Bädersterben
Bäder auf dem Trockenen

Ein Hallenbad sollte Wohlbefinden spenden. In Tirschenreuth bereitet es dem Landkreis Bauchschmerzen. Nun sollen 240 000 Euro in eine Übergangslösung investiert werden. Es wäre dann für die nächsten fünf bis sieben Jahre gesichert. Bild: Kreis TIR

Wenn der Geld-Pegel sinkt, trocknen die Schwimm-Becken schnell aus. Auch wenn sie zur Daseinsvorsorge gehören, kommen öffentliche Bäder oft zuallererst auf den Prüfstand. Freischwimmen fällt dann schwer.

Energiefressende Heizungen, vom Chlorwasserdampf angegriffener Beton und eine Hallendecke, die schon morgen herunter fallen könnte. Dazu ein sattes Betriebskosten-Defizit und sinkende Besucherzahlen. Deutschlandweit sind nach Angaben der Deutschen-Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) in den vergangenen acht Jahren 223 Hallenbäder geschlossen worden. Unter Einberechnung von Freibädern waren es 371, davon 48 in Bayern. Der Freistaat belegt Platz zwei nach Nordrhein-Westfalen. DLRG-Präsident Hans-Hubert Hatje fordert deshalb: "Die Ausdünnung der Bäderlandschaft muss endlich aufhören." Gleiches wünscht sich die bayerische Wasserwacht.

Weniger Schwimmer

Die Folgen des Bädersterbens können lebensgefährlich sein. Und das gleich doppelt. "Wenn ein Hallenbad geschlossen wird, fehlen Trainingsmöglichkeiten", betont Oliver Mignon aus Sulzbach-Rosenberg, stellvertretender Leiter der Wasserwacht Bayern. "Aber ohne Training können wir im Sommer den Rettungsdienst nicht gewährleisten." Gerade dann werden unter Umständen geübte Retter in Freibädern und an Badeweihern benötigt. 50 Prozent der Grundschulabgänger seien keine sicheren Schwimmer mehr, 25 Prozent hätten gar keinen Zugang mehr zu einer Schwimmhalle, so die DLRG. Der Grund: Ohne Bad fällt oft auch der Schwimmunterricht flach oder wird reduziert. Wenn Grundschüler nur noch einmal im Monat ein Bad besuchen, "ist das zu wenig um schwimmen zu lernen", sagt Mignon. Er fordert wie Hatje den Erhalt der Bäder, ist sich aber auch bewusst, dass dieser viele Kommunen vor große Herausforderungen stellt. Sie stehen vor der grundsätzlichen Frage: Schließen oder erhalten? Und im Falle eines Weiterbetriebs: Wie, wie lange und zu welchen Kosten? Der Illusion eines wirtschaftlichen Betriebs gibt sich kaum jemand hin. Erst Anfang des Jahres stellte der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) fest: "Die Unterhaltung eines Schwimmbades ist kostendeckend nicht möglich."

Die Deckungsgrade schwanken zwischen 27,2 Prozent bei Freibädern, 31 Prozent bei Hallenbädern und bis zu 83 Prozent bei Freizeitbädern. Die Zuschüsse pro Besucher bewegen sich zwischen 5 und 10 Euro. Das gilt auch für Bäder in der Region. "Jede Karte wird subventioniert", sagt Roland Strehl, Bürgermeister von Kümmersbruck (Kreis Amberg-Sulzbach). Er schätzt das Defizit des gerade für rund 6,4 Millionen Euro sanierten "KA2 Kümmersbruck Aktivbads" auf rund 200 000 Euro pro Jahr. Selbst Spaßbäder, wie die Weidener Thermenwelt und das Kurfürstenbad Amberg, schreiben rote Zahlen - jedes Jahr schwankend bis in den einstelligen Millionen-Bereich. Die Betreiber versuchen Betriebskosten zu optimieren, zum Beispiel durch Verbesserung der Energieeffizienz. Oder den Einsatz von Ehrenamtlichen. In Kümmersbruck hilft die Wasserwacht.

Erbitterter Widerstand

Sobald aber Investitionen in Millionen-Höhe anstehen, ist guter Rat teuer. Entscheidet sich eine Kommune für die Schließung des Bades, ist Protest garantiert. In Bärnau (Kreis Tirschenreuth) unterschrieben binnen weniger Tage mehr als 500 Bürger für den Erhalt. Und auch in Sulzbach-Rosenberg gab es Widerstand, als die Stadt das Hallenbad Ende März 2003 aus Kostengründen schloss. Nun möchte die 20 000 Einwohner-Stadt wieder eine Art Hallenbad schaffen. "Eine Winterschwimmmöglichkeit als weicher Standortfaktor würde der Stadt gut zu Gesichte stehen", sagt Bürgermeister Michael Göth. Das Waldbad solle im Zuge der laufenden Sanierung aufgerüstet werden - aber nur wenn auch das Geld dafür da ist.

Andere Gemeinden, wie Kümmersbruck und Weiherhammer (Kreis Neustadt/WN), haben den Schritt zur Komplett-Sanierung gewagt. Sie versuchen ein Publikum zu bedienen, das großen Thermal- und Spaßbädern nicht viel abgewinnen kann. Der DStGB empfiehlt ausdrücklich die Ausrichtung als Schul- und Vereinsbad, das aber auch sportorientiert sein und Freizeitwert bieten sollte. Zu festgelegten Zeiten, etwa vormittags, sind die Becken Schülern vorbehalten, sonst stehen sie der Öffentlichkeit zur Verfügung. Weiherhammer fährt damit gut und hat die Sanierung für knapp zwei Millionen Euro nicht bereut: Die Zahl der Badegäste steige kontinuierlich an. Der Geschäftsleiter der Verwaltung, Claus Hellbach, führt das einerseits auf das moderne Erscheinungsbild, andererseits auf die Öffnungszeiten und Preise zurück. Auch Bernhard Lindner, Bürgermeister in Hahnbach, ist mit der Auslastung sehr zufrieden. Pro Abend zählt die Kommune im Schnitt 30 bis 40 Gäste - bei einer Badezeit von eineinhalb Stunden und Öffnungszeiten von drei Stunden. Besonders stark frequentiert sei der Warmbadetag, an dem die übliche Wassertemperatur um einige Grad angehoben wird.

In Kümmersbruck fiel 2009 fiel noch unter Strehls Vorgänger Richard Gaßner (SPD) der Grundsatzbeschluss für den Erhalt. Der war offenbar richtig. "Viele sind begeistert. Jeder, der im neuen Bad war, sagt: Wirklich gelungen", freut sich Strehl. Nach der Eröffnung am 8. September seien innerhalb weniger Wochen mehr als 3500 Menschen gekommen. Die Zielmarke: 50 000 Besucher pro Jahr. "Schon ein sportliches Ziel", wie Strehl einräumt. Vor der Sanierung waren es circa 33 000 Menschen.

Nie mehr so wie früher

Womit kaum jemand mehr rechnet: Besucherzahlen wie in den 1970er Jahren. Kümmersbruck zählte damals 80 000 Besucher pro Jahr. "Diese Zeiten sind eh vorbei", sagt Strehl. Trotzdem hat man die Investition gewagt. 4,1 Millionen Euro zahle die Gemeinde. Den Rest finanzierte sie über die Rückvergütung der Mehrwertsteuer und Zuschüsse. "Sonst wäre die Entscheidung schwieriger gefallen", erinnert sich Strehl. Für öffentliche Bäder gibt es keine Förderung, für Schulschwimmhallen schon. "Wir mussten Verträge mit Gemeinden vorweisen", berichtet Strehl. Ein spezielles Förderprogramm des Freistaates wünscht sich Mignon. Wie in den 1970er Jahren, als viele der Bäder entstanden, die nun auf eine Sanierung warten. "Die Kommunen können das selbst nicht leisten."
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