"Denke, sie haben Angst vor Fremden"
Wie integriert es sich so? Interview mit zwei Flüchtlingen

Auch für Najibolah Mohmdi läuft es gut in der Oberpfalz: Er absolviert eine Ausbildung zum Sozialpfleger in Regensburg. Bild: hfz
 
Eghbal Moradi ist in Deutschland angekommen. Er macht eine Lehre zum Kfz-Lackierer in Ursensollen. Bild: hfz

Es ist die Geschichte von zwei jungen Erwachsenen, die an der Schwelle ins Berufsleben stehen. Es ist aber auch eine Geschichte über die erfolgreiche Integration zweier Flüchtlinge, die bereits 2013 nach Amberg kamen und dort die erste Generation in der Wohngruppe A capella waren.

/Regensburg. Beide flüchteten aus Afghanistan. Eghbal Moradi ist 18 Jahre alt und wohnt heute in Amberg. Sein Landsmann Najibolah Mohmdi (19) ist seit drei Jahren in Deutschland und lebt mittlerweile in Regensburg. Im Interview sprechen beide über ihren Alltag in der Oberpfalz und das Gefühl, dass die Leute anders geworden sind.

Wo arbeiten Sie derzeit?

Eghbal Moradi: Momentan arbeite in Ursensollen. Dort mache ich eine Ausbildung zum Kfz-Lackierer. Ich schleife zum Beispiel Fahrzeugtüren, Kotflügel, Stoßstangen und andere Fahrzeugteile. Ich lerne dort auch wie man lackiert, poliert, spachtelt oder grundiert. Außerdem notiere ich immer, wenn Waren aus dem Lager ausgehen, damit wir sie rechtzeitig nachbestellen können.

Najibolah Mohmdi : Ich bin zurzeit an der Berufsfachschule für Sozialpflege in Regensburg. Dort gehe ich vier Tage in die Schule und einen Tag ins Praktikum. Es handelt sich um eine schulische Ausbildung, die zwei Jahre dauert. Ich habe das erste Jahr abgeschlossen und besuche heuer das zweite Schuljahr. Wenn ich mit der Ausbildung fertig bin, werde ich Sozialpfleger sein.

Wie zufrieden sind Sie in Ihrem Beruf?

Moradi: Meine Ausbildung macht mir großen Spaß, meine Kollegen sind sehr nett und ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu, das gefällt mir sehr gut. Manchmal ist es natürlich auch anstrengend, aber ich glaube, das ist überall so.

Mohmdi: Ich bin sehr zufrieden an dieser Schule. Ich lerne viele Leute kennen und mache Fortschritte mit der deutschen Sprache. Es gefällt mir, die Geschichten von älteren Personen zu hören und etwas über ihre Vergangenheit zu erfahren. Ich fand es sehr interessant in diesen Gesprächen über das Leben früher - gerade über den Zweiten Weltkrieg - etwas zu erfahren. Auch der Umgang mit Kindern und Behinderten macht mir Spaß.

Wollten Sie ursprünglich etwas anderes machen?

Moradi: In meinem Heimatland habe ich Handys repariert und habe dabei entdeckt, dass mir handwerkliche Arbeiten gut liegen, da kam mir der Gedanke, Kfz-Mechatroniker werden zu wollen.

Mohmdi: Ich wollte Einzelhandelskaufmann werden und an der Kasse arbeiten, da mir Kontakte und Kommunikation mit anderen Menschen wichtig ist.

Was ist Ihr berufliches Ziel?

Moradi: Ich möchte zuerst meine Ausbildung erfolgreich abschließen. Mein Traum wäre es, Kfz-Lackierer-Meister zu werden.

Mohmdi: Ich möchte in Zukunft Krankenpfleger werden. Ich möchte den Leuten helfen, die krank oder hilfebedürftig sind. Auch möchte ich mehr über die Krankheiten erfahren, damit ich in Zukunft meiner Familie helfen kann, wenn sie krank wird.

Was war die größte Hürde, mit der Sie im Beruf zu kämpfen hatten?

Moradi: Als ich angefangen habe, war noch sehr vieles schwierig für mich. Ich kannte mich zum Beispiel nicht mit Material und den Farben aus. Auch in der Schule hatte ich Schwierigkeiten. Ich war der einzige Ausländer in der Klasse. In der Berufsschule musste ich mich erst einmal zurechtfinden, gerade wenn es darum ging, von den anderen Mitschülern akzeptiert zu werden. Am ersten Tag lachten die Mitschüler, als ich bei der Vorstellungsrunde erzählte, dass ich aus Afghanistan sei und erst zwei Jahre in Deutschland lebe. Das verunsicherte mich. Es hat drei bis vier Monate gedauert, bis ich das Gefühl hatte, von den Schulkameraden akzeptiert zu werden. Jetzt helfen mir die Mitschüler sogar, wenn ich etwas nicht verstanden habe.

Mohmdi: Am Anfang war es sehr schwer, Kontakte zu den Mitschülern zu bekommen. Auch die Texte, die wir in der Schule lesen sollten, konnte ich nicht verstehen. Ich habe immer wieder meine Mitschüler gefragt, so dass sich ein Schüler beschwerte, weil ich immer so viel im Unterricht fragte. Außerdem musste ich innerhalb der Klasse mit Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen zurechtkommen. Meine Lehrerin hat mir dabei geholfen und mir Mut gegeben, mich vor den Schulkameraden zu präsentieren.

Gibt es sonst noch Leute, die Ihnen besonders geholfen haben?

Moradi: Die Lehrer in der Berufsschule haben mich unterstützt. Sie haben auf mich Rücksicht genommen und mir zusätzliche Zeit gegeben, wenn ich nicht so schnell mitschreiben konnte. In der Schule hatte ich Schwierigkeiten. Ich hatte schlechte Noten und war gefährdet, die Probezeit zu bestehen. Ich bin meinem Chef sehr dankbar, dass er mir die Ausbildung ermöglicht hat und mir immer wieder sagt, dass ich in der Praxis sehr gut arbeite. Das hat mir geholfen, dass ich mich weiter auf die Schule konzentrieren und an mich glauben konnte. Dem Fachdienst meiner früheren Wohngruppe mit Petra Ellert bin ich sehr dankbar. Sie hat sich sehr für mich engagiert und es geschafft, dass meine Familie hierher ziehen konnte. Dafür danke ich ihr sehr. Auch hat sie mich immer unterstützt, wenn es um die Ausbildung ging oder um aufenthaltsrechtliche Angelegenheiten.

Mohmdi: Ja, meiner Wohngruppe A capella in Amberg, die mir mit der Sprache geholfen hat und mich auch bei Hausaufgaben unterstützt hat. Dort habe ich gelernt, wie man sich hier zurechtfindet. Darunter waren Dinge wie Kochen, Putzen, Lernen, Erledigung von Behördengängen, Arztbesuche, Umgang mit Geld und Hausaufgabenbetreuung.Die Betreuer von der Wohngruppe haben mich sehr bei der Ausbildungssuche gefördert. Auch die Pädagogen vom Kolpinghaus haben mich beim Schreiben von Berichten unterstützt.

Was raten Sie den Jugendlichen, die derzeit in der Wohngruppe A capella leben und den Weg, den Sie bereits gegangen sind, noch vor sich haben?

Moradi: Ich denke, wer in die Wohngruppe A capella kommt, hat großes Glück. Hier kann man zur Schule gehen, neue Freunde finden und ist sicher aufgehoben. Viele Regeln haben mir zwar am Anfang nicht gefallen, aber wenn ich zurückblicke, denke ich, dass sie gut für mich waren. Das Personal war immer nett zu mir und hat mir in vielen Dingen geholfen. Natürlich gab es auch immer mal wieder kleinere Probleme, aber das ist in einer Familie ja auch nicht anders. Ohne die Wohngruppe wäre ich nicht so weit gekommen.

Mohmdi: Ich würde ihnen raten, den gleichen Weg zu gehen wie ich. Damit meine ich, fleißig die Sprache zu lernen und sich für die Zukunft zu motivieren. Es ist nicht so einfach, aber wenn man sich anstrengt, kann man vieles schaffen.

Wie begegnen Ihnen die Deutschen im allgemeinen?

Mohmdi: Sie begegnen mir unterschiedlich. Manche sind sehr nett zu mir und interessieren sich für mich. Andere ignorieren mich, und ich habe das Gefühl, dass sie mich nicht mögen. Aber das macht mir nichts aus, weil ich mich auf die anderen Menschen, die gut zu mir sind, verlassen kann. Ich habe immer noch gute Kontakte zu den Betreuern der Wohngruppe A capella, die mich sogar jetzt noch freiwillig unterstützen, obwohl ich nicht mehr dort wohne.

Moradi: Als ich vor drei Jahren nach Deutschland gekommen bin, hatte ich das Gefühl, dass die Leute ganz normal zu mir waren und mich aufgenommen haben. Ich habe viele Gleichaltrige kennengelernt. Vor allem über den Fußball und die Schule, aber auch über den Kletterkurs, den der Alpenverein organisiert hat.

Ist das heute anders?

Moradi: Ich habe das Gefühl, dass die Leute anders geworden sind. Ich denke, sie haben Angst vor Fremden. Ich merke das daran, dass mich die Leute anders ansehen. Wahrscheinlich liegt das an den Anschlägen in München oder anderen Gewalttaten, die von Fremden ausgeführt wurden. Wenn ich Einheimische näher kennenlernen kann, merke ich, dass sie auf einmal sehr nett werden. Ich vermute, das liegt daran, dass sie einen als Mensch näher kennenlernen und die Angst verlieren.

Was sind die Probleme, mit denen Sie konfrontiert waren oder sind?

Moradi: Erst letzte Woche bin ich mit einem Freund durch die Straße gegangen. Da sah eine Frau aus dem Fenster und hat uns ohne Grund mit "Scheiß Ausländer" beleidigt. Mein Freund fragte, was sie denn gemacht haben. Auf einmal stand auch ihr Mann im Fenster und bedrohte uns mit Worten, er spuckte, sagte er würde uns die Zähne ausschlagen und meinte wir sollen verschwinden. Er rief "Adolf Hitler" und streckte seinen Arm aus. Wir sind dann einfach weggegangen. Diese Situation war sehr unangenehm für uns. Vor zwei Jahren spukte mal ein Mann vom Fenster auf mich. Zum Glück waren das die einzigen Vorfälle. Aber beide waren wirklich nicht schön. Ein anderes Problem ist, dass ich keinen Führerschein machen darf, obwohl ich schon 18 Jahre bin. Ich muss jeden Tag eine Stunde auf den Bus warten und bin eine halbe Stunde zu früh in der Arbeit. Ein Führerschein würde mir das leichter gestalten. Aber leider kann ich keinen machen, weil ich noch keine Anerkennung habe.

Wohnen Sie mittlerweile allein in einer Wohnung oder in einer betreuten Gruppe?

Moradi: Mittlerweile wohne ich mit meiner Familie in der Nähe von Amberg in einer angemieteten Wohnung.

Mohmdi: Ich wohne seit 3. August 2015 im Kolpingwohnheim in Regensburg. Dort erhalte ich neben Hausaufgabenbetreuung zusätzlich Hilfe von einem Erziehungsbeistand. Die Dame hilft mir beim Asylverfahren, Ämtergängen, bei der Schule und bei alltäglichen Dingen, wie zum Beispiel beim Kauf eines gebrauchten Fahrrads.

Haben Sie hier schon Freunde gefunden?

Moradi: Ja, schon sehr viele. Über die Schule, die Ausbildung, die Wohngruppe und den Sportverein.

Mohmdi: Ich habe noch Kontakt zu Freunden, die mit mir in der Wohngruppe A capella gewohnt haben. Außerdem habe ich mich mit Bewohnern im Kolpingwohnheim angefreundet.

Wenn Sie nicht arbeiten müssen, was machen Sie am liebsten?

Moradi: Am liebsten mache ich Sport. Fußball oder Krafttraining mit Freunden.

Mohmdi: Ich spiele gerne Fußball, gehe ins Fitnessstudio im Kolpingwohnheim oder gehe mit Freunden Billard spielen. Und ich sehe mir gerne Fußballspiele im Fernsehen an.

Denken Sie oft an Ihre Heimat oder Ihre Flucht zurück?

Moradi: Ja, sehr oft sogar, und dass, obwohl ich schon drei Jahre hier bin. Jetzt, da meine Familie da ist, habe ich aber das Gefühl, dass ich auch hier zu Hause bin. Ich hoffe, dass ich hier bleiben kann, und mir ein gutes Leben aufbauen kann. Das ist mein großer Wunsch.

Mohmdi: Ich denke immer noch täglich an meine Familie und wie schwierig es war, bis nach Deutschland zu kommen. Es hat drei Jahre gedauert, bis ich hier war.

Vermissen Sie etwas von dort?

Moradi: Ich vermisse meinen Vater sehr, der leider nicht mehr lebt. Es wäre schön, wenn er auch hier wäre. Ich würde auch gerne auf den Friedhof gehen können, auf dem er beerdigt ist. Auch vermisse ich meinen Hund und mein Pferd, die ich in Afghanistan hatte.

Mohmdi: Vor allem vermisse ich meine Familie, die noch dort ist. Meine Mutter und meine Geschwister.

Ihre privaten Ziele?

Moradi: Ich möchte mir hier ein eigenes Leben aufbauen. Wenn ich meine Ausbildung fertig habe und eine Arbeit habe, möchte ich eine Familie gründen. Ich wünsche mir, dass der Krieg in Afghanistan aufhört. Falls dort wieder Frieden herrscht, würde ich gerne noch einmal das Grab meines Vaters besuchen.

Mohmdi: Später hätte ich gerne eine eigene Familie. Ich wünsche mir, dass ich hier eine eigene Zukunft aufbauen kann.

Ich denke immer noch täglich an meine Familie und wie schwierig es war, bis nach Deutschland zu kommen. Es hat drei Jahre gedauert, bis ich hier war.Najibolah Mohmdi (19)


Wenn ich Einheimische näher kennenlernen kann, merke ich, dass sie auf einmal sehr nett werden.Eghbal Moradi (18)


Wohngruppe A capellaDie heilpädagogische Jugendwohngruppe A capella beherbergt unter dem Dach der Dr. Loew Soziale Dienstleistungen GmbH & Co. KG minderjährige unbegleitete Flüchtlinge ab dem 14. Lebensjahr, die vom zuständigen Jugendamt in Obhut genommen werden. Die Wohngruppe ist rund um die Uhr teilweise mit mehreren Mitarbeitern besetzt. Über die derzeitigen Bewohner erschien am Mittwoch, 7. September, eine Reportage in unserer Zeitung. Momentan sind 14 Jugendliche dort untergebracht. Auch Eghbal Moradi und Najibolah Mohmdi waren dort untergebracht. (roa)
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