Arbeiten hinter Gittern
Hinterhof-Flair führt Regie

Hier stört nur ein Detail - der Stacheldraht - das Ambiente einer florierenden Hinterhof-Autowerkstatt.

Pin-up-Girls an der Wand, eine röchelnde Kaffeemaschine auf dem Tisch, gleich daneben Zucker und Milch. Dieser Brotzeitraum könnte zu irgendeiner Autowerkstatt gehören. Wäre da nicht der Stacheldraht auf dem Dach.

Auch das fällt gewaltig aus dem Rahmen. Der Chef ist mehr als nur zufrieden mit dem Geschäft. Als einer von zwei Kfz-Meistern "ziehen wir praktisch jede Schraube selbst noch einmal nach". Wo gibt es das denn noch in einer Branche, die sich seit Jahren einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb liefert? Genau dort, wo sich gemeinhin das Recht des Stärkeren seinen Weg bahnt: im Gefängnis.

Ein Meisterbetrieb


Die Amberger JVA betreibt seit gefühlten Ewigkeiten eine Autowerkstatt. Gegründet worden sein dürfte sie wohl irgendwann in den 70er-Jahren. Genau weiß das auf Anhieb keiner. Sie firmiert ganz offiziell als Kfz-Meisterbetrieb, zweimal die Woche kommt die Dekra, um die Hauptuntersuchung abzunehmen. Wer sich all die hohen Mauern, Gitterzäune und Drahtrollen wegdenken kann, für den strahlt dieses Umfeld den Charme des Geheimtipps einer gut gehenden Hinterhof-Werkstatt aus.

Stammkundschaft


Sechs bis sieben Autos, das ist die tägliche Kapazität, und die Stammkunden "rennen uns die Bude ein". Derzeit arbeiten fünf Gefangene in dem JVA-internen Handwerksbetrieb, einer davon als Auszubildender im zweiten Lehrjahr. In wenigen Wochen steht seine Zwischenprüfung an, bis vor einiger Zeit waren sie noch zu zweit. "Der andere hat dann lieber eine Therapie angetreten", zeigt einer seiner Meister durchaus Verständnis für diesen Schritt.

Gefangene mit einem Gesellenbrief als Kfz-Mechaniker oder -Mechatroniker sind selten. Deshalb stützt sich die Werkstatt personell auf handwerklich geschickte Leute. Die beiden Meister lernen sie an und beaufsichtigen sie. "Deshalb geht da nichts raus, was wir nicht selbst noch einmal nachgeschaut haben", sagt einer der beiden Verantwortlichen auch für seinen Kollegen. Über die technische Ausstattung lässt er nichts kommen. Die könne mit jeder freien Werkstatt mithalten.

Das elektronische Diagnosegerät von Bosch erfasse alle gängigen Marken und Typen, es gibt einen Bremsenprüfstand, Hebebühnen, eine Maschine zum Auswuchten von Reifen. Nur die Lackiererei sei vor einiger Zeit geschlossen worden. Karosseriearbeiten werden deshalb nicht mehr in der JVA erledigt, ansonsten das komplette gängige Programm. Dass die Werkstatt in der Regel ausgebucht ist, hat natürlich einen handfesten Grund. Die Arbeitsstunde wird mit 15 Euro veranschlagt, da kann draußen keiner mithalten.

Joker Wagenpflege


Bei den Ersatzteilen sieht das natürlich anders aus. Da ist beim Einkauf die JVA-Werkstatt wie alle anderen auf den freien Markt oder die Markenhersteller angewiesen. Neben Reparaturen und Service-Wartungen sowie -Inspektionen erweist sich angesichts des günstigen Stundensatzes zudem die Wagenpflege als Kundenmagnet. Danach glänzt nicht nur der Autolack, sondern auch der Besitzerstolz angesichts des spürbar geschonten Geldbeutels.
Weitere Beiträge zu den Themen: Gefängnis (37)JVA Amberg (11)Kfz-Werkstatt (3)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.