Amberger JVA geht in die Offensive
"Wir haben nichts zu verbergen"

Wenn sich eine dunkle Wand vor die Freiheit schiebt: Die JVA hat in den zurückliegenden Wochen für Schlagzeilen gesorgt. Ihr Leiter Peter Möbius wollte deshalb einiges aus seiner Sicht wieder zurechtrücken. Bilder: Huber (2)
 
Wer hat sich da nicht schon alles die Zähne ausgebissen.

Um diesen Schlüssel beneiden ihn 560 Männer. Er öffnet jede Türe auf dem sieben Hektar großen Gelände. Das sind sehr, sehr viele. JVA-Leiter Peter Möbius sagt bei einem Rundgang, er sei nicht Chef eines Potemkinschen Dorfs, es gebe nichts zu verbergen.

Zwei Strafprozesse vor wenigen Wochen (wir berichteten) "sind bei uns hart aufgeschlagen", räumt der Beamte im Rang eines Leitenden Regierungsdirektors unverhohlen ein. Es ging um die Drogenbeschaffung für Häftlinge und eine tätliche Auseinandersetzung unter JVA-Bediensteten. Mit Blick auf die Realitäten des Gefängnisalltags beschreibt Möbius Betäubungsmittel hinter Gittern als eines der zentralen Probleme der Haftanstalt. Da gebe es nichts zu beschönigen, sondern einen mühsamen Kampf auszufechten, in der Gewissheit, ihn letztlich nicht gewinnen zu können.

Völlig unakzeptabel


Getroffen hat ihn als Chef der mit einem Freispruch zu Ende gegangene Strafprozess gegen einen Mann aus seiner Belegschaft. "Ich halte das für unmöglich, wir sind in der Führungs- und Vorbildfunktion", fragt sich der JVA-Leiter, weshalb die beiden Kontrahenten in diesem sehr persönlichen Streit nicht auf das hausinterne Kriseninterventionsteam zugegangen seien. Als Disziplinarvorgesetzter käme aber auch er an Grenzen. Der freigesprochene Kollege sei nämlich seit dem Vorfall krankgeschrieben und nicht mehr im Dienst gewesen.

Nicht Abwarten, sondern konsequentes Handeln sei hingegen bei dem Thema Drogen im Gefängnisalltag gefragt. Und da gebe es ein Problem: Die JVA liegt nicht außer-, sondern innerhalb der Stadt und an der Gabelung zweier Hauptverkehrsachsen. Die Mauern und Außenwände einiger Gebäudetrakte grenzen unmittelbar an öffentliche Gehsteige an. "Überwürfe" heißt im Amtsdeutsch eine der Hauptrouten, wie Drogen oder Handys (für Werfende nicht strafbar) in die JVA kommen.

Mit weithin sichtbaren S-Drahtrollen (umgangssprachlich Stachel- oder Natodraht) auf Dächern, Mauern und in Pufferzonen im Innern werde versucht, die Trefferquote zu senken. Die geworfenen Gegenstände sollen darin hängen bleiben oder nicht aufgehoben werden können. Doch oft würden auch Freigänger oder für Außenarbeiten eingesetzte Häftlinge von Insassen unter Druck gesetzt, Drogen einzuschmuggeln. Ihnen bleibe deshalb inzwischen ein gesonderter Trakt vorbehalten, erzählt Möbius. "Wir sind eine Anstalt des Regelvollzugs. Das heißt, zu uns kommen nur bereits hafterfahrene Gefangene", verdeutlicht der JVA-Leiter einen sehr wesentlichen Aspekt der Suchtproblematik hinter Gittern.

Die Dimensionen und damit der Druck seien immens. So hat es in Amberg im vergangenen Jahr 677 Zugänge gegeben, 371 von ihnen hatten einen Konsumentenvermerk in den Akten stehen. Damit müssen sie sich regelmäßigen Urinkontrollen unterziehen und dürfen Besuch nur hinter einer Trennscheibe empfangen, bis sie als drogenfrei gelten.

"Relativ dicht"


Möbius beschreibt die Situation als "momentan relativ dicht". Das ist auch eine Schlussfolgerung. Denn die Krankenabteilung sei derzeit "einem wahnsinnigen Druck" ausgesetzt, da Abhängige so an Ersatzstoffe herankommen wollten. Über eigene Therapiemöglichkeiten verfügt die Anstalt nicht. Es bleibe "nur der kalte Entzug", sagt der JVA-Leiter. Den Gefangenen stünden aber zwei Suchtberater zur Verfügung.

Die physische und psychische Enge von Haftanstalten wird zudem als ein mafiöse Gewaltstrukturen und damit Drogengeschäfte fördernder Umstand angesehen. Möbius bestreitet das nicht und muss sich deshalb die in Amberg noch existenten Acht-Mann-Zellen vorhalten lassen. Die Belegung wurde reduziert, betont der JVA-Leiter vor diesem Hintergrund, sechs Häftlinge seien nun die Obergrenze. Auch eine Überbelegung insgesamt, wie sie vor Jahren immer wieder auch öffentlich moniert wurde, sieht Möbius nicht mehr. Der Stand liege bei durchschnittlich 560 Gefangenen und habe schon mehr als 570 oder gar 590 betragen. Das bewahre aber nicht vor kurzfristigen Schwankungen. So hätten beispielsweise Kapazitäten für festgenommene Flüchtlingsschleuser in einer Größenordnung von 40 Plätzen geschaffen werden müssen.

Abgesehen von Untersuchungshäftlingen, muss ein Gefangener in Amberg mindestens vier Jahre bis zu seiner Entlassung einsitzen. Die interne Infrastruktur weist deshalb eine ganze Reihe von Arbeitsmöglichkeiten in anstaltsinternen Werkstätten, Handwerks- und Produktionsbetrieben auf, verfügt über berufliche Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten sowie das übliche Spektrum sozialtherapeutischer Maßnahmen zur Vorbereitung auf die Entlassung. Daneben gibt es eine spezielle Therapieabteilung für Sexualstraftäter.

Man kennt sich


Sehr reserviert beurteilt Möbius weitreichende Reformvorschläge seines Kollegen Dr. Thomas Galli (wir berichteten), die auch eine Abschaffung von Freiheitsstrafen (nicht für Verbrechen) für alltägliche Kriminalität fordern. Man kennt sich. Denn Gallis Laufbahn im Justizvollzug - inzwischen ist er Leiter einer JVA in Sachsen - begann in Amberg. "Wer hat sich da nicht schon alles die Zähne ausgebissen", fehlt Möbius der Optimismus, rechtzeitiges und konsequentes sozialtherapeutisches Gegensteuern könne Straftäter vor Rückfällen bewahren.

Im Blick hat er dabei hauptsächlich wohl den Regelvollzug, dem kein Gefangener anheimfällt, der nicht schon einmal eine Haft verbüßen musste. Darunter sei dann vermutlich auch einmal eine Jugendstrafe gewesen, bei der per Gesetz der Erziehungsgedanke im Vordergrund stehe. Vergeblich offenbar, mutmaßt der JVA-Leiter, sonst würden diese Menschen ja nicht bei ihm stranden.
Wer hat sich da nicht schon alles die Zähne ausgebissen.JVA-Leiter Peter Möbius über viele Werdegänge von Strafgefangenen
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