Das sagt der Leiter einer JVA in Sachsen:
Haftstrafen bekämpfen Kriminalität nicht

Mit einem derartigen Denken lassen sich allerdings politisch kaum Pluspunkte gewinnen. Die lassen sich eher durch kernige Forderungen nach harten Strafen und das Image eines starken Rechtsstaates gewinnen.

Herr Dr. Galli, ehemals in der Amberger JVA-Leitung tätig, haben Sie die Dominanz der Russenmafia im hiesigen Gefängnisalltag als ein großes Problem beschrieben.

Dr. Thomas Galli: Vor allem im bayerischen Vollzug ist das ein großes Problem.

Können solche Strukturen überhaupt nachhaltig aufgebrochen werden?

Nein. Die mafiöse Subkultur kann vor allem deshalb nicht gebrochen werden, weil es für die Insassen keine lohnenswerten Alternativen gibt. Wer es schafft, in der Mafia nach oben zu kommen, hat ein viel besseres Leben in Haft als derjenige, der sich an die Regeln der Anstalt hält.

Inzwischen waren Sie auch in anderen Haftanstalten tätig. Fällt Amberg aus dem üblichen Rahmen? Erst kürzlich wurde vor Gericht eine eventuelle Tätlichkeit unter Bediensteten verhandelt.

Nach meiner Kenntnis gibt es in Amberg immer noch Acht-Mann-Hafträume. Zu meiner Zeit betrug die Wartezeit für Gefangene, die in einen Einzelhaftraum wollten, zum Teil über ein Jahr. Diese Unterbringung zu acht ist nicht nur nicht menschenwürdig, sie begünstigt auch massiv subkulturelle Strukturen.

Kein Mensch kann überprüfen oder gar verhindern, was vor allem nachts in diesen Hafträumen passiert. Für mächtige Gefangene, die sich zu einer mafiösen Verbindung zusammengeschlossen haben, ist es so ein leichtes, schwächere unter Druck zu setzen. Die Atmosphäre, die so in der Anstalt entsteht, wirkt sich auch auf das Betriebsklima unter den Bediensteten aus. Frust, Spannungen und Aggressionen nehmen zu.

In Ihrem Buch "Die "Schwere der Schuld" finden sich kritische Anmerkungen zum Strafvollzug in Bayern. Sehen Sie speziell im Freistaat Reformbedarf?

Ja. Der Strafvollzug in Bayern wird nur durch einen riesigen und kostenintensiven bürokratischen Apparat verwaltet. Er reagiert auf Druck von außen, etwa durch das Bundesverfassungsgericht, entwickelt aber keine eigenen Ideen, Ansätze und Visionen zur Gestaltung eines zukunftsorientierten und vernünftigeren Umgangs mit Straftätern.

Sehr viele Ressourcen werden durch reine Selbstverwaltung verschwendet. An dem Spruch, der im bayerischen Vollzug kursiert: "Wenn auf einen Schlag alle Gefangenen entlassen werden müssten, würde es mindestens ein Jahr dauern, bis das überhaupt jemandem auffällt", ist viel Wahres dran.

"Schuld wird in unserer Gesellschaft ungerecht und unvernünftig verteilt", schreiben Sie im Nachwort Ihres Buches. Dann müssten Sie eigentlich ein Gegenmodell parat haben.

Wir müssen uns vor allem bewusstmachen, dass wir mit Strafen jeder Art nur einen sehr geringen Anteil der Kriminalität überhaupt in den Griff bekommen können. Wir verwenden aber alle unsere Energie auf das Strafen, in dem Irrglauben, damit alles Notwendige und Machbare gegen "das Böse" zu leisten. Viel sinnvoller wäre ein langfristigeres Denken. Die Biografien vieler Straftäter gleichen sich. Warum nimmt der Staat das nicht zum Anlass, zu hinterfragen, wo gleichen sich die Biografien, und wo wäre es sinnvoll, früher zu intervenieren?

Die allermeisten Straftäter stammen aus äußerst schwierigen familiären Verhältnissen und haben selbst früh Missbrauch, Gewalt und Missachtung erlebt. Hier mehr Unterstützung zu leisten, würde dazu beitragen, dass weniger die Kinder von heute die Straftäter von morgen werden. Mit einem derartigen Denken lassen sich allerdings politisch kaum Pluspunkte gewinnen. Die lassen sich eher durch kernige Forderungen nach harten Strafen und das Image eines starken Rechtsstaates gewinnen. Die Allgemeinheit merkt gar nicht, dass sie sich damit selbst schadet. Das gilt übrigens auch hinsichtlich der für den Strafvollzug aufgewendeten Ressourcen, die bundesweit einige Milliarden Euro jedes Jahr betragen.

Haftstrafen erübrigen sich damit aber keineswegs. Zudem gibt es, das schreiben auch Sie, ja hoffnungslose Fälle von Straftätern.

Den Freiheitsentzug als Strafe würde ich ganz abschaffen. Das ist ein sehr kostenintensiver Unsinn, mit dem sich die Gesellschaft selbst schadet, denn die allermeisten Gefangenen verbüßen eher kurze Haftstrafen von einigen Monaten oder Jahren. Sie werden durch dieses Wegsperren weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt und sind so bei ihrer Entlassung gefährlicher als vorher.

Und eine Resozialisierung im Gefängnis funktioniert in den allermeisten Fällen, allen Sonntagsreden zum Trotz, nicht. Für die sehr wenigen ganz gefährlichen Täter, die zum Beispiel Kinder sexuell missbraucht und umgebracht haben, würde ich einen Entzug der Freiheit bis zum Lebensende fordern, allerdings menschenwürdiger und für den Steuerzahler viel kostengünstiger in nach außen abgeschlossenen Bereichen (vergleichbar mit Gated Communities), innerhalb derer die Insassen weitgehend selbstverantwortlich wohnen könnten und gemeinnützige Arbeit leisten müssten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weiteres GesprächDie auf dieser Seite angerissenen Fragen sind aus redaktioneller Sicht noch nicht abgearbeitet. In einer der nächsten Ausgaben erscheint deshalb ein Artikel über ein Gespräch mit dem Leiter der JVA Amberg, Leitendem Regierungsdirektor Peter Möbius. (zm)
Mit einem derartigen Denken lassen sich allerdings politisch kaum Pluspunkte gewinnen. Die lassen sich eher durch kernige Forderungen nach harten Strafen und das Image eines starken Rechtsstaates gewinnen.Dr. Thomas Galli
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