Etwa jeder zehnte Deutsche leidet unter chronischen Schmerzen
Schmerz bestraft den, der wartet

Die Expertinnen: Dr. Ursula Kleine (links), Leiterin der Schmerzambulanz, und Prof. Dr. Andrea Kleindienst (rechts), Leitende Oberärztin der Klinik für Neurochirurgie am Klinikum St. Marien Amberg. Bild: Gräß/Klinikum

Für gesunde Menschen ist es unvorstellbar, Tag und Nacht mit Schmerzen leben zu müssen, nicht schlafen, nicht arbeiten zu können, keine Lust auf soziale Kontakte zu haben, nach und nach isoliert zu werden. Etwa jeder zehnte Deutsche leidet unter chronischen Schmerzen. Und meist leidet das private Umfeld mit.

Welche Therapien bei chronischen Schmerzen eingesetzt werden können und welche Methoden es gibt, mit den Schmerzen leben zu lernen, darüber haben beim "Ratgeber Gesundheit" im Klinikum St. Marien Amberg zwei Expertinnen informiert.

Zu Beginn der Veranstaltung erklärte Dr. Ursula Kleine, die Leiterin der neuen Schmerzambulanz am Klinikum, den rund 150 Zuhörern, dass es so etwas wie ein Schmerzgedächtnis gibt: "Wenn Schmerzen über einen längeren Zeitraum anhalten, trainiert die schmerzleitende Nervenfaser den Schmerz, und der wird chronisch." Zur medikamentösen Behandlung von chronischen Schmerzen seien reine Schmerzmedikamente wie Aspirin, Ibuprofen oder Diclofenac nicht geeignet, weil Präparate mit diesen Wirkstoffen wegen Nebenwirkungen auf Magen, Niere, Darm oder Herz nicht über einen längeren Zeitraum eingenommen werden sollten.

Wie lange einnehmen?


Eine Alternative seien Opioide - sie gingen nicht auf die Organe. "Allerdings haben auch sie Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Verstopfung oder Lustlosigkeit. Da stellt sich dann die Frage: Wie lange will ich das nehmen?" Andere Medikamente wie Antidepressiva oder Mittel gegen Krampfleiden würden direkt am Schmerzgedächtnis ansetzen - da, wo der Nerv "gelernt" hat. Spritzen seien nur eine kurzfristige Möglichkeit, schnell Schmerzen zu lindern. Eine Anwendung in Serie sei nicht zielführend. Auch durch Infusionen mit Medikamenten wie Lidocain könne die Nervenfunktion stabilisiert werden. Das helfe vor allem bei diffusen chronischen Schmerzen, wie z. B. bei einer Zuckererkrankung. "Allerdings muss das langsam und in einer Serie gemacht werden", so Kleine, "dafür müssen die Patienten zwei bis drei Mal pro Woche etwa fünf Wochen lang zu uns kommen, bis man einen guten Effekt hat."

Ohne Nebenwirkungen


Ohne Medikamente, dafür mit elektrischen Reizen arbeiten sogenannte TENS-Geräte. Bei dieser Therapieform werden Elektroden meist im Bereich der Wirbelsäule angebracht. Diese geben elektrische Reize ab. "Das verursacht ein leichtes Kribbeln bei den Patienten", schilderte die Expertin. "Auf diese Weise wird der Nerv ,beschäftigt' und vom Schmerz abgelenkt. Wenn das Gerät täglich ein oder zwei Stunden benutzt wird, kann sich der Schmerz auch wieder beruhigen. Und: Das Verfahren ist absolut nebenwirkungsfrei."

Ähnlich funktioniert die Neurostimulation (Spinal Cord Stimulation). "Dabei werden dünne Elektroden direkt am Rückenmark oder dort platziert, wo die Schmerzen auftreten", klärte Prof. Dr. Andrea Kleindienst, Leitende Oberärztin der Neurochirurgie, auf. "Diese geben Strom in niedrigen Frequenzen ab und helfen so, das Gehirn auszutricksen: Die Patienten spüren ein leichtes Kribbeln, das den Schmerz im Hirn quasi überlagert und ausschaltet."

Eine andere Möglichkeit der Schmerzbekämpfung sind programmierbare, implantierte Schmerzpumpen, die mit einem Katheter verbunden sind. Arzneimittel werden so direkt in den Wirbelkanal abgegeben, wo die schmerzleitenden Nerven liegen. "Statt Schlucken, Schmerzpflaster oder Infusion werden die Medikamente bei dieser Methode genau dort angewendet, wo sie gebraucht werden", unterstrich Kleindienst. "Es treten also auch keine Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Verstopfung auf, die bei der normalen Einnahme der Medikamente auftreten können."

Ganz wichtig bei chronisch Schmerzkranken: Physiotherapie. Durch sie werde die Funktion langsam wieder aufgebaut. "Die Anleitung zur Eigenhilfe sollte dabei immer im Vordergrund stehen", betonte Kleine, "damit die Patienten das Gelernte zu Hause auch alleine für sich anwenden können."

Bald SchmerztagesklinikEine sehr intensive und individuelle Therapie bekommen Patienten in einer Schmerztagesklinik. Am Amberger Klinikum ist eine solche Einrichtung für Mitte des Jahres geplant. In kleinen Gruppen zu acht Patienten sind die Betroffenen über vier Wochen tagsüber in der Klinik - über Nacht und am Wochenende zu Hause. Speziell ausgebildete Ärzte und Krankenschwestern sowie Physio- und Ergotherapeuten arbeiten hier zusammen, um alle Aspekte der Erkrankung gemeinsam zu behandeln.

"Hier geht es unter anderem darum, Entspannungsübungen zu erlernen oder wieder zu lernen, dass man die angenehmen Aktivitäten trotz Schmerzen nicht vergessen darf. Das gelingt beispielsweise durch Kreativtherapie oder Genusstraining. In der Klinik werden auch Medikamente gegeben", erläuterte Dr. Ursula Kleine, die die Tagesklinik leiten wird. "Hier können wir aber viel genauer nachverfolgen, wie diese wirken und welche Nebenwirkungen möglicherweise auftreten - und wir können zeitnah reagieren."
Egal, um welche Art von Schmerzen es sich handelt: Ein frühes Einsetzen der Schmerztherapie ist sehr wichtig, denn je länger man wartet, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Schmerzen chronisch werden.Der Rat der Expertinnen
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