Einzigartiger Brauch in Schmidmühlen
Allerseelenschiffchen stechen in See

 

Schmidmühlen. (pop) Der November gilt landläufig als der Totenmonat. Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag und Volkstrauertag mahnen die Lebenden und holen die Verstorbenen in das Gedächtnis der Hinterbliebenen zurück. Neben der theologischen Dimension hat sich auch viel weltliches Brauchtum in diesem Monat, besonders für die ersten beiden Tage des Monats, Allerheiligen und Allerseelen, herausgebildet. Ein Brauch, nämlich der des Allerseelenschiffchens, wurde im Jahr 2002 nach einem fast 60 Jahre dauernden „Dornröschenschlaf“ in Schmidmühlen durch den Kulturverein wieder neu belebt und wird wohl die nächsten Jahrzehnte Bestand haben.

Viele Kinder, aber auch Erwachsene setzen seit mehr als einem Jahrzehnt ihre Allerseelenschiffchen in die Lauterach, und es gibt kaum eine Familie, bei der nicht schon einmal auf dieses Weise den Verstorbenen gedacht wurde. Fast wäre der Brauch wegen eines starken Regenschauers im wahrsten Sinne fast ins Wasser gefallen, aber mit Ende des Gottesdienstes hatte es wieder aufgehört zu regnen. Mit diesem Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Ägidius gedachten die Pfarrangehörigen ihrer verstorbenen Angehörigen. Bereits zum Allerseelengottesdienst waren viele Kinder in die Pfarrkirche gekommen.

Pfarrer Werner Sulzer verglich dabei das Leben mit einem Fluss. Ein Fluss kann irgendwann im Meer enden oder wie manche Flüsse in der Wüste, irgendwo im Nichts enden, ohne je ein Ziel zu erreicht haben. Für uns Christen ist Gott das Ziel, in dem wir aufgehen werden wir der Fluss im Meer, so Pfarrer Werner Sulzer. Das Allerseelenschiffchen ist sicher eines der schönsten Bräuche für Kinder im Landkreis Amberg-Sulzbach. Und es ist ein Brauch, bei dem verschiedene Generationen in Gedanken und im Gedenken an die Verstorbenen vereint sind.

Bereits bei der Wiederbelebung des Brauches legte der Kulturverein großen Wert darauf, dass das Geschehen einhergeht mit dem christlichen Gedenken, so wie es früher war. So wurde früher in der Allerseelenwoche jeden Tag in der Friedhofkirche ein Rosenkranz gebetet. Bei diesen Rosenkränzen brannten auch immer kleine Kerzen und Wachstöckeln. Nachdem Rosenkranz nahmen die Kinder – vor allem waren es Buben – die brennenden Kerzen mit aus der Kirche und setzten sie auf kleine Rindenschiffchen oder Holzbretter und ließen sie auf der Lauterach bis zum Hammer schwimmen. Dies geschah vereinzelt nach jedem Rosenkranz. Am Allerseelentag wurden dann nach dem Rosenkranz von allen Kindern die Allerseelenschiffchen mit Kerzen auf ihre Reise geschickt.

Überhaupt gab es in Schmidmühlen ein vielfältiges Allerseelenbrauchtum, so auch das Allerseelenbetteln oder das Backen der Allerseelenspitzel. Mit dem 2. Weltkrieg kam das Ende für das Allerseelenschiffchen. Aus Angst vor Luftangriffen wurde offenes Licht verboten. Wie in den letzten Jahren half die Feuerwehr Schmidmühlen beim Einsetzen und Bergen der Schiffchen. Einer der wenigen, der sich noch an den Brauch erinnern kann, ist Ortsheimatpfleger Michael Koller. Er erzählte es im Herbst beim Heimatkundlichen Arbeitskreis, als man am im Jahr 2001 fertig gestellten historischen Bildband noch arbeitete. Diese Erinnerung veranlasste das Team des Kulturvereins, den Brauch wieder ins Leben zu rufen.

Das Gedenken an die Toten hat in der christlichen Kirche eine lange und wichtige Tradition. So gibt es jährliche Gedenktage an die Verstorbenen schon seit dem Mittelalter. Noch Papst Johannes XXIII. hat von Ostern als dem „Fest aller Toten“ gesprochen. Die Christen in aller Welt gedenken seit dem 9. Jahrhundert ihrer Verstorbenen am 2. November, dem Tag nach Allerheiligen. Der Armenseelenkult wurde durch die auch im Trienter Konzil bestätigte Auffassung bestärkt, dass die Seelen vor ihrer Aufnahme in das Reich Gottes an einen Ort der Reinigung kommen.
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