Die verlängerten Werkbänke in der JVA
Normalität produzieren

Eine der anspruchvollen Tätigkeiten hinter Gittern: die verkaufsfertige Montage von Photovoltaik-Modulen im Dachfensterformat.

Tüten kleben. Das ist das Klischee vom Arbeiten hinter Gittern. Es trifft auch zu. Aber nur noch zu einem kleinen Teil. Viele Jobs in der JVA sind deutlich anspruchsvoller geworden.

Darauf sind die Verantwortlichen stolz. Die jüngste Neuerung im Kielwasser heutigen Produzierens: Eine der sogenannten verlängerten Werkbänke hat sich in die Pflicht der Just-in-Time-Zulieferung nehmen lassen. "Genau so, wie draußen, direkt ans Band", sagt einer der beiden JVA-Beamten, die in dieser Sparte die Aufsicht und das Sagen haben. Wie könnte es anders sein, diese Abteilung arbeitet für einen Zulieferer der Autoindustrie.

Bezogen hat sie Räume der früheren Malerwerkstatt, die in ihrem Umfang deutlich abgebaut wurde. Außenaufträge mit Gefangenen hätten aus Sicherheitsgründen immer weniger erledigt werden können, lautet die Begründung. Eingezogen sind nun von dem Zulieferer komplett ausgestattete Arbeitsplätze zur Montage von einbaufertigen Belüftungssystemen in Pkws. Bei den Stückzahlen, Qualitätsanforderungen und der Zuverlässigkeit mache der Auftraggeber keinen Unterschied zu irgendeinem anderen Betrieb, der für ihn arbeite, betonen die Quasi-Schichtmeister in Uniform.

Da geht noch was


Diese Abteilung ist noch im Aufbau, nicht alle der eingerichteten Arbeitsplätze sind besetzt. Das liegt laut der Verantwortlichen auch daran, für diese Tätigkeiten geeignete Gefangene finden zu müssen. Es gibt so etwas wie interne Bewerbungsverfahren. In Amberg sitzen überwiegend Häftlinge (insgesamt rund 550) mit mehrjährigen Freiheitsstrafen im sogenannten Regelvollzug ein. Ihr Scheitern im Leben draußen stand oft in einer fatalen Wechselbeziehung mit dem Scheitern an den Anforderungen der heutigen Arbeitswelt. Deshalb der Ansatz und das Ziel: eine Umkehrung dieses Prozesses, so weit es möglich ist.

Regionale Auftraggeber


Bieten kann die JVA als Arbeitgeber Abwechslung im tristen Zellenalltag, eine zum Teil leistungsorientierte Verdienstmöglichkeit (anstaltsinterner Einkauf ) und - wenn es funktioniert hat - eine Art Wiedereingliederung zur Arbeitsfähigkeit. Uneigennützig ist das nicht. "Je mehr Gefangene beschäftigt sind, desto ruhiger die Anstalt", brachte es einer der Beamten auf den Punkt.

Als verlängerte Werkbank (Aufträge aus der überwiegend regionalen gewerblichen und produzierenden Wirtschaft) konkurrieren die intern Unternehmerbetriebe genannten Abteilungen preislich in etwa mit Tschechien. Mit China gar, wenn es um Photovoltaik geht. Das Spezialgebiet hier ist die verkaufsfertige Montage von Modulen im Sondermaß von Dachfenstern.

Der Renner seit Jahrzehnten ist der Zusammenbau einer Baugruppe für Sicherungsautomaten (Leitungsschutzschalter). 60 000 bis 70 000 Stück verlassen täglich die Justizvollzugsanstalt. Diejenigen, die sie angefertigt haben, müssen bleiben.

Eine Notwendigkeit


In den Bereichen Druck- sowie Kunststoff-Weiterverarbeitung gehen die Tätigkeiten eher in Richtung Tüten kleben. Anspruchsvoll ist es hier nicht. Das weiß auch die JVA, das wissen sicherlich ebenso die Auftraggeber und nicht zuletzt die Gefangenen und das Personal, das sie beaufsichtigt. Hier steht der Aspekt Arbeit als Beschäftigung im Vordergrund.

Auch das müsse angeboten werden, weil es um die Leistungsfähigkeit etlicher Insassen nicht allzu gut bestellt sei. Hinzu kämen nicht selten Sprachprobleme, geben die Mitarbeiter des Werkdienstes zu verstehen. Aber immer noch besser, als stumpfsinnig in der Zelle zu sitzen.

TabuzonenSo aufgeschlossen sich die JVA und ihre Mitarbeiter geben, wenn es um die Arbeitsmöglichkeiten für Gefangene hinter Gittern geht, so klar werden die Grenzen der Auskunftsfreude gezogen. Die Bezifferung der Verdienstmöglichkeiten, sprich Stundenlöhne der Gefangenen, sind beispielsweise so eine Tabuzone. Auch die Auftraggeber, darunter namhafte Unternehmen, legen Wert darauf, namentlich unter keinen Umständen in Erscheinung zu treten. Der erwirtschaftete Gesamtumsatz der JVA-Betriebe ist eine der wenigen Zahlen, die den Verantwortlichen bisher zu entlocken war. Es bewegt sich jährlich im Bereich von rund zwei Millionen Euro. Das Geld geht an die Staatskasse. (zm)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.