Angst der Amberger vor den Wiedergängern im 14. Jahrhundert?
Skelett gibt Rätsel auf

Eine ungewöhnliche Bestattung: Der Mann könnte enthauptet worden sein. Bild: Hartl

Jede Menge Skelette befreite das Archäologenteam hinter der Spitalkirche schon von Staub und Dreck. Jetzt kam eines hinzu, das besondere Rätsel aufgibt: "Die seltsame Positionierung des Schädels könnte darauf hindeuten, dass der Mann enthauptet wurde."

Diese Vermutung äußerte Dr. Mathias Hensch in seinem Blog "Schauhütte Archäologie". Der Wissenschaftler schob gleich hinterher: "Zwar steht eine genaue Untersuchung der Halswirbelsäule durch einen Anthropologen noch aus, doch ist die Position des Kopfes auf natürliche Weise nicht zu erklären. Vielmehr scheint der (abgeschlagene?) Kopf dem Toten (nach seiner Hinrichtung?) zwischen die Schultern gesetzt worden zu sein."

Interessant und ungewöhnlich sei auch der Stein, der unmittelbar vor das Gesicht des Verstorbenen gesetzt wurde. Der im Bereich des linken Oberarms freigelegte, zweite Stein könnte nach der Meinung des Experten ursprünglich vor dem Schädel gestanden haben und erst nachträglich verkippt sein. "Zugleich liegt er jedoch auch direkt über dem Herzen des Toten." Hensch und sein Team haben hier möglicherweise einen hoch spannenden Befund ausgegraben, der Hinweise auf die Einstellungen, Gedanken und Gefühle der Menschen im Spätmittelalter geben könnte.

Die Archäologen arbeiten mit Hochdruck auf dem Spitalgelände. Bis zur ersten Juni-Woche müssen sie fertig sein.

HintergrundWarum legten die Amberger im Spätmittelalter den Kopf auf derart unnatürliche Weise auf den Körper? Dr. Mathias Hensch versuchte den Befund mit der Furcht vor Wiedergängern im 14. Jahrhundert zu erklären. "Die Situation lässt an die Angst vor Nachzehrern denken, eine spezielle Art des Wiedergängerglaubens, die im Mittelalter und der frühen Neuzeit weit verbreitet war." In der Vorstellung der damaligen Menschen seien "Nachzehrer" Wiedergänger gewesen, die auf irgendeine Art Angehörige oder andere Menschen in den Tod nach sich holen.

Der Grund für die Vorstellung habe wie bei anderen Wiedergängern auch in der Bosheit des Toten zu Lebzeiten, in seiner "Gier nach Leben" oder auch im Wunsch des Toten nach einem weiteren Verbundensein mit seinen Angehörigen gelegen. Oft sei der Tote schon zu Lebzeiten eine "böse oder unheimliche Person" gewesen. Weit verbreitet war die Vorstellung, so Hensch, dass Nachzehrer im Grab an Dingen wie etwa Kleidung oder Totenbandagen herumkauen würden. Als probates "Abwehrmittel" galt daher, einen Stein in den oder in Reichweite des Mundes zu legen.
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