Ein Vormittag im OP von St. Marien
Hochbetrieb im Herzstück

Bevor die Mitarbeiterin den OP betritt, muss sie ihre Hände waschen und hygienisch desinfizieren. Mit Mundschutz und sterilen Handschuhen geht sie danach in den jeweiligen Saal, für den sie eingeteilt ist.
 
Zum OP-Trakt des Klinikums haben nur diejenigen Zutritt, die berechtigt sind: Chirurgen, Anästhesisten, die speziell für den OP ausgebildeten Pflegekräfte und die Reinigungsmannschaft, die nach jedem Eingriff sofort die Säle wieder säubert und mit Desinfektionsmittel den Boden aufwischt.
 
Anästhesist Dr. Timo Schmidt an seinem Arbeitsplatz im OP. Er leitet nicht nur die Narkose ein, sondern überwacht während des Eingriffs die Körperfunktionen des Patienten. Handschriftlich füllt er außerdem das Narkose-Protokoll aus.
 
Petra Meier, die seit 2001 leitende OP-Schwester in Amberg ist, nimmt eine vorgewärmte Decke aus dem Wärmeschrank. Diese bekommt der Patient, wenn er nach der Einschleusung in den OP gebracht wird. Sie trägt ein bisschen zum Wohlfühlen bei.

Morgens kurz nach halb zehn Uhr. Alles läuft nach Plan - noch. Doch das kann sich schnell ändern. Notfälle sind keine Seltenheit, wahrlich nicht im OP-Betrieb von St. Marien.

"OP-Bereich", steht an der Milchglastür, die das Herzstück des Klinikums vom Rest der Einrichtung abtrennt. Und "Kein Zutritt". Kein Wunder, schließlich handelt es sich um einen sicherheitsrelevanten Bereich, in den nur Berechtigte dürfen: Chirurgen, Anästhesisten, Schwestern und Pfleger, aber auch die eigene Putztruppe.

Der erste Weg führt in die Umkleide, eine für Männer, die andere für Frauen. Dort ziehen sich die Mitarbeiter bis auf die Unterwäsche aus, schlüpfen in dunkelgrüne Hosen und ziehen gleichfarbige Kasaks, kurzärmlige Oberteile, über. Mit Haube auf dem Kopf und Gummi-Clocks an den Füßen gehen sie durch die Tür ins Innere des Traktes. In Amberg trägt die OP-Mannschaft die Farbe der Hoffnung, was aber keinen speziellen Grund hat. Der OP könnte auch Blau tragen.

Vielmehr ist es eine Bereichskleidung, die den OP von anderen Abteilungen unterscheidet. Weiße Wäsche würde bei den starken OP-Lampen reflektieren und blenden, erklärt Dr. Timo Schmidt, Anästhesist und OP-Koordinator. Jetzt sitzt er mit Petra Meier, der leitenden OP-Schwester, im Büro und plant den nächsten Tag. Neun Operationssäle stehen in St. Marien zur Verfügung, rund 12 000 Eingriffe werden hier pro Jahr vorgenommen, so Schmidt. Seine Aufgabe ist es, die Belegung der Säle zu koordinieren. Dafür melden die Fachdisziplinen wie Unfallchirurgie ihren Bedarf an. Die Zeit, wie lange der jeweilige Eingriff dauert, legen die Chirurgen fest. "Für Patient A können zwei Stunden veranschlagt sein, für Patient B nur eine Stunde", sagt Schmidt. Er schildert, dass Schwester Petra und er um 13.30 Uhr im Büro das OP-Programm durchgehen. "Da sprechen wir durch, ob es Sinn macht, wie wir es geplant haben", erklärt er. Oder ob umdisponiert werden muss: Weil für parallel laufende OPs jeweils ein Röntgengerät benötigt wird.

Gemeinsames Ergebnis


Es mutet ein bisschen wie Puzzeln an, wenn Schmidt tüftelt, wer wann in welchem Saal operiert werden soll. "Im Prinzip macht es Sinn, wenn die gleichen Eingriffe wie drei Gallen-OPs hintereinander laufen", erläutert der Anästhesist. Um 14 Uhr treffen sich Schmidt und Schwester Petra mit den Vertretern der Fachdisziplinen. "Dann segnen wir das OP-Programm ab", sagt Schmidt. "So ist es ein gemeinsames Ergebnis." Der Plan steht und wird am nächsten Tag so abgearbeitet - sofern nicht Notfälle dazwischen kommen. Und das ist wahrlich keine Seltenheit.

Ein Pfleger schiebt einen mobilen OP-Tisch um die Ecke, der neu bestückt wird: mit Stützen und Halterungen, je nachdem, an welcher Körperstelle sich das Operationsfeld befindet. Wie gelagert wird, entscheidet der Operateur. Ein Patient, nennen wir ihn der Einfachheit halber Herr Mustermann, wird eingeschleust. Sein Name ist ein Platzhalter, fiktiv und rein zufällig gewählt. Er könnte allenfalls der Gatte der blonden Erika Mustermann sein, die uns seit 1982 von Mustern für Personalausweise freundlich entgegenlächelt.

Das Krankenbett, in dem Herr Mustermann von der Station zum OP gefahren wurde, dockt an den für ihn vorbereiteten OP-Tisch an. Da Herr Mustermann, der an der Galle operiert werden soll (ebenfalls fiktiv und nur deshalb gewählt, weil dies einer der häufigsten Eingriffe ist), mobil ist, rutscht er selbst vom Bett auf den Tisch. Wäre er es nicht, würde er umgebettet. Jetzt wird Mustermanns Identität geprüft. Schließlich muss sichergestellt sein, dass er auch wirklich Herr Mustermann ist, der an der Galle operiert wird und nicht Herr Müller, der ein neues Kniegelenk bekommt.

Das Personal wirft nicht nur einen Blick in die Krankenakte und auf das Patientenidentifikationsband, das jeder, der im Klinikum stationär aufgenommen wird, am Handgelenk hat, sondern fragt Mustermann, wie er heißt. "Der Patient soll nicht nur seinen Namen bestätigen, er soll ihn uns selber sagen", erklärt Schwester Petra. Auch das diene der Patientensicherheit. Petra Meier, seit 2001 leitende OP-Schwester in St. Marien, zählt auf, was alles gecheckt wird: ob der Patient über Operation und Narkose aufgeklärt wurde, ob Schmuck, Zahnprothese und Piercings (falls vorhanden) entfernt sind, ob der Patient nüchtern ist.

Gefahr der Aspiration


Letzteres spielt für die Narkose eine große Rolle. Sechs Stunden vor dem Eingriff darf der Patient letztmals feste Nahrung zu sich nehmen, bis zu zwei Stunden vor der Operation noch klare Flüssigkeiten wie Wasser oder Tee trinken. "Ist der Patient nicht nüchtern, besteht die Gefahr der Aspiration", erklärt Timo Schmidt. Mageninhalt und saurer Magensaft könnten bei Erbrechen in die Lunge geraten und dort schwere Entzündungen verursachen. "Während der Narkose hat der Patient keine Schutzreflexe, er könnte das, was in die Lunge gelaufen ist, nicht raushusten."

Nervös sind viele Menschen vor Operationen, nicht wenige fürchten sich vor dem Eingriff, manche haben entsetzliche Angst. Mit ihren Sorgen, ob alles gut gehen wird, und einem Gedankenkarussell im Kopf kommen sie zum Einschleusen an. Der OP ist eine zutiefst fremde Umgebung, vertraut nur den hier arbeitenden Menschen. "Wenn einer von uns operiert werden muss, sieht der das auch nicht locker", gibt Schmidt zu.

Für viele Patienten ist das der peinlichste Moment: Wenn ihnen das weiße Flügelhemdchen ausgezogen wird. Heutzutage ist es nicht bei allen Eingriffen zwangsläufig erforderlich, komplett nackt zu sein. "Wer am Fuß operiert wird, kann durchaus seine Unterwäsche anlassen", sagt Petra Meier.

Kuschelig warme Decke


Sie holt eine Decke aus dem Wärmeschrank. Diese ist kuschelig warm. Damit wird Herr Mustermann zugedeckt. "So hat der Patient gleich ein ganz anderes Gefühl im OP", weiß die leitende OP-Schwester aus Erfahrung. "Wir wollen, dass sich die Patienten in den wenigen Minuten, in denen sie noch wach sind, wohlfühlen", meint sie. Dr. Schmidt nickt zustimmend. Kommen muslimische Frauen in den OP, die aus religiösen Gründen ihr Kopftuch aufbehalten wollen, wird ihnen dies gestattet. "Darauf nehmen wir schon Rücksicht, dann kommt eben die OP-Haube über das Kopftuch", sagt Schwester Petra. "Das geht natürlich nicht, wenn die Frau am Kopf operiert wird", stellt Schmidt klar.

Herr Mustermann wird nun in einen der neun Säle geschoben. Der Tisch wird auf einer fest im Boden verankerten Säule in der Mitte des Raumes befestigt. Herr Mustermann wird fixiert, "damit der Patient während der OP nicht vom Tisch fallen kann", sagt Schmidt.

Den OP-Sälen sind Waschräume vorgelagert, dort wäscht und desinfiziert sich das Personal Hände und Unterarme. Eine Mitarbeiterin, die dies erledigt hat, tippt mit der Fußspitze gegen einen Schalter an der Wand auf Wadenhöhe. Die Tür öffnet sich, die Frau verschwindet im Saal. Kurz darauf geht ein Anästhesist in den gegenüberliegenden OP, wenig später kommt eine Pflegekraft in den Waschraum. Im Herzstück herrscht Hochbetrieb. Mal angenommen, Herr Mustermann wäre der erste Patient an diesem Tag gewesen. Wäre kein Notfall dazwischen gekommen, wäre er um 7.40 Uhr eingeschleust worden. Um 8 Uhr hätte der Anästhesist seine Narkose eingeleitet, um 8.30 Uhr hätte der Chirurg den ersten Schnitt gemacht. Notfälle werden laut Schmidt je nach Dringlichkeit ins laufende OP-Programm eingeschoben. Muss beispielsweise ein Unfallopfer sofort operiert werden, weil ein großes Blutgefäß geplatzt ist, kommt es in den nächsten freien Saal, erläutert er. "Außer der sofortigen OP gibt es noch dringliche und die aufgeschobene Dringlichkeit", informiert Schmidt.

Minimal-invasive Eingriffe


Wie lange ein Eingriff dauert, lässt sich nicht pauschal sagen, als reine OP-Zeit wird die Zeit vom ersten Schnitt bis zur Naht gerechnet. Ein Eingriff an der Galle erfolgt minimal-invasiv. Schlüssellochchirurgie wird dies auch genannt, weil dafür keine großen Schnitte mehr notwendig sind, sondern ein Endoskop und Mini-Instrumente eingesetzt werden. Die Zeit für diesen Eingriff gibt Schmidt mit ungefähr 60 Minuten an. Eine Schädel-Operation hingegen könne auch sechs Stunden dauern, wenn ein großer Tumor entfernt wird. Bis der Patient wieder auf Station ist, vergeht aber geraume Zeit. "Selbst bei einem kleineren Eingriff kann es sein, dass der Patient erst zwei Stunden, nachdem er für die Operation abgeholt wurde, wieder auf dem Zimmer ist", so Petra Meier.

Herrn Mustermanns Gallen-Operation ist beendet, die Wunde genäht, die Narkose ausgeleitet, der Patient draußen aus dem OP. Reinigungskräfte bereiten jetzt den Saal auf. Erst wenn der mit Desinfektionsmittel gewischte Boden trocken ist, wird der nächste Patient reingebracht. "Unser Ziel ist, dass zwischen dem Zeitpunkt, wo der Patient rausgebracht wird und der erste Schnitt am nächsten Patienten erfolgt, nicht mehr als 35 Minuten vergehen."

Herr Mustermann hat es geschafft, sein Eingriff liegt hinter ihm. Im Aufwachraum wird er überwacht, bis er zurück in sein Krankenzimmer kann. Und Dr. Timo Schmidt und Schwester Petra gehen in ihr Büro, um den OP-Plan für den nächsten Tag aufzustellen.

Ist der Patient nicht nüchtern, besteht die Gefahr der Aspiration.Dr. Timo Schmidt, Anästhesist und OP-Koordinator


Wir wollen, dass sich die Patienten in den wenigen Minuten, in denen sie noch wach sind, wohlfühlen.Petra Meier, leitende OP-Schwester von St. Marien


Sterilgut-ContainerDie Instrumente und das Material, das während der OP benötigt wird, kommt in Sterilgut-Containern direkt aus der Zentralsterilisation. Dort wurden die Boxen anhand einer Packliste bestückt und danach mit einer Plombe versehen. Das OP-Personal prüft den Inhalt auf Vollständigkeit. "Da greift das Vier-Augen-Prinzip", sagt leitende OP-Schwester Petra Meier. "Und zwar vorher als auch nachher."

Wenn aus dem Container während des Eingriffs sechs Klemmen und zehn Kompressen entnommen wurden, müssen sie nach beendeter Operation auch wieder drin sein. Alles, was wieder sterilisiert werden muss, kommt anschließend zurück in die Zentralsterilisation, um wieder aufbereitet zu werden. (san)


Rund um den OPEin OP-Team besteht aus ein oder zwei Chirurgen, einer instrumentierenden Pflegekraft, einem Springer, einem Anästhesisten und einer Anästhesiepflegekraft. Bei Kaiserschnitt-Entbindungen ist noch eine Hebamme dabei. Aufgabe des Springers ist es, aus der Verpackung das zu reichen, was benötigt wird: sterile Instrumente und Material, vor allem Fäden. Im Operationssaal beträgt die Temperatur grundsätzlich 21 Grad. "Im Sommer genauso wie im Winter", sagt Dr. Timo Schmidt, Anästhesist und zugleich OP-Koordinator im Klinikum St. Marien. Bei Kindern wird auf 24 Grad aufgeheizt.

Die moderne Anästhesie ermöglicht sichere Narkosen für alle Altersklassen, vom Säugling bis zum hochbetagten Menschen, der 100 Jahre alt ist. "Das ist kein Problem", sagt Schmidt, fügt aber gleich hinzu: "Mit zunehmendem Alter und Vorerkrankungen steigt auch das Risiko." Wenn am Vortag mit dem Patienten das Narkose-Aufklärungsgespräch geführt wird, werde er häufig gefragt, ob er am nächsten Tag im OP die Narkose selbst mache. "Das ist bei rund 30 Anästhesisten nicht immer möglich", bedauert Dr. Timo Schmidt. (san)
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Evelin Lehnert aus Brand | 15.07.2016 | 19:19  
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