophengebiet. Wir brechen jetzt dahin auf. Was erwartet mich?
"Zustände wie im Krieg", meinen einige.

Dienstag, 2. Tag, Dritter Bericht


Per Helfer Taxi komm ich, nun alleine, ins Kerngebiet des Dammbruchs, ins Zentrum und Nebenstraßen. Hier entlud der kleine Simbach seine volle Kraft, als ein erst 2002 ausgebesserter Damm weit oberhalb von Simbach gegen Mittag brach und eine riesige Wassermasse das kleine Tal Richtung Inn hinaus schoss.
Innerhalb 7 min stieg das Wasser auf unglaubliche 5 Meter Höhe.

Dabei rissen sie große Teile eines Sägewerks mit Schnittholz mit. Diese wurden zu Geschossen, und verursachten in der Flutschneise die größten Schäden.
Zwei Strassen sind es noch wo der Schlamm in Kellern steht. Alle anderen sind zumindest vom Schlamm befreit. Sämtliche Wohnungen sind im Erdgeschoss leergeräumt. Alle Helfer haben in den letzten 6 Tagen Unvorstellbares geleistet, teils 24 Stunden lang. Auch nachts wurden mit schwerem Gerät die Müll- und Schlammberge weggeräumt.

Ich stapfe zuanfangs durch eine schlammbedeckte Strasse. Links und rechts bringen Menschenketten mit Eimern den Schlamm aus den Kellern. Auch hier geschäftige aber zuversichtliche Stimmung. Ich rede mit Einheimischen. Sie sind so begeistert, dass sooooo viele helfen. Am Samstag kamen 3000. Der örtliche Postbote erzählt uns, dass um's Eck ein älteres Ehepaar wohnt , die erst vor 1 Jahr herzogen. Die hier noch kaum Leute kennen. So kam auch länger niemand zu ihnen. Nach der Flut saßen sie mehrere Tage regungslos im Sessel. Und dann ging die Tür auf und die blauen Helfer des THW und Simbacher kamen rein. Seitdem haben sie neue Freunde im Ort.

Dienstag, 2. Tag, Vierter Bericht


Ereignisse wie dieses werfen den Menschen auf sein elementarstes Sein zurück. Hier geht es um Essen - Trinken - Schutz - Wärme. Krisen schweißen auch zusammen. Das DU ist üblich. Statusfragen spielen keine Rolle. Es geht einfach nur um's helfen. Zammstehn! Ein paar Bilder und Geschichten für die Seele. Auch eine (örtliche) Katastrophe wie diese - zumal in unserem so sicheren und hervorragend organisierten Land - hat viele schöne und lustige und auch rührende Momente.

Zum Beispiel diese:
  • Der einzige ländliche Supermarkt in Deutschland, der 24 Stunden geöffnet hat, und auch noch kostenlos ist: Bauhof Simbach. Allerdings bedarf der Zutritt eines Codes
  • Der Beruf des fliegenden Brotzeitdienstes hat Zukunft!
  • Dieser Riesen-Schlamm-Spielplatz hier lässt großen Kindern von 20 bis 60 Jahren das Herz aufgehen.
  • Die Dichte an Gummistiefeln jeden Typs pro Quadratkilometer ist aktuell WO am höchsten in Deutschland?

Dienstag, 2. Tag, Fünfter Bericht


Hier wurden Existenzen zerstört. Sehr viele Häuser müssen abgerissen werden. Man schätzt ihre Zahl auf bis zu 500. Vom lange leerstehenden Nebengebäude bis zum eben noch bewirtschafteten Geschäftshaus. In der Haupteinkaufsstrasse sind sämtliche Geschäfte auf etwa 300 Meter leergeräumt. Inhaber stehen vor dem Nichts.

Doch der Staat hat schnell entschieden: Wessen Existenz gefährdet ist, erhält 100 Prozent Aufbauhilfe/Ersatz. Wer "nur" betroffen ist 80 Prozent. Der Bürgermeister: "Wir werden unser altes Simbach nicht mehr bekommen. Aber wir alle können zusammen helfen dass wir ein neues und schöneres Simbach wieder aufbauen."

Dienstag, 2. Tag, Sechster Bericht


Noch eine schöne Gschicht: Auf dem Rückweg vom Schlammtragen komme ich am Simbach, da wo die Holzgeschosse am brutalsten wüteten, an einem Verhau vorbei, wo es scheint, dass der komplette Inhalt an Kleinkram eines typischen Großelternhaushalts wild zusammengeschmissen wurde: Töpfe, Schlagerschallplatten, Teller, Badartikel, Fotoalben. Mittendrin ein Auto. 10 Frauen und Männer wollen es freilegen. Ich spring dazu und pack mit an.
Nichts geht. Totalblockade. Erst der Abbruchbagger legt das Auto grob frei.
"Schad, jetzt hat er mir mit dem Baam die Seitenscheiben eidruckt". "Wie, ist das ihr Auto?" - "Ja" - "Aber des is doch hi" - "Na, dös is a Oldtimer. Meiner. A Fiat Bertone, Baujahr 81. Davo gab's nur a poar. Dees richt i wieder her. Dem faahlt doch quasi nix." Dann lacht er fröhlich.

Recht hat er ja schon. Kaum Elektronik drin. Sogar das Verdeck blieb heil. Obwohl das Ding stundenlang komplett im Wasser stand. Nur mit dem Sitzen ist es gerade ein wenig schlecht: Innen Schlamm bis zu den Sitzen. Wir Umstehenden arbeiten beeindruckt weiter.

Ach ja, das Haus des Autobesitzers gleich gegenüber, wird abgerissen. Und er wurde mit dem Hubschrauber aus den Fluten gerettet.

Dienstag, 2. Tag, Siebter Bericht


Es ist quasi unmöglich, trotz der harten Arbeit hier an Gewicht abzunehmen. Die Versorgung aller ist grandios. Das sympathischste Catering gab es heute Mittag an der Grenzbrücke zwischen Deutschland und Österreich, Simbach/Braunau. Ganz liebe Damen aus Braunau umsorgten uns Helfer mit selbstgebackenen Kuchen und dem österreichischem Naturradler - das soviel frischer als unseres schmeckt - königlich. Auf meine Frage, wie ich das in meinem Blog beschreiben solle, sagte eine: "Bruder Bayern war in Not - Schwester Österreich hat geholfen." Ich werd nie mehr Schluchtis zu den Österreichern sagen. Braunau - ihr seid's der Wahnsinn!

Mittwoch, 3. Tag, Erster Bericht


Frühmorgens hab ich mich bei der THW-Einsatzzentrale einer Klettergruppe des Alpenvereins Freising angeschlossen. Gemeinsam arbeitet sich's leichter. Per Helfer-Taxi fahren wir zum Meisinger, einem Komplex mit Musikhaus, Instrumentenbau, Bühnentechnik und mehreren Wohnhäusern. In praller Sonne Dreck und Steine schippen und mit dem Dampfstrahler verschiedene Dinge reinigen. Nebenan wird das erste Gebäude abgebrochen. In langer Schlange fahren Laster, Feuerwehrler, THW vorbei. Staub liegt in der Luft, das Dieselaggregat dröhnt. Eine richtige Drecksarbeit in sengender Hitze.
Feiwillige Helfer fragen um Arbeit an, doch so viele können hier gar nicht gut organisiert werden.

Des Guten kann manchmal auch zu viel sein. Eine riesige Menge Bühnentechnik ist völlig verschlammt, haufenweise werden teure Lichtstrahler und Mischpulte entsorgt. Zu Acht schleppen wir eine Art Orgel in den Hof. Tatsächlich versucht man sie mit dem Dampfstrahler wieder irgendwie sauber zu machen. Ob sie noch flottzumachen ist?

Die Großcontainer füllen sich schnell mit allerlei Dingen die einmal schön waren, doch jetzt völlig verschlammt und kaputt sind. Im Garten hat sich die Familie ein schönes Holzgebäude mit Sauna und einer Art südländischen Loft hergerichtet. Dinnen ist fast alles kaputt, doch der große mobile Whirlpool liegt intakt im Garten. Zwar schräg, aber das Wasser innen ist sogar noch sauber. Daneben schauen zwei gute Flaschen Wein aus dem Schlamm. Ein guter Schlamm-Tropfen?

Am Nachmittag finden wir dann doch noch richtigen Schlamm, im Lagerkeller des Gebäudes zwischen Metallteilen und Rohmetall für den Guss der Orgelpfeifen. Drei Stunden lang schieben wir öligen stinkigen ekligen Schlamm. Mit Kopfweh kommen wir wieder ans Tageslicht, aber mit einem guten Gefühl, wenigstens ein bisschen geholfen zu haben. Wir gehen heute wieder. Die Familie lebt hier.
Sie wird noch wochenlang reinigen müssen, und erst dann geht das Renovieren los.

Bei einem kurzen Kaffee beim BRK kommt Gewitterwind auf und fegt den Staub durch die Straßen. Es sind kaum mehr Leute unterwegs. Nur Bagger und Laster. Es wohnt auch aktuell kaum jemand hier. Ich fühl mich an diesem Ort in der Innstrasse wie in einer Westernstadt. Ein Laster bringt mich zurück in die Zivilisation. Jetzt ab zu meiner Gastgeberin und ne Dusche!

Mittwoch, 3. Tag, Zweiter und letzter Bericht


Auf der Heimfahrt. Meine Familie erwartet mich. Viel Zeit zum Nachdenken. Habe ich etwas helfen können? Ich war nur einer von vielen, von sehr vielen. Von über 10.000 freiwilligen Helfern aus ganz Bayern, ja sogar aus Berlin und Hannover, war die Rede.

Ich hab sehr viele Leute getroffen, die so dankbar sind für diese Hilfe. Selten in meinem Leben habe ich in so kurzer Zeit soviel ehrliche Dankesworte gehört und glänzende Augen gesehen. Allein, dass die Betroffenen wussten, wie weit Helfer anreisten, machte ihnen Mut. Allein, dass ich ihnen erzählte, wie hilfsbereit die Oberpfalz ist - mit dem Auto voller Spenden - machte ihnen Mut.

Es wird noch lange dauern in Simbach und Umgebung, bis es wieder ein normales Leben gibt. Ich hoffe auch, dass mein kleines Tagebuch mit Erlebnissen und Geschichten ein bisschen mit beitragen kann, den Leuten vor Ort zu zeigen, dass wir Anteil nehmen. Und uns wieder mal zu zeigen, wie dankbar wir sein sollten.

Mich haben diese zwei Tage sehr bewegt und aufgewühlt. Ich fahre nun zufrieden heim und bin einfach nur müde. Aber liebe Simbacher und ihr anderen, ihr wisst: " You'll never stand alone." Mir Bayern, mir stehn zamm!
Wenn es ein Helferfest geben sollte im nächsten Jahr, ich komme gerne!
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