Angeklagter (30) erscheint nicht vor Landgericht
360.000 Euro in 3600 Kilometern Entfernung

Der Mann ist angeblich in Vorderasien. Er sucht in Aserbaidschan nach 360.000 Euro, will sie finden und dann erst zu seinem Betrugsprozess vor dem Landgericht erscheinen. So viel tätige Reue war den Richtern suspekt. Sie erließen Haftbefehl. Die Erste Strafkammer geduldete sich 20 Minuten. Hätte ja sein können, dass plötzlich jemand mit einem Geldkoffer auftaucht.

Doch der zum Termin als Angeklagter geladene Druckerei-Helfer aus Mittelfranken blieb verschollen. Auch sein Nürnberger Verteidiger kam nicht. So musste Staatsanwalt Daniel Gold die Anklageschrift wieder einpacken. Und den zum Prozess einbestellten vier Zeugen blieb der Weg zum Landgericht erspart.

In der Verhandlung wäre es um 16 neue Autos gegangen, die der Druckerei-Arbeiter (30) aus dem Aischgrund mit einem Bekannten an einen im Raum Amberg ansässigen Fahrzeughandel vermittelte. Angeblich sogenannte Re-Importe aus Dänemark, von daher günstig. Die Firma zahlte allem Anschein nach 360.000 Euro und harrte der avisierten Wagen. Sie wartet bis heute. Auch das Geld ist bisher nicht aufgetaucht.

Auto-Deal von 2013


Der merkwürdige Deal lief im Jahr 2013 ab. Irgendwann begann die Kripo zu ermitteln, schickte der Amberger Staatsanwaltschaft die gesammelten Unterlagen zu und sorgte so für ein Betrugsverfahren. Angeblich war der 30-Jährige geständig. Deshalb wurde die Prozessdauer auch nur auf einen Tag angesetzt. Doch: Nach etwas mehr als einer Viertelstunde konnten alle wieder gehen.

Am Vorabend hatte die Strafkammer Post vom Verteidiger des aus der Türkei stammenden Druckerei-Helfers erhalten. Der Advokat bezog sich in seinem Schreiben auf eine ihn kurzfristige erreichende Mitteilung. Sie war von der Ehefrau des Beschuldigten gekommen und besaß einen Inhalt, der aufhorchen ließ.

Ihr Mann könne leider nicht zur Verhandlung erscheinen. Der Grund: "Er ist nach Aserbaidschan gereist, um das Geld von den dort ansässigen Geschäftspartnern zu holen." Dies werde einige Monate dauern. Fest steht: Die 360.000 Euro verschwanden wohl tatsächlich in Vorderasien.

Suche nach dem Geld


Aserbaidschan ist groß. Das Land reicht vom Kaspischen Meer bis zum Kaukasus. Da könnte es schon sein, dass der Wahl-Franke längere Zeit unterwegs ist, um die Summe in sechsstelliger Höhe aufzustöbern. Doch daran mochte die unter Vorsitz von Richterin Roswitha Stöber tagende Strafkammer nicht so recht glauben. Sie zeigte sich auch skeptisch darüber, dass der 30-Jährige irgendwann mit dem Geldkoffer im Sitzungssaal einmarschiert und seine tätige Reue in Form von gebündelten Scheinen zum Ausdruck bringt.

Haftbefehl erlassen


Was konnte die Justiz tun? Auf Antrag von Staatsanwalt Daniel Gold wurde Haftbefehl gegen den Türken erlassen. Dies geschieht, wie es im Amtsdeutsch heißt, "auf dem Büroweg". Fraglich ist, ob die Behörden im 3600 Kilometer entfernten Aserbaidschan davon erfahren. Falls ja, stellt sich die weitere Frage: Nehmen sie den 30-Jährigen dann fest und liefern ihn aus? Oder anders noch: Ist er wirklich in dem Binnenstaat auf der Suche?

Geduld ist angesagt. Vorläufig wurde der Prozess ausgesetzt und das Verfahren einstweilen eingestellt. Sollte der mutmaßliche Betrüger tatsächlich in die Fänge der deutschen Justiz geraten, kommt er sofort wieder in Gang. Ob mit oder ohne Geld.
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