Auf der Spur von Ambergs Glocken
Voll auf die Glocke

Die größte und älteste St. Georgsglocke im Turm der Stadtpfarrkirche hat einen Durchmesser von 114 Zentimeter. Im Kirchturm ist ihr Schall sogar im Körper zu spüren - auch wenn man sich die Ohren zuhält. Bilder: Hartl (3)
 
Markus Lommer spielt auf der Orgel von St. Georg die feinen Glockentöne des Zimbelsterns.

Jeder hört sie auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen. Doch kaum jemand nimmt sie wahr. Dabei erzählt eine Kirchenglocke viel über Geschichte, Handwerk, den Krieg und natürlich die Zeit. Hört, hört!

Der Weg zur Kirchenglocke ähnelt einer Ohrmuschel. Unzählige Umdrehungen sind nötig, um auf den Turm der Stadtpfarrkirche St. Georg zu kommen. Dass die Seelsorger der OTH Amberg ihre Glockenwanderung durch die Altstadt "Gehörgang" nennen, passt ganz gut. Bei einem Zwischenstopp auf der Chorempore zeigt Markus Lommer von der katholischen Hochschulgemeinde den Studenten, dass auch die Kirchenorgel Glocken hat: ein Register mit kleinen feinen Glöckchen, genannt Zimbelstern.

Fast auf Glockenfriedhof

Oben im Kirchturm hängen die vier Schwergewichte. Zwischen 3,5 und 22 Zentner wiegen sie. Die mächtigste und mit 658 Jahren die älteste ist die St. Georgsglocke. Sie erklingt nur an Festtagen wie Weihnachten oder Allerheiligen - oder wenn die Studenten zu Besuch sind. Setzt ein Motor sie in Gang, schwingt sie erst lautlos in der Luft, bis der Klöppel an das Metall stößt und sie tief und schwer den Ton g1 läuten lässt. Nur ein paar Meter entfernt stehen die Besucher und halten sich die Ohren zu. Trotzdem ist ihr Schall tief im Körper zu spüren. Die jüngste Reinburg-Glocke wurde 1718 in Amberg gegossen. Sie sollte im Zweiten Weltkrieg als Waffe enden, erklärt Experte Walter Kleinhenz, der sich Glockenfreund nennt. Etwa 45 000 Exemplare wurden in Deutschland wegen ihres Bronzegehalts für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen. Bevor die Amberger zur Kanone wurde, war der Krieg vorbei. Sie endete neben Tausenden anderen auf dem Glockenfriedhof und kam unversehrt wieder nach Amberg. "Wann hat man schon mal so eine Aussicht über die Stadt", sagt Maschinenbau-Student Johannes Fillep. Der Aufstieg hat sich gelohnt.

Die Glocken der Paulanerkirche sind aus Stahl. Das hatte ein Pfarrer damals beschlossen, damit nicht auch sie ein Kriegsopfer werden. Taufen, heiraten, sterben: Jedes Ereignis hat seinen eigenen Glockenklang. Und natürlich gibt Geläut auch die Zeit an - früher das einzige Informationsmittel. "So wussten auch Menschen, die nicht dabei sein konnten, was gerade passiert", erzählt Kirchenmusiker Christian Farnbauer. "Mahnende gute Geister" nennt Kleinhenz sie. "Guten Abend, gut' Nacht" läuten Glockenspiel mit 28 Tönen am Landratsamt bei der letzten Station der Führung (siehe Kasten). Lommer bleibt dem Sinnbild seines Semesterprogramms treu und verabschiedet sich mit: "Auf Wiederhören!"

Video-RätselWelche Glocke hören Sie? Erkennen Sie die Klänge von Ambergs Geläut in unserem Video.



Die Auflösung finden Sie hier.


Glockenspiel am LandratsamtKling, Gemeinde, klingelingeling

28 Glocken erklingen jeden Tag an der Stadtbrille, um 12.05 und 18.05 Uhr, am Wochenende zusätzlich um 15.05 Uhr. Von c3 bis f5 reichen die Töne von 27 Gemeinde- und einer großen Landkreisglocke. Zusammen spielen sie täglich ein anderes Lied, an Festtagen gibt es ein Spezialprogramm. An Allerheiligen etwa "O Welt, ich muß dich lassen", am Heiligen Abend von 17 bis 21 Uhr ertönen stündlich Weihnachtslieder.

Der ehemalige Landrat Hans Wagner hatte die Idee zu der aufwendigen Konstruktion, die 1997 errichtet wurde. Ein zu damaliger Zeit kompliziert programmierter Computer steuert die Liedfolge, erzählt der Hauptverwalter des Landratsamtes Wolfgang Hirmer. Fast alle Glocken tragen Sprüche, die oft der jeweilige Gemeinderat beschlossen hatte. Die Sätze verraten viel über die einzelnen Orte.

  • Landkreis Amberg-Sulzbach: "Vivat nostra civitas, maecenatum caritas." (Es leben unsere Bürger und die Großzügigkeit unserer Gönner, eigene Übersetzung)

  • Ammerthal: "Kein Tag ohne Ziel."

  • Auerbach: "Glück auf! So tönt's vom Schachte her, des Glöckleins heller Klang."

  • Birgland: Kein Text

  • Ebermannsdorf: "Nur wer handelt, lebt!"

  • Edelsfeld: "Kein Mensch ist so reich, daß er seine Nachbarn nicht brauchte."

  • Ensdorf: "Klinge Glocke klinge, daß sie Eintracht bringe."

  • Etzelwang: "Das Leben wird nach Jahren gezählt und nach Taten gemessen."

  • Freihung: "Es ist immer besser die Ursache zu suchen, als die Schuld."

  • Freudenberg: "Jeder Mensch ist eine Frage, die nur Gott beantworten kann."

  • Gebenbach: "Groß und Klein in Harmonie vereint."

  • Hahnbach: "Wer recht erkennen will, muß zuvor in richtiger Weise gezweifelt haben!"

  • Hirschau: "Der Friede ist ein Meisterwerk der Vernunft."

  • Hirschbach: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut."

  • Hohenburg: "Fürchte Gott, tue Recht, scheue niemand."

  • Illschwang: "Einigkeit macht stark."

  • Kastl: "Macht ist Pflicht - Freiheit ist Verantwortlichkeit."

  • Königstein: "Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen."

  • Kümmersbruck: "Des Volkes Wohl soll oberstes Gesetz sein."

  • Neukirchen: "Ein wenig Güte von Mensch zu Mensch ist besser als alle Liebe zur Menschheit."

  • Poppenricht: "Statt daß nach besserer ZEIT ihr schreit, macht selber doch die bessere ZEIT!"

  • Rieden: "Zeit haben ist keine Zeitfrage."

  • Schmidmühlen: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!"

  • Schnaittenbach: "Das Dorf ist die kleine Welt, in der die große Probe hält."

  • Sulzbach-Rosenberg: "Hopfen und Malz, Gott erhalt's."

  • Ursensollen: "Ein Friede ist besser als zehn Siege.

  • Vilseck: "Friede sei ihr erst' Geläut."

  • Weigendorf: "Wie es auch sei, das Leben, es ist gut."

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