Buch über Amberger Knast
Die Straße der Verlierer ist eine Sackgasse

So ziemlich jeder Stammtisch weiß, dass es Strafgefangenen in Deutschland deutlich zu gut geht. Thomas Galli war dann aber nicht mit dabei gesessen, wenn schon ein Fernseher in der Zelle als viel zu viel des Guten angesehen wird. Der Mann mit dem Doktor-Titel hat einen Band geschrieben, der zur Leipziger Buchmesse erschienen ist: "Die Schwere der Schuld - Ein Gefängnisdirektor erzählt".

So weit aufgestiegen war Galli noch nicht, als er in der Amberger Justizvollzugsanstalt (JVA) 2001 seinen Dienst antrat, erste berufliche Erfahrungen sammelte und sechs Jahre blieb. Es folgte als nächste Station Straubing, seit 2013 leitet der Jurist und Kriminologe die JVA Zeithain in Sachsen. Derzeit ist er in Erziehungsurlaub. In neun Erzählungen wendet sich Galli dem Alltag hinter Gefängnismauern zu, beschreibt als Insider schnörkellos, aber einfühlsam und scharfsinnig reflektierend, was dort eigentlich los ist. Er positioniert sich explizit kritisch ("Das Gefängnis hält nicht, was es verspricht"), aber auch indirekt durch das, was und wie er es erzählt. Zugleich lässt Galli keine Zweifel daran, dass die Gesellschaft einen unverzichtbaren Anspruch auf genau jene Mauern hat, über die sie die staatliche Gewalt eigentlich nicht oder nur ungern blicken lässt. So wie es läuft, das stellt der Autor mit dem Blick auf das Ergebnis jedoch unmissverständlich in Frage.

Zwei der in dem Band abgedruckten Geschichten haben einen direkten Bezug zur hiesigen JVA. "Gefangen zwischen den Welten" und "Hinter der Trennscheibe". Sie greifen Umstände auf, die jeder Haftanstalt naturgemäß eigen sind und schwer zu schaffen machen: mafiöse Strukturen - Galli scheut sich nicht, das Kind beim Namen zu nennen, und spricht von der "Russenmafia" - und natürlich Drogenkonsum sowie -abhängigkeit hinter Gittern.

Keineswegs neu


Das sind keine neuen Enthüllungen. Dem Knast-Insider gelingt jedoch, beide Phänomene in der Wucht und Dominanz zu zeichnen, wie sie als hausgemachte Spirale des wechselseitigen Spiels von Ursache und Wirkung den Alltag der Insassen und Bediensteten bestimmen. Galli beschreibt fatale Mechanismen, die in ihrer Rigidität Sicherheit und Ordnung hinter Gefängnismauern herstellen sollen und so eine subkulturelle Unrechtsordnung des Knastalltags erst schaffen. "Gefangen zwischen den Welten" ist so eine Geschichte, die von dem russlanddeutschen jungen Häftling Waldemar Schumacher erzählt.

Authentisch und ohne Effekthascherei legt der JVA-Leiter dar, dass es für alle Beteiligten am Ende völlig egal ist, ob Waldemar Drogenkonsument ist oder nicht. Die staatlichen Sanktionsmechanismen und mafiösen Gewaltstrukturen greifen wie Zahnräder ineinander, so dass bereits am Anfang feststeht, wer der Verlierer am Ende sein wird. Vordergründig Waldemar natürlich, hinterfragt jedoch die Gesellschaft. Galli sitzt berufsbedingt immer an einem der vermeintlich längeren Hebel dieses diffizilen bis von nackter Gewalt geprägten Machtgefüges.

Andere Wahrheiten


Das hat ihm aber nicht den Blick für die Schwachen dieses gnadenlosen Kräftemessens - die Gefangenen - verstellt. Das macht diesen Band lesenswert und den Autor zu einem unfreiwilligen Whistleblower. Knast-Interna werden immer erst öffentlich, wenn es zu spät ist. In Gerichtsverhandlungen beispielsweise. Aber alle Aussagen dort sind nicht unbedingt von Maßstäben ihres Wahrheitsgehalts geleitet, sondern dem in diesem abgeschotteten Kosmos überlebenswichtigen Kalkül, wem nützt was in welcher Situation? Sehr nachdenklich sollte ein Satz aus dem Nachwort dieses Erzählbandes stimmen: "Im Allgemeinen (...) wirken die Straftäter wie du und ich. Kein Wunder, denn sie sind es meist auch."

Thomas Galli: Die Schwere der Schuld - Ein Gefängnisdirektor erzählt 192 S. , brosch., 12,99 Euro, ISBN 978-3-360-01 307-1 (auch als eBook erhältlich)
Im Allgemeinen (...) wirken die Straftäter wie du und ich. Kein Wunder, denn sie sind es meist auch.Dr. Thomas Galli, JVA-Direktor und Autor
Das Gefängnis hält nicht, was es verspricht.Dr. Thomas Galli, JVA-Direktor und Autor
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