"Darf ich dir was erzählen: Mein Tattoo und seine Geschichte"
Viel Herz auf der Haut

Kathi mit ihrem Pusteblumen-Motiv

Kurze Hose oder Rock, Top oder T-Shirt: Die warmen Temperaturen lassen viel Haut sehen. Und damit werden Tattoos sichtbar, die im Winter doch etwas versteckter sind. Wir wollen es mal so sagen: Die Oberpfalz wird zur Freiluft-Galerie. All diese Tattoos, haben sie eine Geschichte?

Sich ein Tattoo stechen zu lassen, das ist eine Entscheidung fürs Leben. Wer ins Tattoo-Studio geht, der weiß: das Motiv trage ich nicht nur heute, wie einen Lippenstift; nicht nur diese Woche, wie eine Frisur; nicht nur ein paar Wochen, wie einen Bart. Ich trage es mein Leben lang.

Wir haben viele Menschen getroffen, die uns ihre ganz persönliche Geschichte ihres Tattoos mit überraschender Offenheit erzählt haben. Ihnen allen ist gemeinsam: Es sind Menschen, die tief im Herzen einen großen Schatz tragen. Leidenschaft und Liebe für das Leben, ihre Familie und Freunde.

Kathi (29, Logopädin) und Andi (31, Maschinenbautechniker) mit ihrem zweijährigen Sohn saßen vor der Kümmersbrucker Eisdiele. Kathi: "Mein Tattoo ist der Titel eine Liedes von Andreas Gabalier. Er besingt darin seinen verstorbenen Vater und seine Schwester. Der Titel sagt schon alles. Ich hab ihn für mich gewählt in Erinnerung an meinen vor Jahren gestorbenen Opa, mit dem ich eine sehr innige Bindung hatte. Meine Gefühle wühlen mich immer wieder auf, denn ein Abschied war nicht möglich. Mit meinem Tattoo will ich für immer meine Hoffnung zeigen, dass wir uns im Himmel oder wo auch immer wiedersehen. Die Samen die zu Vögeln werden sind meine immerwährende Botschaft an ihn. Ich hoffe er kann sie lesen, dort oben." Andi sagt: "Bei mir ist es schlicht der bekannte lateinische Spruch "Carpe Diem - Pflücke den Tag". Jeder Tag ist ein Geschenk. Daran erinnert mich mein Tattoo jeden Tag sehr deutlich."



Diana (38, kaufmännische Angestellte) und Ingo (48, TÜV-Prüfer) werkeln gerade an ihrem neuen Haus in Rieden. "Mama, Papa, Bruderherz. Meine Familie ist mein Anker", erzählt Diana. "Vor eineinhalb Jahren hab ich es mir stechen lassen. Am Oberarm war mein Sternzeichen in Chinesisch tätowiert. Das gefiel mir nicht mehr. Meine Familie ist mir so wichtig, das war naheliegend. Mit meiner Idee und einer kleinen Skizze bin ich zu Swen vom "Borderline"-Studio in Amberg gegangen. Er hat es grafisch professionell gezeichnet und dann in vier Stunden gestochen. Ich bin total glücklich damit."

Ingo ist einer, der schon seit längerer Zeit viele Haut-Kunstwerke mit sich herumträgt. "Ich hab diverse Tätowierungen. Überall. Diana sagt ich bin Tattoo-süchtig. Hab wohl schon über 3000 Euro in die Körper-Kunst investiert. Vor 20 Jahren hab ich angefangen. Ne Indianer-Krähe am Oberarm. Damals waren Tattoos noch absolute Nische. Es gab schon gute Studios. Aber nicht viele. Heute sind die ja mitten in der Fußgängerzone." Warum er gleich so viele Tattoos hat? "Einfach weil sie schön sind, richtige Bilder. Mein neuestes Motiv ist ganz frisch: auf meiner Brust die Uhr. Ein 3-D-Motiv. Vom Meister "Chokehold" aus Hahnbach. Alles hat seine Zeit!"






Carmen (27, gelernte Friseurin/Verkauf) aus Kemnath sitzt entspannt mit ihrem Freund im Amberger Kino. "Vor drei Jahren hab ich mir den ganzen linken Arm vom "Johnny" in Vilseck stechen lassen. Mein Projekt. Ein halbes Jahr bin ich alle zwei Wochen für fünf Stunden hin.

Johnny hat sehr sorgfältig gearbeitet: Entwurf und Bildausdrucke, auf den Arm gelegt und mit mir zusammen die Komposition der Bilder ausgewählt. Du erkennst was es zeigt? Alice im Wunderland. Ich finde mich voll wieder in ihr. Alice steht für Anderssein, Fantasie, den Zauber der fantastischen Welt."








Philipp (19, Schreinerazubi) aus Kümmersbruck ist gerade in der Stadt beim Shoppen unterwegs. "Frisch gestochen. Beim Millenium in Amberg", sagt er. Das Tatto am linken Oberarm zeigt Maria und Jesus und den Namen seiner Schwester.
Warum? "Weil es mir gefällt, das ist meine Geschichte.

Die tiefere Bedeutung kennt nur meine Familie. Ist ein genau geplantes Projekt von mir. Mit 20 will ich beide Arme voll haben. Je Monat ein Tattoo. Links der Himmel, rechts wird`s höllisch mit Satansmotiven." Hat die Motivwahl was mit Religion zu tun? "Überhaupt nicht. Im Beruf gibt's auch keine Probleme. Passt alles."



Susen (34, Taschendesignerin) aus Amberg sitzt im Cafe. "Ich hab links und rechts ein Halbarm-Sleeve-Tattoo. Es ist ein asiatisches Motiv." Rechts schwimmt ein Koi gegen einen Fluss-Strom nach oben und wird links zum Drachen.

"Mit 18 hab ich `nen Freund in ein Münchner Tattoo-Studio begleitet. Dort lagen Bücher von tätowierten Geishas (Anm.: japanische Unterhaltungskünstlerin, die traditionelle Künste darbietet), bekleidet mit halbdurchsichtigen Tüchern und durchschimmernden Tattoos. Ihre Schönheit, diese Ästhetik, ihre Anmut, das hat mich umgehauen! Sowas auf meinen Armen! Ein paar Wochen später war es fertig."

Susen erzählt eine japanische Legende: "Der Koi verwandelt sich in einen Drachen, wenn es ihm gelingt, den gelben Fluss zum Drachentor hinaufzuschwimmen. Da er der einzige Fisch ist, der dieses Unterfangen bewältigen könnte, werden ihm bestimmte Eigenschaften zugesprochen: Zielstrebigkeit, Ausdauer, Mut, Freiheit und Glück. Das Tattoo passt zu meinem Leben. Ich bekam nichts geschenkt, musste immer kämpfen. Und heute fühl ich mich stark."

Wie waren 16 Jahre mit einem Tattoo an so prominenter "öffentlicher" Stelle? "Mit allen Höhen und Tiefen", antwortet Susen. "Im Jahr 2000 trug eine Frau so etwas nicht. Das war weit vor dem Boom. Ich erlebte manche Ablehnung, für einige war es gar eine Zumutung. Viel Schubladendenken kam mir entgegen. Tattoos sind aber kein Ausdruck von erreichten Zielen oder Lebensleistung. Sie sind einfach nur reine Körperkunst."




Thomas (46, Postbote) aus Poppenricht hat zwischen der Auslieferung von Paketen kurz Zeit, über seine Tätowierung zu sprechen: "Marias begleiten mich mein ganzes Leben. Maria ist der Name meiner Oma, meiner Frau und meiner Tochter", erklärt er.

Mit 18 hatte er sich sein erstes Tattoo stechen lassen. "Irgendwann war mein ganzer Rücken voll, dann gab es eine lange Pause, jetzt fange ich wieder an."






Besuch im Studio


Wir müssen unbedingt einen Tätowierer kennenlernen und ein Studio von innen sehen. Zusammen mit Susen geht es spontan zu Swen und seinem "Borderline-Tattoo" in der Lederergasse Amberg. Zum ersten Mal betrete ich selbst ein Studio. Es geht so leicht, dass ich weder über den Namen (der von "Grenze" bis "Persönlichkeitsstörung" alles bedeuten kann) noch das Ambiente genauer nachdenke.



Ich finde mich in einem gepflegten Laden wieder. Schon typisch Szene, aber sauber und gemütlich. Susen bespricht kurzerhand mit Tätowierer Michael eine Motiv-Idee. Kunden machen eine Pause vom langwierigen Tätowierprozess und gehen an die frische Luft. Swen kommt aus dem Studiobereich. Wir dürfen mit reinkommen, müssen aber hygienische Überschuhe anziehen.

Tatsächlich sitze ich nun an der Liege und erlebe live, wie diverse Farben mit der Tattoo-Pistole in die Oberhaut gestochen werden. Zwei Kunden werden gleichzeitig bedient. Beide sitzen oder liegen relativ entspannt. Im Hintergrund läuft Heavy-Metal-Musik. Das ist ja gar keine Folterkammer! Niemand schreit vor Schmerz.

Interview im Tattoo-Studio


Mit Swen (45), einem geborenen Amberger, rede ich während er einen Kunden bedient:



Swen, wie lang machst du das schon?

"Heuer sind es 18 Berufsjahre. Mit Farbe hab ich es. Gelernt hab ich mal Handwerksmaler. Tätowierer bin ich dann aber nicht aus einem Hobby heraus geworden, sondern aus Leidenschaft. Mit Mitte 20 kam der Entschluss zur Selbstständigkeit. Im First Class in Regensburg hab ich sechs Jahre gearbeitet. Waren sowas wie meine Lehrjahre. Tätowierer ist ja kein Ausbildungsberuf, das ist "learning on the job". Du brauchst ein gehöriges künstlerisches Talent. Ein Profi schaut dich an und entscheidet ob er dich nimmt."

Klingt ähnlich wie im Mittelalter, wenn du da ein Handwerk lernen wolltest.

"Könnte man sagen, ja. Und dann wächst du, du reifst als Tätowierer. Entwickelst deinen Stil, und der ist unverkennbar. Langsam machst du dir einen Namen. Tätowieren ist Kunst und noch viel mehr Handwerk."

Du hast da ja einen Kunden oder Kundin stundenlang bei dir im Studio. Entwickelt sich da eine Beziehung?

"Schon. Da wächst eine Bindung. Je nach Projekt und Wille des Kunden kann das bis zu Jahren gehen. Kunde und Tätowierer müssen zusammenpassen. Mir geht`s dabei nicht um die persönliche Geschichte hinter der Motivwahl. Die steht nicht im Fokus. Ich respektiere jeden Motivwunsch, ich zeig dir wie ich es machen würde, und wenn es passt mach ich es. Wir Tätowierer sind Kunsthandwerker, keine Psychotherapeuten."

Michl, der Tätowierer



Ich wende mich zum Kollegen Michael. Sehr extrovertiertes Äußeres: Voll bebilderter linker Arm. Riesiger Ohrläppchenteller. Nasenpiercing. Trotzdem spüre ich: hier arbeitet ein Gentlemen. Mit Ende 20 ist er noch am Anfang seiner Karriere. Sein erstes Tattoo machte er spät, mit 24. Gleichwohl war er schon von kleinauf von den Körperbildern fasziniert. Geboren in Amberg, stammt er doch aus einer alten Seefahrerfamilie. Sein Opa lebte in Rotterdam, war Matrose auf Fischkuttern und klassisch tätowiert: Rosen (Liebe), Anker (Heimat), Kreuz (Glaube). Eine enge Bindung verband beide. Trotz Ferne. Ihm zur Erinnerung hat er sich einen kleinen Anker unter`s linke Auge gestochen: er steht für die letzte Fahrt zur See. Und in den Himmel.



"Gezeichnet hab ich schon immer. In den Teenie-Jahren überlegte ich, ob ich damit mein Geld verdienen könnte. Es war ein harter Kampf. Zwölf Jahre war ich auf der Suche nach einem Studio, das mich aufnehmen würde. Alle fürchten die Konkurrenz. Anfangs hab ich mir die Beine selbst tätowiert. Swen überzeugte meine Hartnäckigkeit und mein Ehrgeiz, und er nahm mich 2012 auf. Als Lehrling putzt du dann das Studio, sorgst für Hygiene, zeichnest viel, schaust über die Schulter. Dann die ersten kleineren Aufträge. Man wächst rein. "

Unter Michls geschickten Händen entsteht derweil bei Dominik ein Motiv: "Mein Auto, ein Golf II mit 300 PS. Ich fahr damit Sprint-Rennen, am Hockenheim-Ring oder anderswo. Mein Hobby am Arm."

Beide Tätowierer erzählen mir noch so manches. Von Herbert Hofmann, dem ältesten Tätowierer Deutschlands neuerer Zeit und seiner Tattoostube am Kiez in Hamburg St. Pauli, vor der Michl schon ehrfüchtig stand. Abschließend kommen wir aber noch auf ein Thema: Respekt. "Die Alten sind toleranter als die Jungen. Die sind oft neidisch, dass du was schöneres hast. Viele wollen immer mehr auffallen, um jeden Preis, überhaupt ist in der Szene Selbstdarstellerei eine grassierende Krankheit. Was wir machen? Wir halten der Oma die Tür auf und helfen ihr in den Mantel. Alte Schule. Ein Lächeln gewinnen wir allemal damit. Wir gehen unseren eigenen Weg."

Und dann kommt noch dies: "Unsere älteste Kundin war 76. Schon lange wollte sie ein Tattoo. Ihr Mann war vehement dagegen. Als er starb, verwirklichte sie ihren Traum. Das war jetzt keine Rock-Oma, aber sie war schon hipp für ihr Alter. Das hat uns mächtig beeindruckt und Respekt eingeflößt. Die Alten, das sind die wahren Coolen!"

Persönliche Bilanz des Autors


Eine Woche Recherche geht zu Ende. Was machen diese vielen Begegnungen mit mir selber, dem Reporter? Da waren so viele spannende Begegnungen mit so unterschiedlichen Menschen. Sie alle schenkten mir ihr Vertrauen und erzählten mir spontan und sehr offen ihr Ding. So viel Lebenswege in so kurzer Zeit. Geballte Lebenslust. Haut-nahe Geschichten. Die Vielfalt der Tattoos verblüfft mich. Die Anmut und Schönheit mancher Motive ist grandios. Diese Körperbilder haben auch mich schon immer fasziniert. Selber trag ich kein Tattoo. Und das darf auch so bleiben. Aber vielleicht träume ich ab und an von bunten Koi-Karpfen die in Seen aus Uhren herumschwimmen und von Alice mit Pusteblumensamen gefüttert werden.

Daheim in der Familie reden wir über das Thema und schauen gemeinsam die Fotos an. Meine Tochter ist tiernarrisch und reitet seit kurzem: "Papa, kann man ein Pferd tätowieren?" Gemeinsam besuchen wir noch einmal Swen und erfahren....

Hinweis zu den Bildern: Alle gezeigten Tattoos stammen von ganz verschiedenen Tätowiermeistern, hauptsächlich aus der Oberpfalz, aber auch aus dem übrigen Deutschland. Die Herkunft wird meist im Interview bzw. in der Bildunterschrift genannt.

StatistikIn Amberg gibt es aktuell acht Tattoo-Studios. Diese jahrtausende alte Körperkunst ist wahrlich keine Nische mehr. Sie ist mitten in der Gesellschaft angekommen. Schon allein die Vielfalt der Motive und ihrer Träger zeigt die ganze Bandbreite der Gesellschaft. Laut einer Umfrage der Meinungsforscher von YouGov von 2015 haben 15 Prozent aller Deutschen ein Tattoo, davon Frauen (18 Prozent) etwas mehr als Männer (13 Prozent). Die Werte bei Stadt- und Landbevölkerung sind dabei praktisch gleich. Macht in Amberg und dem Landkreis also um die 23.000 Körperbild-Träger. In der gesamten Oberpfalz knapp 150.000. Als wäre ganz Regensburg...



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