Dichter Bergengruen kam 1933 per Rad nach Amberg
Amberg "ein Stück deutschen Altertums"

Bergengruens Buch "Deutsche Reise" enthält diesen Kupferstich von Matthäus Merian mit einer Ansicht von Amberg aus dem Jahr 1644. Bild: hfz

Von Atze Schmidt

Amberg. Im Sommer und Herbst 1933 radelte Werner Bergengruen, damals 41 Jahre alt, durch Deutschland. Rund 200 Orte besuchte er, mit Vorliebe kleine Städte. Arneburg in Sachsen-Anhalt zählte dazu, auch Zavenstein, Württembergs kleinste Stadt. Und Amberg. "Auf dieser Reise bin ich glücklich gewesen, mitten in einer unglücklichen Zeit, in der ich nicht nur gegenwärtigen Bedrängnissen, sondern auch der Erwartung der Zukunft standzuhalten hatte", schrieb Bergengruen später.

Ein anderer Schriftsteller, Carl Jakob Burckhardt, etwa gleichen Alters wie Bergengruen, verlegte dessen Buch "Deutsche Reise" vor nunmehr fast 50 Jahren neu. Bereichert ist das Werk mit zahlreichen alten Stahl- und Kupferstichen sowie Lithographien. Im Vorwort zu dieser Ausgabe, die heute nur noch in gut sortierten Antiquariaten zu finden ist, notierte Burckhardt: "Was Bergengruen von seiner Fahrt mitbrachte, enthält mehr als alle Sammlungen der Bilderjäger, die wenig sehen und allzu vieles festhalten."

Vielen gar nicht bekannt


Amberg, "die alte oberpfälzische Hauptstadt, die durch Erzbergbau reich wurde", muss Bergengruen schwer beeindruckt haben. "Dies wertvolle Stück deutschen Altertums ist vielen nicht bekannt", schrieb er. "Läge Amberg statt an der Vils an der Havel, die großstädtischen Wochenendwagen würden zu Dutzenden oder Hunderten vor ihren vier prächtigen alten Toren parken. Nun aber wird sie beschattet von der Nachbarschaft Nürnbergs und Regensburgs."

Die festeste Fürstenstadt


Der aus Riga stammende Schriftsteller ("Der Großtyrann und das Gericht"), dessen Werk Fabulierfreude kennzeichnet und häufig historische Stoffe behandelt, genoss "in der eiförmigen Altstadt Ambergs mit ihren ungebrochenen Befestigungen" einen Mauerrundgang, wie er mitteilte. "Und nun verstehe ich das Wort des Chronisten aus der Reformationszeit, der München die schönste, Leipzig die reichste, Amberg aber die festeste Fürstenstadt genannt hat. Die Mauern stehen, und die Wälle sind in einen die ganze Altstadt umschließenden Parkgürtel umgestaltet worden. Das zierliche Rathaus hat gotischen Reichtum, und die Schlossbauten bekunden renaissancehafte Stattlichkeit. Hier spannt sich die berühmte Amberger Brille über den Fluss, eine überdeckte Brücke, deren zwei dunkle Wölbungen von den Spiegelbildern im Wasser zu wunderlichen Kreisen ergänzt werden."

Weiter erwähnt Bergengruen "den stolzen Bau von St. Martin, die festliche Heiterkeit der Schulkirche, die krummen Gässchen am Mauerring und die Astern, die in allen Farben der Jahreszeit auf dem Markte funkeln". All das ist ihm "im Angedenken geblieben, das ich mir gern erneuere".

Vom Liedertisch begeistert


Schließlich verrät er noch, was er sich aus Amberg wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte. "Nichts anderes sollte es sein, als eine runde Tischplatte aus Solnhofer Kalkstein. Sie ist eine wahre Kostbarkeit!" Und er schwärmt von der "wunderbar ausgewogenen konzentrischen Komposition" des im Rathaus aufbewahrten Amberger Liedertischs.

So hat Amberg den radelnden Dichter mit der Oberpfalz versöhnt. Denn der Landschaft konnte Bergengruen offenbar nichts abgewinnen. Er schreibt: "Die Oberpfalz zwischen Donau und Fichtelgebirge ist das glanzloseste und kargste der bayerischen Länder. Da sind schwermütige Föhrenwälder zu Hause, einsame Sümpfe und Weiher, magere Äcker, Heide und Sand."

Zum Autor des ArtikelsAtze Schmidt war Anfang der sechziger Jahre Redaktionsvolontär beim Neuen Tag in Weiden. Nach Stationen bei mehreren Zeitungen in Deutschland und Dänemark war er zuletzt 17 Jahre lang bei einem Pekinger Verlag tätig. Über diese Zeit schrieb er ein Buch: "China tickt anders - Jahre einer intensiven Begegnung". Heute lebt er, inzwischen 78 und noch immer "schreibfreudig", in einem Dorf im Emsland. An Werner Bergengruen, dessen vergriffenes Buch "Deutsche Reise" Atze Schmidt in einem Aachener Antiquariat entdeckte, hat der einstinge Kollege vom Neuen Tag noch persönliche Erinnerungen. Er begegnete dem Schriftsteller während einer Autorenlesung 1961 in Weiden, drei Jahre vor Bergengruens Tod.
Was Bergengruen von seiner Fahrt mitbrachte, enthält mehr als alle Sammlungen der Bilderjäger, die wenig sehen und allzu vieles festhalten.Carl Jakob Burckhardt über seinen Schriftsteller-Kollegen
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