Ausgrabungen im Drillingsfeld
Noch älter als gedacht

Am Montag legten die Archäologen - hier arbeitet Ines Buckel an den Überresten einer Rennfeuerofen-Anlage - letzte Hand an die Fundstätten im künftigen Baugebiet Drillingsfeld II an und präsentierten der Öffentlichkeit erste Erkenntnisse. Bild: Steinbacher

Bei ersten Untersuchungen des künftigen Baugebiets Drillingsfeld II tauchte ein großer schwarzer Fleck auf. "Wenn das passiere", sagte Dr. Silvia Codreanu-Windauer, Referatsleiterin des Landesamts für Denkmalpflege, "werden Archäologen hellhörig". Zu Recht, wie sich jetzt zeigt.

Bei Ausgrabungen in dem Gelände, auf dem 96 Bauparzellen geplant sind, haben Archäologe Dr. Mathias Hensch und sein Team Befunde zutage gefördert, "die zu den ältesten bekannten Spuren der Eisenproduktion im Ruhrgebiet des Mittelalters gehören": Dieses Fazit zog Hensch, als er am Montag im Beisein Dr. Codreanu-Windauers und des Amberger Baureferenten Markus Kühne erste Erkenntnisse präsentierte.

Meiler bis in die Zeit des 19. Jahrhunderts finde man in der Region viele, sagte Codreanu-Windauer - das sei noch kein Grund zur Aufregung. Doch als sie kurz vor Weihnachten erste Ergebnisse aus einer C14-Untersuchung (Radiokohlenstoffdatierung) gesehen habe, sei sie schon nervös geworden: Die Analyse habe ergeben, dass man im Drillingsfeld mit seinem "schwarzen Fleck" Reste des wohl ältesten Meilers der Region entdeckt hat. Das sei "wirklich für die ganze Industriegeschichte der Region" bedeutend.

Aufschlussreiche Erosion


Dort, wo Sondierungen in dem künftigen, vier Hektar großen Baugebiet Befunde erwarten ließen, haben Dr. Hensch und sein Team nach archäologischen Spuren gegraben. Zunächst sei sie "ein bisschen enttäuscht" gewesen, "dass wir so wenig gefunden haben in dem Riesenareal", räumte Codreanu-Windauer ein. Doch das hatte einen Grund, erklärte Hensch: Die Untersuchungen hätten ergeben, "dass es am Südhang des Amberger Erzbergs im Frühmittelalter erhebliche Bodenverluste durch Erosion gegeben haben muss".

Die Ursache sei "sehr wahrscheinlich" eine großflächige Rodung der Hänge: Man brauchte gewaltige Mengen an Holz(-kohle) für die Erzverhüttung und die Weiterverarbeitung des dabei gewonnenen Eisens. Freigelegt hat Hensch unter anderem ein frühmittelalterliches Grubenhaus samt Keramikstücken. Ein Grubenmeiler lasse sich über die C14-Methode dem Zeitraum 700 bis 780 nach Christus zuordnen. Damit lande man in der späten Merowinger-/frühen Karolingerzeit, was für die Region tatsächlich sehr bedeutend sei: "Einer der ältesten Befunde zur Montantätigkeit in Amberg."

Rennfeueröfen seien eigentlich immer nur einmal benutzt worden. Im Drillingsfeld habe man aber Hinweise (große Mengen Schlacke und viele Düsenfragmente) entdeckt, dass die Arbeiter hier ihr Handwerk so gut verstanden, dass sie die Anlagen mehrfach verwendet haben. Offenbar wurde hier nicht nur verhüttet, sondern das Eisen wurde auch gleich weiterverarbeitet. Damit habe der Mensch die Landschaft nachhaltig verändert, sagte Hensch. Weil für die Erzverarbeitung solch große Mengen Holz benötigt wurden, "stand hier in der Karolingerzeit wahrscheinlich kein einziger Baum mehr".

Blick durch Schlüsselloch


Die Grabungen stehen kurz vor dem Abschluss. Genauere Untersuchungen mit der C14-Methode, die die Stadt Amberg bezahlt, sollen weitere Erkenntnisse bringen. Für Dr. Mathias Hensch steht aber jetzt schon fest: "Das ist ein kleines Schlüsselloch in die Frühgeschichte der Industrie, die den Reichtum der Stadt über Jahrhunderte geprägt hat."

Im BlickpunktEin Versprechen gab Dr. Silivia Codreanu-Windauer allen, die sich im Drillingsfeld II ein Grundstück kaufen: "Keiner der Häuslebauer wird Angst haben müssen, dass wir nochmal wiederkommen und ihren Bau stoppen."

Wenn die Grabungen beendet seien, werde es keine weiteren Untersuchungen mehr geben - selbst, wenn noch weitere Spuren der Vergangenheit im Boden steckten. Das Areal sei ausgiebig untersucht, doch schon allein wegen seiner Grüße und der Kosten könne man dies niemals umfassend tun.

Zwei Anregungen nahm Baureferent Markus Kühne von der Grabungsstätte in den Stadtrat mit: Eine Tafel im Baugebiet und entsprechende Straßennamen könnten auf die Montangeschichte des Gebiets hinweisen. Kühne geht davon aus, dass die Erschließung 2017 beginnen kann. Außerdem ist er zuversichtlich, dass das Problem des Baustellenverkehrs gelöst werden kann: In gutem Einvernehmen mit dem Staatlichen Bauamt zeichne sich die - eigentlich unübliche - Lösung ab, den Verkehr ausnahmsweise über die Bundesstraße 85 zu führen. Das würde auch bei den Anwohnern im Drillingsfeld I "Druck aus dem Kessel nehmen."



Keine Verzögerung"Was die Archäologen freut, freut nicht unbedingt das Bauamt": Das ist Referatsleiterin Dr. Silvia Codreanu-Windauer vom Landesamt für Denkmalpflege wohl bewusst. Tatsächlich sind Bauherren oft nicht begeistert, wenn Archäologen anrücken - weil dies Verzögerungen und zusätzliche Kosten verursachen kann.

Im Drillingsfeld gab es keinerlei Probleme: Codreanu-Windauer und Baureferent Markus Kühne sprachen von bester Zusammenarbeit zwischen Landesamt und Stadt. Kühne betonte, die Entwicklung des Baugebiets werde durch die Untersuchungen nicht aufgehalten, weil man sehr frühzeitig damit begonnen habe.

Der Aufwand ist laut Kühne gerechtfertigt: "Ich glaube, wir haben gut daran getan. Wir graben hier schließlich in unserer eigenen Geschichte." Um dies auch dem Stadtrat zu verdeutlichen, borgte sich der Baureferent gleich noch zwei Fundstücke als Vorzeige-Objekte für die abendliche Sitzung im Rathaus.
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