Erfolglose Suche nach Anna Franca Poddighe
Weiterleben mit dem Schmerz

Am Anfang hoffte sie, ihre Schwester würde bald wieder da sein, später wünschte sie sich ein Lebenszeichen. Jetzt möchte sie, dass sie gefunden wird, selbst wenn das bedeuten würde, dass die seit 2012 vermisste Italienerin Anna Franca Poddighe tot ist: Ihre Schwester Daniela wünscht sich nach vier quälenden Jahren endlich Gewissheit. Bild: Sandig

Daniela Poddighe wunderte sich, warum auf einmal so viele Journalisten auf ihrem Handy anrufen. Den Grund dafür erfuhr sie aus der Zeitung. Zwei Tage lang hatte die Polizei erneut nach ihrer seit vier Jahren verschwundenen Schwester gesucht - ohne Erfolg. Der Schmerz für Daniela Poddighe ist allgegenwärtig.

Es gibt Momente, in denen sich Daniela Poddighe so richtig freuen kann. Zum Beispiel dieser: Als ihr erwachsener Sohn Alesandro im vergangenen Jahr von Sardinien hierher kam. Er lebt seitdem in Amberg. Doch es gibt auch viele traurige Augenblicke im Leben der 42-Jährigen. Nahezu täglich denkt sie an ihre seit 2012 vermisste Schwester Anna Franca. Sie stellt sich quälende Fragen, was mit ihr passiert ist - und findet ja doch keine Antwort darauf.

Unerträgliche Situation


Daniela Poddighe ist häufig zu Fuß unterwegs. "Ich gehe viel", sagt sie, "immer weiter". Das helfe ihr, mit der eigentlich unerträglichen Situation umgehen zu können. Irgendwie. Nach jedem Interview, das sie gegeben hatte oder das im Fernsehen ausgestrahlt wurde, keimte in ihr neue Hoffnung auf. Vielleicht habe ja jemand etwas beobachtet, was mit Anna Franca Poddighes Verschwinden im Zusammenhang steht. Möglicherweise melde sich jemand. "Nichts", sagt die dunkelhaarige Italienerin. "Da kam nichts."

Anna Franca Poddighe, eine aus Sardinien stammende Italienerin, verschwand am Altstadtfest-Wochenende 2012. Anfangs hatte Daniela Poddighe noch Hoffnung, die damals 41-Jährige würde sich melden, spätestens am 2. Juli 2012 an ihre Arbeitsstelle zurückkehren (es wäre ihr erster Arbeitstag nach dem Urlaub gewesen). Doch sie kam nicht. Mit den Jahren schwand auch die Hoffnung. "Ich glaube nicht mehr, dass sie lebt", sagt sie leise. "Ich denke, sie ist tot." Ihr Bruder Antonello sehe es ähnlich. Ebenso ihre Nichte, Anna Franca Poddighes erwachsene Tochter, die auf Sardinien lebt.

Ich wünsche mir, dass sie gefunden wird.Daniela Poddighe über ihre vermisste Schwester

Vier Jahre sind eine schrecklich lange Zeit, für jemanden, der wartet. Tag für Tag. Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Im Fall der vermissten Anna Franca Poddighe tut sie das bei den Angehörigen nicht. Im Gegenteil: "Der Schmerz ist immer da", gesteht sie. Allgegenwärtig, unerbittlich. "Ich will wissen, was mit ihr geschehen ist", sagt die 42-Jährige über eine quälende Frage, auf die es keine Antwort gibt. Daniela Poddighe geht öfters in die Barbarastraße. Dort hat ihre Schwester bis zum Sommer 2012 gelebt. So hat sie das Gefühl, ihr nahe zu sein. Sie erzählt, wie sie auf der Straße steht und hochblickt zu Anna Francas ehemaliger Wohnung.

"Ich wünsche mir, dass sie gefunden wird", sagt sie. Angst vor dem Tag X, nämlich, wenn sie einen Anruf von der Polizei bekommt, dass sterbliche Überreste ihrer Schwester gefunden wurden, hat sie nicht. "Nein", sagt sie, "davor fürchte ich mich nicht." Es würde ihr Klarheit bringen, Gewissheit geben. Nach über vier Jahren höre sie oft, dass das Leben weitergehen müsse. "Aber wer das sagt, weiß nicht, dass das Leben nicht so einfach weitergehen kann." Ob vier Jahre, ob zehn Jahre - "egal, wie viel Zeit vergeht, der Schmerz bleibt".

Die Mutter hofft noch


Würden die sterblichen Überreste gefunden, hätte Daniela Poddighe endlich Gewissheit - auch wenn damit die Frage, was Anna Franca zugestoßen ist, noch nicht beantwortet wäre. Im fernen Sardinien würde aber eine Hoffnung zerstört: Die von Anna Franca Poddighes Mutter, dass ihre Tochter noch lebt und an einem unbekannten Ort festgehalten wird.

"Warum jetzt, warum dort?"Am Dienstag und Mittwoch vergangener Woche haben die Ermittler einen Baggersee und ein Waldstück südöstlich von Amberg abgesucht, in der Hoffnung, die Leiche der seit vier Jahren vermissten Anna Franca Poddighe zu finden. Längst glauben auch Polizei und Staatsanwaltschaft, dass die damals 41-Jährige einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Einerseits ist ihre Schwester Daniela froh, dass die Ermittler wieder nach Anna Franca suchen. Andererseits wirft es bei ihr auch Fragen auf. "Warum jetzt?", will sie wissen. "Und warum ausgerechnet an diesen Stellen?" Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Strohmeier hat vergangene Woche erklärt, dass die Ermittlungsbehörden sich vorbehalten, zu gegebener Zeit an weiteren Orten nach einer möglicherweise vergrabenen oder in einem See versenkten Leiche zu suchen - in der Hoffnung, das Schicksal der Frau klären zu können. (san)


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