Ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit
Helfen um jeden Preis

AWO-Kreisgeschäftsführerin Angelika Würner, Fatima Piontek und die stellvertretende Geschäftsführerin Sabine Kirchman (von links) . Mit im Bild ist auch Manal Al Masri. Sie ist bereits seit zwei Jahren in Tirschenreuth und hilft jetzt wieder anderen Flüchtlingen bei der Integration. Bild: Konrad
 
Dolmetscher Yohans Hagog und Martina Dobner. Bild: Michl
 
Ein Blick auf das Smartphone von Angelika Würner: Die Flüchtlingshelfer organisieren sich über Kurznachrichten. Bild: Konrad [M]

Die Flüchtlingsbetreuung im Landkreis Tirschenreuth übernimmt "Asyl-Mutter" Angelika Würner. Als Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt koordiniert sie die Ehrenamtlichen und hat ein kleines Team, das sich um viele Probleme kümmert. Die AWO nimmt für diese Arbeit viel Geld in die Hand. Zurück bekommt sie bisher nichts.

Tirschenreuth/Mitterteich. Die Arbeit von Fatima Piontek beginnt im Landratsamt. Jeden Tag ab 7.30 Uhr besucht sie die Tirschenreuther Ausländerbehörde: Die hochgewachsene Frau mit dem Kopftuch hat Formulare, Dokumente und Nachweise dabei. Sie unterhält sich mit den Mitarbeitern. Ihr ist das Beamtendeutsch in Fleisch und Blut übergegangen wie eine Fremdsprache.

Die Tirschenreutherin benötigt eine "Verlängerung der Aufenthaltsgestattung" für eine Flüchtlingsfamilie. Dann fragt sie nach einer "Fiktionsbescheinigung". Dieses Dokument gewährt Asylsuchenden ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland. Die Bescheinigung ist aber noch nicht da. Die Sachbearbeiterin versichert ihr, sie würde in den nächsten Tagen kommen.

Jeden Tag kommt Piontek mit neuen Problemen zu den Behörden. Sie erledigt den Papierkram für die Flüchtlinge des Landkreises. Diese hätten nämlich große Schwierigkeiten mit den Formalitäten, sagt Piontek. Ihre Arbeit spart dem Landkreis eine Menge Geld: Die Beamten können schneller und effektiver arbeiten, weil Piontek die Anträge ordnungsgemäß ausfüllen kann.

Wohnungen gesucht


Als nächstes geht die Tirschenreutherin zum Wohngeldamt: In einer Familie ist ein Kind krank. "Die müssen dezentral untergebracht werden", sagt Piontek. Eine andere Familie soll abgeschoben werden, doch die Frau ist in psychiatrischer Behandlung. Wer zahlt der Familie ein Übergangsgeld?

Mit dem Sachbearbeiter findet sie eine Lösung. Sobald Piontek im Landratsamt fertig ist, geht es weiter zum Jobcenter. Wieder müssen Unterlagen überreicht und Formalitäten geregelt werden. "Die haben keinen Hausarzt, die haben nichts", sagt Piontek. "Wir suchen Wohnungen für die Leute. Die Familie hat fünf Kinder, das ist nicht leicht."

Nach den Behördengängen geht es erst einmal zurück in die Geschäftsstelle der Arbeiterwohlfahrt, dem Arbeitgeber von Piontek. Heute steht noch ein Termin mit einer Übersetzerin an: Flüchtlinge kommen nicht mit ihrem Vermieter klar. Auch dort wird Piontek noch hinfahren.

AWO als Flüchtlingshelfer


Im Landkreis hat die Arbeiterwohlfahrt die Flüchtlingskoordinierung übernommen. Mit einem kleinen Team schmeißt Kreisgeschäftsführerin Angelika Würner die Flüchtlingsarbeit. Warum das ausgerechnet die Arbeiterwohlfahrt macht? Irgendwie ist sie da hinein geraten, erzählt Würner. Die Kreisgeschäftsführerin betreut nicht nur alle Asylsuchenden im Landkreis. Es kommen auch die anerkannten Flüchtlinge mit Bleiberecht dazu und auch die auf der Durchreise. Insgesamt sind das derzeit etwa 900 Personen. Die Kommunikation laufe vor allem über das Smartphone, erklärt Würner: "Sobald die Asylbewerber ein Dokument bekommen, schicken sie mir ein Foto. Dann kann ich sagen, was das bedeutet." Auch bei Notfällen meldeten sie sich bei ihr.

Die ehrenamtlichen Helfer wiederum vernetzen sich ebenfalls über das Smartphone: So gebe es eigene Whats-App-Gruppen für den AK-Asyl Wiesau, das Flüchtlingsnetzwerk Waldsassen und den Helferkreis Mähring. Der Helferkreis Fuchsmühl habe einen E-Mail-Verteiler. Kemnath organisiere sich im Café "Mittendrin".

Würner hat den Überblick und hält auch regelmäßig Vernetzungstreffen ab. Im Landkreis Tirschenreuth gebe es schon immer viele Ehrenamtliche, deswegen funktioniere die Flüchtlingsarbeit auch sehr gut, sagt sie.

Geld vorgestreckt


Seit Januar ist die AWO anerkannte Asylberatungsstelle. Das bedeutet, sie bekommt Geld für die Beratung von Flüchtlingen in der Geschäftsstelle, eigentlich. "Ich soll das Geld bis Ende des Jahres erstmal vorstrecken", sagt Würner. Und selbst wenn das Geld für die Asylberatung käme: Damit werden die Leistungen bei weitem nicht abgedeckt, die die AWO für die Flüchtlinge erbringt. Sie macht Fahrdienste zum Einkaufen oder zum Arzt. Sie sucht Wohnungen, organisiert Möbel oder Kleidung und übernimmt Behördengänge. Die Mitarbeiter versuchen auch, die Flüchtlinge in regelmäßigem Abstand zu Gesicht zu bekommen.

Die AWO macht derzeit heftige Verluste. Würner ist das aber nicht so wichtig. Sie habe ein großes Herz: "Wenn ich jemandem helfen kann, dann tu ich's", sagt sie. Alles andere sei für sie zweitrangig.

Wie kam die AWO zur Flüchtlingskoordination?In der Geschäftsstelle der AWO in Mitterteich erzählt Kreisgeschäftsführerin Angelika Würner, wie es dazu kam, dass die AWO im Landkreis Tirschenreuth die Flüchtlingskoordinierung übernommen hat: Sie sei schon mehr als zehn Jahre ehrenamtlich für Flüchtlinge tätig gewesen, bevor im Jahr 2015 so viele nach Deutschland kamen.

"Im Mai 2014 hat Fuchsmühl Kontingentflüchtlinge bekommen. Da hat mich der Landkreis angefragt, ob die AWO Fahrdienste übernehmen kann. Das war damals noch überhaupt kein Thema", erzählt Würner. Dann seien immer öfter die Anfragen gekommen: ,Du, wir bekommen Flüchtlinge, du hast doch Erfahrung. Würdest du mithelfen?' "Jetzt hab ich 48 Häuser und drei Sammelunterkünfte", berichtet Würner. Zunächst sei die Hilfe rein ehrenamtlich gewesen. Würner machte alles nach ihrem Feierabend, arbeitete am Wochenende. Auch ihren Urlaub hat sie für die Flüchtlingsbetreuung verwendet. Das vergangene Jahr habe sie mehr als 36 Kilo abgenommen.

Die Kreisgeschäftsführerin habe gemerkt, sie schaffe es nicht mehr alleine. Deshalb habe sie sich Verstärkung geholt: Unter anderem Fatima Piontek, die jetzt die Behördengänge erledigt. Seit März ist die Flüchtlingsbetreuung der AWO auch in anderen Räumen untergebracht: "Wir haben vorher zu acht in zwei Büros gearbeitet, erzählt Würner. "Da sind auch die Flüchtlinge hin gekommen." Sie hätten ihr dort "die Bude eingerannt". Ein Wechsel sei nötig geworden.

Helfer in der Region


Stadt Weiden

Die größte Erfahrung mit ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit hat Weiden. Dort gibt es seit mehr als 30 Jahren den Arbeitskreis Asyl. Mehr als hundert Helfer sind dort engagiert. Der hauptamtliche Flüchtlingskoordinator, Manfred Weiß, hat im Dezember im Kanzleramt über die Organisation der Ehrenamtlichen gesprochen. Er empfiehlt, die Hilfe auch andernorts zu professionalisieren.

Landkreis Neustadt/WN

Mit einem Rückgang der Freiwilligen hat der Landkreis Neustadt/WN zu kämpfen. Dort gab es lange keinen Ansprechpartner für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer. Martina Dobner arbeitet jetzt seit fünf Monaten für acht Stunden in der Woche als Flüchtlingskoordinatorin im "Allgemeinen Sozial- und Schuldnerberatungsverein". Selten bieten sich Freiwillige an, die Arbeit ist schwierig, sagt Dobler. Es gibt zum Beispiel keine Räume um Sprachkurse oder Vorträge zu halten.

Landkreis Tirschenreuth

Wie berichtet, koordiniert die Arbeiterwohlfahrt im Landkreis Tirschenreuth die Flüchtlingsarbeit. Ein vom Landratsamt berufener Flüchtlingskoordinator fehlt bisher.

Stadt Amberg

Amberg hat einen Flüchtlingskoordinator. Christian Zislers Zuständigkeit ist vor allem die Unterbringung der Flüchtlinge. Dort sei er stark gefordert und so ist die Koordinierung der Ehrenamtler für ihn nachrangig, erklärt er. Engagiert ist vor allem der Helferkreis "Amberg hilft Menschen", der bisher laut Auskunft des Sprechers Werner Konheiser von der Stadt Amberg noch keine wirkliche Unterstützung erhalten hat.

Landkreis Amberg-Sulzbach

Im Landkreis Amberg-Sulzbach gibt es keinen Flüchtlingskoordinator. "Sulzbach-Rosenberg hilft" ist dort die größte Organisation von Ehrenamtlichen. Etwa hundert Helfer engagieren sich für die Flüchtlinge. Laut Initiator Hans Lauterbach wäre ein Koordinator dringend erforderlich. In Sulzbach sei die Betreuung phänomenal gut. Es müsse sich aber auch jemand um die anderen Gemeinden kümmern.

Landkreis Schwandorf

Besonders erfolgreich ist der Landkreis Schwandorf: Mehr als hundert Helfer sind dort regelmäßig unterwegs. Noch einmal die Hälfte wartet darauf, von der Freiwilligenagentur vermittelt zu werden. Seit Januar 2014 ist Doris Dürr dort Flüchtlingskoordinatorin und unterstützt die Ehrenamtlichen mit Infomaterial, stellt Kontakte her und berät bei Problemen.
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