Familie Schaller besucht die Familie eines Kriegsgefangenen in Frankreich
2 Jahre Krieg, 74 Jahre Freundschaft

Am Schallerhof in Inselsberg hatte der 24-jährige Max fern von der Heimat den Status eines Familiensohnes. 1965 ist das Obergeschoss abgebrannt, heute stehen Garagen auf dem Gelände.
 
Es ist das Schlüsselobjekt für die Freundschaft zu Martial: Weil er seinen Glauben mit dem Rosenkranz ausdrückte, verlor die Familie Schaller jegliches Misstrauen gegenüber dem Franzosen.
 
Auch den Ausflug in die Salzmine von Arc-Et-Senans macht Franz Schaller gerne mit. Mit Freude kümmert sich Danielle Pardonnet um den Köferinger, der die Erinnerungen an ihren Vater wieder aufleben lässt.

Spätsommer 1973. Martial Roussel-Galle hat den Schaller-Hof in Inselsberg gefunden. Aus dem mehr als 600 Kilometer entfernten Besançon bringt ihn die Dankbarkeit wieder hier her. Dankbarkeit für ein wenig Menschlichkeit, die man ihm als Kriegsgefangenen entgegengebracht hatte.

Köfering/Boussières. "Er wäre stolz, wenn er uns hier alle sitzen sehen könnte", sinniert Danielle Pardonnet. Sie empfängt ihre Gäste am Sonntagmittag mit einem Aperitif auf dem schattigen Innenhof in ihrem Garten. Besonders freut die Tochter von Martial, dass auch Franz Schaller nach Boussières mitgekommen ist. Mit 86 Jahren keine Selbstverständlichkeit, aber der Besuch ist ihm ein Herzensanliegen. Denn als Martial, oder Max, wie ihn die Oberpfälzer der Einfachheit wegen nennen, 1942 auf den Bauernhof der Familie kam, war Franz gerade 13 Jahre alt.

Am späten Nachmittag holt Danielle ein Fotoalbum ihrer Mutter aus dem Schrank. Über den verblassten Fotos beginnen sie und Franz, die Geschichte von Max und dieser ungewöhnlichen Freundschaft zu erzählen. "Meine Eltern waren sehr christlich", beginnt Franz. "Als also meine Mutter eines Tages in die Schlafkammer von Martial ging und unter dem Kissen einen Rosenkranz fand, war sie überzeugt, dass er kein schlechter Mensch sein konnte." Durch das religiöse Symbol war die erste Vertraulichkeit geschaffen. "Diesen Rosenkranz hat mein Vater bis zu seinem Tod immer in der Tasche getragen", betont Danielle.

Als Metzger mitgearbeitet


Überall, wo man ihn brauchte, habe er bereitwillig mitgearbeitet, erinnert sich Franz. Auch Martials Beruf als Metzger war für die Familie Schaller in den mageren Kriegsjahren ein Vorteil. Da das Schlachten von Tieren allerdings reglementiert war, verarbeiteten viele Bauern ihr Fleisch heimlich. "Aus zwei geschlachteten Schweinen wurde dann einfach eine Sau mit acht Beinen", rekapituliert Franz schmunzelnd. Besonders ins Herz geschlossen hatte den Franzosen auch die kleine Schwester von Franz, die damals achtjährige Margaretha. "Max hat ihr immer Schokolade geschenkt, diese freundschaftlichen Gesten hat sie bis heute nicht vergessen", erzählt Helga. Die Tafeln bekam der damals 24-Jährige Franzose aus der Heimat geschickt. "Bei uns gab es sonst überhaupt keine Süßigkeiten", ruft sich Franz ins Gedächtnis.

Sein Enkel Timo schickt aus Köfering per Smartphone einen Gruß von Margaretha: Ein Foto ihres Medaillons, das ein Bild von Max mit seiner Frau Cécile beinhaltet. Über diese Wertschätzung sind die Anwesenden an Danielles Tisch sichtlich gerührt. Die Auswahl eines kleinen Geschenks für Margaretha am Vortag der Abreise fällt natürlich leicht: Eine große Tafel Vollmilch-Schokolade.

"Mein Vater sagte immer wieder, dass er wirklich wie ein Sohn behandelt wurde", pflichtet Danielle bei. Tatsächlich übernahm Max am Hof die Rolle von Franz' älterem Bruder Sepp, der damals als Soldat in Russland stationiert war. Er verrichtete Sepps Arbeit, durfte in dessen Zimmer schlafen und genoss den Schutz durch die Familie. Auch gegenüber dem Unteroffizier, der für die Kontrolle der Gefangenen regelmäßig vorbeikam. "Ein richtiger Militarist war das", erinnert sich Franz: "Einmal hat Max Obst aus dem Garten aufgeklaubt, da brüllte ihn der Soldat an, die Früchte fallen zu lassen. Meine Mutter hob sie prompt wieder auf. Sie gab sie Martial mit den Worten ,Wer arbeitet, muss auch essen'".

1944 beendete eine Liebesbeziehung eines anderen französischen Kriegsgefangenen zu einer Deutschen die Zeit in Inselsberg jäh. Martials Freund Clement aus demselben Stammlager hatte mit einer Einheimischen angebandelt. Ein wahrer Skandal, als die Ideologie in den Nachbarn vom Rhein noch Feinde sah. Die Gefangenen wurden unverzüglich versetzt. "Wir wissen nicht, was aus Clement geworden ist", teilt Franz bewegt mit. Da kann Danielle ihre deutschen Gäste beruhigen: "Er hat überlebt und Max auch zweimal besucht, in alter Freundschaft haben sie über dieses Thema nicht geredet." Auch sie berührt das tragische Ende der Beziehung: "C'est triste" - "Das ist traurig." Für ein paar Minuten herrscht eine beklommene Atmosphäre auf der warmen Terrasse ihres Hauses. Von Inselsberg versetzte die Verwaltung Max für die restliche Zeit der Gefangenschaft in eine Konservenfabrik nach Nürnberg.

Eine Frage des Rotweins


Über die Freundschaft der beiden Familien wird bei dem ersten Besuch seit 1986 natürlich auch geredet. Seit Max die Familie Schaller an seiner Rückkehr 1973 beim Kartoffelernten überrascht hatte, sammelten sich Anekdoten, Fotos und viele herzliche Momente des Zusammenseins an. Von den langen Feiern in Erlheim bis zu den Ausflügen zu den französischen Sehenswürdigkeiten. In unterschiedlichsten Konstellationen pflegten Martials Kinder, Georges, Danielle und Remy, mit der Familie Schaller ihren Austausch. Die Verständigung habe immer irgendwie geklappt, erklärt Helga Weber, die Nichte von Franz Schaller. "Max konnte kein Deutsch", betont Franz: "Er konnte nur den Oberpfälzer Dialekt, den er von uns gehört hat." "Außerdem ist das nur eine Frage des guten Rotweins", kommentiert auch Pierrot, der sonst eher ruhige Ehemann von Danielle die Sprachbarriere.

Beim zuletzt erfolgten Besuch war Helga Weber 18, heute ist ihre Tochter Anna so alt. Nach einem Zeitraum von 30 Jahren gibt es nun jemanden, der mit seinem flüssigen Französisch für die Zukunft der Beziehungen sorgt. Ein wahrer Segen, findet Danielle: "Von allen bisherigen Besuchen ist dieser hier wirklich der tiefgründigste, weil wir uns so gut austauschen können."

Eine Stadt wie Amberg


In den drei Tagen der Reise gibt es außerdem ein Wiedersehen mit Danielles jüngerem Bruder Remy. "Es ist erstaunlich, wie wenig ihr euch verändert habt", meint der 64-Jährige erfreut. Auch zeigt Danielle der Familie von Helga die Stadt Besançon, die Hauptstadt ihrer Region Franche-Comté. "Es gibt überall die gleichen Sorgen", seufzt die Rentnerin. Auch hier beunruhigen die Einwohner Leerstände in der Altstadt und die Abwanderung der jungen Menschen. Sogar ein Kaufhaus wie das Amberger Forum findet sich in Besançon, dort allerdings in Betrieb.

In der Kathedrale Saint Jean schreibt Danielle schließlich einige Worte in das Gästebuch. Schlicht, aber voller Dankbarkeit und Hoffnung auf eine Zukunft des Austausches: "Für eine deutsch-französische Freundschaft. Beschütze sie."

Er wäre stolz, wenn er uns hier alle sitzen sehen könnte.Danielle Pardonnet


Max konnte kein Deutsch. Er konnte nur den Oberpfälzer Dialekt, den er von uns gehört hat.Franz Schaller
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