Betriebe in der Amberger JVA
Selbst der beste Kunde

Handarbeit und Hightech: Als typischer Auftrag eines Privatkunden soll die Sitzfläche eines Sofas unter Beibehaltung des Bezugs neu aufgepolstert werden (links). Der Gefangene, der sich die nötigen Fertigkeiten selbst angeeignet hat, möchte nun eine ordentliche Polsterer-Lehre machen. Derweil ist eine PC-gesteuerte Holzfräse der ganze maschinelle Stolz der Schreinerwerkstatt (rechts). Sie darf nur von einem bestimmten Häftling bedient werden.
 
Die Metallwerkstatt der JVA kann mit jedem gängigen etablierten Kleinbetrieb der Branche mithalten. Einziges Manko: Die angenommenen Aufträge können aus Sicherheitsgründen nicht vor Ort montiert werden. Bilder: Steinbacher (5)

Die Axt im Haus erspart den Zimmermann. Das gilt besonders für die Amberger JVA. Die hausinterne Arbeitsverwaltung lässt gerade einige ihrer Büros sanieren. Externe Firmen werden dafür nicht gebraucht. Kostenlos geht aber anders.

Zwei Maler packen gerade ihr Werkzeug zusammen. Sie haben die Fenster neu gestrichen, Decke und Wände geweißelt. Picobello verlassen sie ihren Arbeitsplatz, einen uniformierten Beamten im Schlepptau. Er ist nicht nur als ihr Bewacher da, er ist auch ihr Meister. Handwerksmeister, mit entsprechendem Brief und allem Drum und Dran. Wenn der neue Fußboden verlegt ist, fehlen nur noch die Büromöbel. Auch da gibt es keine Probleme, dann müssen halt die Schreiner ran.

Die Liste ließe sich quer durch das Branchen-Telefonbuch verlängern. Elektro- und Sanitärinstallation, kein Problem. Selbst das nicht vorhandene Besuchersofa könnte neu aufgepolstert oder bezogen werden. Und sollten - was natürlich nie passieren wird - die obligatorischen Gitter vor dem Fenster am Durchrosten sein, könnte auch da schnell für Ersatz gesorgt werden. Für die JVA Regensburg jedenfalls haben die Amberger schweren Jungs aus der Metallwerkstatt diverse Vergitterungen angefertigt. Das klingt nahezu grotesk: Gefangene bauen tagsüber die Gitter, die sie dem Klischee nach nachts eigentlich durchsägen wollen.

Eine Binsenweisheit


Georg Smarzly zitiert derweil eine berufsbedingte Binsenweisheit des Regelvollzugs (mindestens zweite und mehrjährige Haftstrafe): "Wer arbeitet, sägt nicht." Das ist beileibe kein Zynismus des Leiters der Arbeitsverwaltung. Er verweist auf den resozialisierenden Charakter der Arbeit hinter Mauern und deren Unverzichtbarkeit aus vielerlei Gründen - Ablenkung durch Beschäftigung, Herausforderung an die persönlichen Fertigkeiten und intellektuellen Fähigkeiten, Möglichkeit eines persönlich erarbeiteten Hinzuverdienstes und nicht zuletzt die Chance auf eine handwerkliche Berufsausbildung bis hin zu einem ordentlichen Gesellenbrief der Handwerkskammer.

Warum nicht Polsterer?


Für Schreiner, Maler und Metallbauer kann die JVA dieses Angebot (bei Verlegung auch für andere bayerische Vollzugsanstalten) anbieten. Ein Gefangener, ein gelernter Bauschlosser mit Bandscheibenproblemen, hat den Wunsch geäußert, eine Ausbildung zum Polsterer zu machen. Er hat sich in diese Tätigkeiten eingearbeitet, sie liegen und gefallen ihm. Diesen Beruf hatte die Anstalt bisher nicht im Programm. "Warum nicht?", zeigt sich Smarzly dem Wunsch gegenüber aufgeschlossen, wenn das machbar erscheint. Dazu müsse das Interesse des Mannes aber als ernsthaft eingestuft werden und er noch lange genug einsitzen, um die Ausbildung auch abschließen zu können. Rund zwei Millionen Euro Umsatz erwirtschaften alle JVA-internen Betriebe in Amberg pro Jahr. 38 Prozent davon bleiben rechnerisch im eigenen Haus, indem Aufwendungen - beispielsweise die derzeit laufenden Bürosanierungen im Trakt der Arbeitsverwaltung - intern kameralistisch verrechnet werden. Damit ist die hiesige JVA eigentlich selbst ihrer größter Kunde. Sie arbeitet daneben noch für andere bayerische Vollzugsanstalten, externe Auftraggeber und Privatkunden.

Schwerpunkt Handarbeit


Dieser Werkstattmeister in Uniform gehört zu den handfesten Typen: "Laut und dreckig", so gehe es halt zu in einer Metallwerkstatt. Dass dieser JVA-Betrieb als das beste, sprich umsatzstärkste Pferd im Stall gilt, wird da zur Nebensache. Zehn bis 15 Gefangene arbeiten hier. Sie schweißen, bohren, biegen oder sägen, auch für Schmiedearbeiten ist die Werkstatt ausgerüstet.

Gemacht wird alles, "was mit Metall zu tun hat". Im eigenen Haus, für andere bayerische JVAs, für externe Auftraggeber oder Privatkunden. "Aber an die Schlösser hier drin dürfen natürlich nur wir ran", spricht der Beamte schmunzelnd für sich und seine drei Kollegen mit einem Metaller-Meisterbrief. Überwiegend komplettieren die Gefangenen in Handarbeit aufwendige Kleinserien-Produkte von umliegenden Metallbetrieben. Für hochkomplexe CAD-Frästeile fehlt schlichtweg das Fachpersonal, also gibt es auch nicht die nötige Maschine.

Die hat aber beispielsweise die nur wenige Meter entfernte Schreinerei, und sie ist auch der ganze Stolz dieses JVA-Betriebs. Nur ein bestimmter Häftling darf diese Maschine bedienen. Zu ihm kommen inzwischen immer mehr externe kleine Meisterbetriebe mit Sonderwünschen. Die Schreinerei ist so etwas wie eine Vorzeigeabteilung. Elf Auszubildende (zum Teil extra dafür nach Amberg verlegt) sind momentan hier beschäftigt, neben einigen angelernten Kräften auch noch sechs Gesellen. Das ist ein außergewöhnlich hoher Anteil an Fachkräften. Was die Ausbilder besonders fordert, ist der Umstand, dass das Alterspektrum der derzeitigen Azubis von 23 bis 53 Jahre reicht.

Der von der Stückzahl her mit produktivste Betrieb in der JVA ist die Schneiderei. Und noch eine Besonderheit prägt diese Abteilung: zwei Frauen unter lauter Männern. Sie leiten und beaufsichtigen zusammen mit einem Kollegen als Meisterinnen ihres Fachs die Fertigung. Und die fängt mit Geschirrtüchern an. Die Schneiderei muss durchweg fachfremde Kräfte anlernen: Männer an Nähmaschinen. Wer nach drei Tagen 200 Geschirrtücher pro Schicht packt ("Das ist leicht zu schaffen"), der kann dann Zug um Zug in die gängige Produktion wechseln und eventuell auch mehr verdienen.

Neben einigen externen Aufträgen (medizinische Gurte, Allergie-Bettwäsche) wird hier der Wäschebedarf anderer bayerischer Haftanstalten abgearbeitet. Für das nächste Jahr heißt das unter anderem 2700 Jacken für Arbeitsanzüge, 4600 Schlafanzüge, 99 000 Handtücher oder 9000 T-Shirts. Momentan läuft ein 1000-Latzhosen-Versuch. Sie sollen gegebenenfalls die bisher üblichen Arbeits-Overalls ersetzen.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.