Eine Krankheit, die keiner sieht
Claudia Schlögl hat Depressionen und Ängste

Ein kritischer Blick in die Zukunft: Claudia Schlögl weiß, dass sie ihre psychische Erkrankung nicht mehr los wird. Derzeit lebt sie im Haus Rabenholz in Sulzbach-Rosenberg. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass die Menschen in ihrer Arbeitswelt einen Gang zurückschalten. Bilder: roa (2)
 
Die Arbeit in der Keramikwerkstatt ist Claudia Schlögl ungemein wichtig: Stolz zeigt die 33-Jährige die selbst getöpferte Schale - das Gefäß ist nur eines von vielen Werken, die sie herstellte.
 
Kerstin Fink, Leiterin des Hauses Rabenholz. Bild: hfz

"Ich nehm mal ganz frech auf dem Sofa Platz", sagt die junge Frau und lächelt entwaffnend. Claudia Schlögl weiß, was sie will. Sie hat eine fertige Ausbildung, und ihr Abitur nachgeholt, Skandinavistik sowie Ur- und Frühgeschichte studiert, weil sie das wirklich interessierte. Trotzdem kann die 33-Jährige nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt bestehen. Sie hat eine Krankheit, die keiner sieht: Depressionen, gepaart mit einer Angsterkrankung.

Claudia Schlögl könnte eine Frau sein, die ihren persönlichen Lebensweg geht: Sie könnte einen Traumjob haben, eine Handvoll guter Freunde, vielleicht sogar schon eine eigene Familie, irgendwo in Deutschland. Sie ist intelligent genug, um alle Ziele zu erreichen, die sie sich steckt. Sie lächelt ein wenig traurig. "Das werde ich in diesem Leben nicht mehr schaffen", sagt sie auf dem Sofa sitzend, ihre Hände knetend. Ihre ganze Kraft geht dafür drauf, dem Feind im Kopf die Stirn zu bieten, wenn er anklopft. Rezidivierende Depression nennt sich ihr Krankheitsbild, eine chronische Erkrankung, die immer wieder kommt und die Stimmung in extremer Weise zu Boden drückt bis zu dem Punkt, an dem man nicht mehr weiter weiß, gelinde ausgedrückt.

Panik vor Prüfungen


Seit fast zwei Stunden beschäftigt sich Claudia Schlögl in dem kahlen Raum im Haus Rabenholz in Sulzbach-Rosenberg, Domizil einer betreuten Wohngruppe, unbewusst mit ihren Fingern. Dazu erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Ihre dunklen Haare sind kurz, sie trägt eine Fleece-Jacke und Jeans. Die Ohrenschützer und die Mütze hat sie abgelegt - draußen friert sie, und sie wäre seit etwa einem Jahr anfällig für Ohrenschmerzen, sagt sie. Überhaupt hat ihre Erkrankung viele Nebenerscheinungen: chronische Blasenentzündung, teils zittern und frieren bei Anspannung. Sie leidet unter Trichotillomanie, dem Zwang, sich die Haare auszureißen und Angststörungen. "Bei mir ist das eine ganze Latte an Erkrankungen", sagt sie und betont, dass sie sich hier im Haus Rabenholz gut aufgehoben fühlt. "Hauptsache es ist ein Betreuer da. Das allein gibt schon Sicherheit."

Es war ein Abend in den Osterferien, als Claudia Schlögl plötzlich die Panik ergriff. Sie hatte wegen Krankheit eine Prüfung in Geschichte versäumt. "Während alle anderen die Ferien schon dazu nutzten, um für das Abi zu lernen, musste ich ja noch diesen Geschichte-Test nachschreiben." Um halb ein Uhr nachts sei sie unvermittelt in die Küche gegangen und habe ein Messer genommen, um sich mit einem Stich ins Herz selbst zu ermorden. "In dem Moment hat einfach mein Hirn ausgeschaltet", beschreibt sie den Vorgang, bei dem sie sich wie fremdgesteuert fühlte. "Mein Glück war, dass ich so viel Angst davor hatte, dass es wehtun oder etwas schief gehen könnte, dass ich davon abließ."

Sie ging zu ihren Eltern, "wie ein kleines Kind", und erzählte, was gerade passiert sei. Entsetzt hielten Mutter und Vater ihre Tochter fest. Heute weiß Claudia Schlögl, dass das die falsche Reaktion war. "Ich hätte mir aus heutiger Sicht gewünscht, dass sie einen Krankenwagen gerufen hätten." Sie glaubt, dass ihr so eine Menge erspart geblieben wäre. Kotzen, würgen, Panikattacken, frieren, zittern - das gehörte während der folgenden Zeit bis nach dem Abitur zu ihrem Alltag. Als die Prüfungen vorbei waren, "ich habe es irgendwie geschafft", ging es ihr immer noch nicht besser. Eine Klassenkameradin erzählte ihr von psychiatrischen Kliniken, in denen psychische Erkrankungen behandelt werden würden. Die ausgebildete physikalisch-technische Assistentin ließ sich einweisen. Sie wurde mit Hilfe von Gesprächen und Medikamenten stabilisiert. "Mir war klar, wenn ich mir nicht selber helfe, hilft mir kein Mensch."

Kämpfen wie ein Berserker


Woher sie die Kraft nahm, in dieser Situation der völligen psychischen Kraftlosigkeit, sich selbst herauszuziehen, weiß sie selber nicht. So viel ist aber sicher: "Ich kann kämpfen wie ein Berserker, wenn es mir total dreckig geht." Sieben Wochen Klinikaufenthalt hatten die junge Frau "zu 90 Prozent" stabil gemacht. Sie bekam Psychopharmaka und ein Notfallmedikament. "So dreckig wie zur Abiprüfungszeit ging es mir zum Glück nie wieder." Claudia Schlögl zog in eine eigene Wohnung, jobbte als Hundesitterin und Zeitungsausträgerin, half gelegentlich auf dem Bau. Einerseits habe ihr das Leben Spaß gemacht, andererseits hätten ihre Eltern, die selber studiert haben, immer wieder gefordert "mach was gscheits". Sie wollte in der Landwirt- oder Pferdewirtschaft Fuß fassen, machte Praktika, fragte gleichzeitig immer wieder nach Ausbildungsstellen. Von ihrer Erkrankung erzählte sie damals nichts, immer wieder hieß es, sie würde viel zu langsam arbeiten.

Claudia Schlögl atmet tief durch. Plötzlich klopft es. Ein junger Mann öffnet die Tür, schaut die Frau erwartungsvoll an. "Nasenbär", sagt sie erfreut. Er lacht, setzt sich zu ihr auf die Couch, streicht ihr liebevoll über den Kopf. "Das ist mein Schatzi", sagt sie erklärend. Er hat Sehnsucht, wartet, dass sie das Interview beendet. Aber Claudia Schlögl ist noch lange nicht fertig. Sie erzählt weiter, von ihrem drei Monate dauernden Abstecher nach Dänemark, während dem sie in verschiedenen Pferdeställen arbeitete und die Sprache lernen wollte, sowie dem Entschluss, Skandinavistik zu studieren, das es in der Fächerkombi mit Ur- und Frühgeschichte in Göttingen gab. "Aber das war Stress pur. Für meine Erkrankung nicht förderlich." Bis zum Beginn des 3. Semesters habe sie sich über Wasser halten können. Am Ende ging es ihr wieder so dreckig, dass sie sich in die Klinik einweisen lassen musste. Als sie im 4. Semester ihr Studium fortsetzen wollte, schlug die Erkrankung wieder voll zu. Sie ging erneut in die Klinik. "Ich wusste, das was ich im Studium versäume, hole ich nie wieder auf." Also brach sie ab, zog ins Übergangswohnheim in Göttingen, ein betreutes Wohnen, von dort wieder in die Klinik. Kurz lebte sie auf einem Bauernhof mit betreutem Wohnen für psychisch Kranke und geistig Behinderte bei Mühlhausen, Thüringen.

Heimweh nach Bayern


Dort ging es ihr nicht besonders gut, da ihr nach eigenen Angaben mehrere Tage trotz heftiger psychosomatischer Symptome ein Klinikaufenthalt verweigert wurde. Darum zog sie wieder zurück ins Übergangswohnheim. Schließlich überwog ihr Heimweh nach Bayern, wo sie aufgewachsen war. Sie landete in Sulzbach-Rosenberg. Jetzt wohnt Claudia Schlögl seit etwa einem halben Jahr im Haus Rabenholz. Wie es ihr geht? "Geht so. Alleine wohnen kann ich mir aktuell nicht vorstellen." Und außerdem gibt es ja auch noch "Nasenbär". "Das ist ganz neu und ungewohnt." Sie haben sich verlobt, wollen zusammen in ein betreutes Wohnen ziehen.

Ein normales Leben scheint für Claudia Schlögl weit entfernt. "Das Problem bei einer psychischen Erkrankung ist, dass man nicht gesund wird." Sie habe sich damit abgefunden. Wenn sie nicht unter dem Leistungsdruck des ersten Arbeitsmarktes bestehen müsse, dann gehe es ihr ganz gut. Ihr Wunsch: "Im Prinzip, dass ich so gesund wie möglich bleibe und so selten wie möglich in die Klinik muss. Manchmal träume ich davon, gesund zu sein. Am Liebsten würde ich mein Studium wieder aufnehmen. Der Wissenspool, auf den man an Unis Zugriff hat, fehlt mir doch sehr."

Zitate"Wenn ich könnte, würde ich das Gefüge auseinanderreißen und zehn Schritte zurückgehen."

"Es gibt Leute, die arbeiten in hohen Positionen und haben plötzlich Burnout. All das würde es nicht geben, wenn die Gesellschaft einen Gang zurückschalten würde."

"Ich bin anfälliger als Gesunde, aber auch Gesunde sind manchmal überfordert und gestresst, so dass sie sich nicht mehr wohlfühlen."

"Ich vermute mal, wenn ich vor 100 Jahren gelebt hätte, wäre ich gar nicht aufgefallen."

24 Stunden für Bewohner da


Das Haus Rabenholz, in dem Claudia Schlögl wohnt, feiert heuer 20-jähriges Bestehen. Leiterin Kerstin Fink im Interview:

Welche Bewohner nimmt das Haus Rabenholz auf?

Kerstin Fink: Wir sind eine soziotherapeutische Einrichtung mit meist chronischen psychischen Erkrankungen. Die Einrichtung ist vollstationär, wir sind 24 Stunden für unsere Bewohner da.

Welche Art von Erkrankungen haben diese Menschen?

Unsere Einrichtung besteht aus drei Wohnhäusern für jeweils elf Personen. Wir freuen uns, dass wir nicht den Eindruck eines klassischen Wohnheims erwecken, sondern durch einen weitläufigen Garten und die drei Häuser etwas familiäres bieten können. Derzeit wohnen 33 Männer und Frauen bei uns. Hauptsächlich arbeiten wir mit Erkrankungsbildern aus dem schizophrenen Formenkreis, mit Depressionen und anderen affektiven Störungen.

Die Serie "Menschen wie wir" Nach der Reportage über Sabine Gatti, die gehörlose Verkäuferin, steht heute die an Depressionen und Angststörungen erkrankte Claudia Schlögl im Mittelpunkt. In Zusammenarbeit mit dem Projekt Wundernetz, das sich Inklusion auf die Fahnen geschrieben hat, hören wir auf, über Menschen mit Behinderungen zu reden, wir reden mit ihnen.
Zur Themenseite "Wundernetz"
Was bieten Sie Ihren Bewohnern?

Soziotherapeutische Angebote wie zum Beispiel eine Tagesstruktur, Beschäftigungstherapie, Begleitung bei hauswirtschaftlichen Themen, Freizeitgestaltung, Beziehungsgestaltung, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und auch Teilhabe durch Mitwirkung an Projekten wie zum Beispiel dem Wundernetz. Unsere Maxime ist, dass wir assistierend arbeiten und den Bewohnern soviel Selbstständigkeit wie möglich und so wenig Unterstützung wie nötig zukommen lassen.

Wie groß sind die Chancen, dass Einzelne wieder in eine eigene Wohnung zurückkehren können?

Unsere Bewohner sind unterschiedlich, sowohl vom Krankheitsbild her, als auch hinsichtlich der Stabilität ihrer psychischen Verfassung. Durch unser abgestuftes Versorgungssystem, können wir eine Entwicklung anbieten, vom Wohnheim in eine ambulante Wohngruppe, ins betreute Einzelwohnen oder hin zu einer Betreuung im Rahmen des persönliches Budgets in den eigenen vier Wänden. In den vergangenen beiden Jahren, seit ich als Einrichtungsleiterin tätig bin, konnten wir knapp zehn Personen darin begleiten, in eine selbstständigere Wohnform zu wechseln.
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