Flaschenwurf von Hirschau - Zweiter Prozesstag
Für Großbrand ungeeignet

Symbolbild: dpa

War beim Bierflaschenwurf auf das Hirschauer Asylbewerberheim tatsächlich ein zweiter Mann dabei? Der in Verdacht geratene 46-Jährige machte vor Gericht von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Fest aber steht: An keiner von den vielen Spuren waren seine DNA-Abdrücke.

Die Story vom Mittäter wird für den Angeklagten schwer zu halten sein. Im Verlauf der seit dem 7. Februar andauernden Ermittlungen hatte er mehrfach verschiedene Versionen vom Ablauf des Geschehens am Asylbewerberheim an der Grundstraße geliefert. Dabei war ein 46-Jähriger schon einmal ins Visier der Ermittler geraten. In dieser Fassung des Geschehens sollte er derjenige gewesen sein, der um 1.33 Uhr die präparierte Flasche durch ein Fenster warf. Später kam ein Widerruf des als Verursacher in U-Haft gebrachten 25-Jährigen, der nun wegen Mordversuchs vor dem Schwurgericht sitzt. In der Hauptverhandlung wurde der Name des 46-Jährigen von ihm erneut genannt. Diesmal als einer, der nach heftigem Zechgelage beim Bau des Brandsatzes half und auch mit vor das Ausländerwohnheim ging. Allerdings nicht als Flaschenwerfer. Eher als Begleiter.

Am zweiten Prozesstag erschien der unterdessen aus Hirschau fortgezogene 46-Jährige mit einen Rechtsbeistand als Zeuge und machte nach eingehender Belehrung durch die Schwurgerichtsvorsitzende Roswitha Stöber von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Stunden später stellte sich beim Prozess heraus: An keiner der vielen von Kriminalbeamten gesicherten Spuren befanden sich DNA-Abdrücke von ihm. Zwei Fragen standen am Mittwoch im besonderen Fokus der Richter. Erstens: Was befand sich in der durchs Fenster geschleuderten Flasche? Und: Hätte der vorher abgefüllte Inhalt eine bedrohliche Lage für die sich damals im Gebäude befindlichen neun Asylbewerber aus Somalia, Äthiopien und Syrien auslösen können?

Antworten darauf gab der beim Bayerischen Landeskriminalamt als Physiker arbeitende Dr. Franz Zwicknagel. Er wandte sich zunächst der im Flaschenhals steckenden Lunte zu. Sie bestand, wie er sagte, aus Schaumstoff. Zwicknagel attestierte: "Daran wurde wohl eher kurz eine Feuerzeugflamme gehalten." Allem Anschein nach war das Stoffstück mit Bremsenreiniger besprüht worden. Die Flamme erlosch nach relativ kurzer Zeit. Womöglich noch, bevor die Flasche flog. Für den Fall, dass die Lunte noch gebrannt hätte, als der Glasbehälter auf dem Bett eines 26-jährigen Somaliers landete, ließ der Sachverständige erkennen: "Es wäre nicht zu einer Stichflamme oder einem Feuerball gekommen."

Denn in dem Behälter war nach seinen Angaben Schnaps mit 37 Prozent Alkoholgehalt. "Kein Molotow-Cocktail im juristischen Sinn", sagte Zwicknagel. Derartige Brandsätze seien in der Regel mit Benzin gefüllt. Damit ist für die Richter geklärt: Ein Großfeuer hätte es wegen des nur schwer entflammbaren Inhalts nicht geben können. Allerdings müssen sie nun beurteilen: Wusste das derjenige, der sich in der Nacht zum Faschingssonntag dieses Jahres anschickte, nach heftigem Alkoholgenuss aus Abneigung gegen Ausländer einen Brandsatz herzustellen?

Die Kosten des Prozesses werden enorm sein. Sechs Sachverständige, darunter vier vom Landeskriminalamt, waren mit Untersuchungen beschäftigt. Einer der Experten ist der Amberger Landgerichtsarzt Dr. Reiner Miedel, der am Donnerstag etwas zu dem Umstand sagen soll, ob die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten beeinträchtigt war.

Wie sehr sich die Kripo in die Ermittlungen kniete, wurde an einem Beamten deutlich, der dem Schwurgericht eineinhalb Stunden lang seine Spurensicherungsarbeit am Tatort schilderte. Jedes noch so kleine Detail wurde vermessen und ausgewertet. Eine Fleißarbeit der ganz besonderer Art. Es könnte gut sein, dass heute am dritten Verhandlungstag bereits die Plädoyers gehalten werden. Dies stellte die Gerichtsvorsitzende Stöber in Aussicht. Ein Urteil aber wird es erst in der kommenden Woche geben. "Wir werden dazu längere Beratungszeit brauchen."

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