Flüchtlingselend schwappt zu jesidischen Großeltern nach Amberg und Kastl
Vier Kinder ertrinken auf der Flucht

Die Erschütterung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Dennoch halten Hassan und Zuhdiya Ferman tapfer zwei Fotos ihrer Kinder und ihrer Enkelin Hayam in die Kamera. Das zweijährige Mädchen in dem hübschen Kleidchen ertrank genauso jämmerlich in der Donau wie die drei Enkel von Yazdin Ali Naemo aus Kastl (von links), der am Montag seine Verwandten in ihrer Amberger Wohnung besuchte. Um gemeinsam zu trauern und mit Daoud Shekho Seleman (rechts) Schritte zur Überführung der Leichen zu planen.

Auf der Flucht ertrunkene Menschen: Solche tragischen Geschichten inklusive oft schrecklicher Bilder kannten wir bisher nur aus den Nachrichten. Jetzt landet dieses traurige Schicksal direkt vor unserer Haustür. Mit vier toten Kindern im Alter von erst zwei bis fünf Jahren, die zusammen mit ihren Eltern nach Amberg und Kastl fliehen wollten.

Ertrunken sind sie nicht wie schon so viele im Mittelmeer, sondern in der Donau. Der Fluss bildet einen großen Teil der Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien. Dort wollten zwei jesidische Familien aus dem Nordirak, die in ihrer Heimat religiös verfolgt werden, mit Hilfe von Schleusern übersetzen.

Donau lässt Boot kentern


Doch der Holzkahn, den sie bestiegen, war so klapprig, dass er für die Fahrt über die breite Donau mit ihren starken Strömungen nie benutzt hätte werden dürfen. Das schilderte Daoud Shekho Seleman, ein seit 2008 in Amberg lebender, längst anerkannter Asylbewerber der AZ. Der 34-Jährige ist mittlerweile Vorsitzender der hiesigen jesidischen Gemeinschaft; die Redaktion hat über sein Bemühen, Landsleuten bei der Integration vor Ort zu helfen, schon mehrfach berichtet. Die zwei Familien, um die es geht, sind ihm ebenfalls gut bekannt, vor allem durch die Großeltern beider Seiten, die in Amberg und Kastl wohnen.

Großeltern verzweifelt


Bei ihnen herrscht seit Tagen pure Verzweiflung. Nicht nur über den grausamen Tod der vier kleinen Kinder, sondern auch über das, was sie danach gerne für ihre Verstorbenen tun würden. Beide Familien möchten die jeweils zwei Mädchen (vier und zwei Jahre alt) und Buben (fünf und zwei Jahre) gerne hier in Deutschland in ihrer Nähe bestatten lassen.

Dazu müssten natürlich erst die Leichen aus der Donau geborgen werden. Bisher ist erst der Körper des fünfjährigen toten Jungen gefunden worden, informiert Daoud, der sich wegen der Überführung hilfesuchend auch an die Flüchtlingsberatung des Caritas-Kreisverbandes und den Amberger Migrationspfarrer Dr. Reinhard Böttcher gewandt hat. Beide Seiten sollen und wollen das Anliegen unterstützen, haben erste Kontakte hergestellt. Daoud möchte sich außerdem bei der deutschen Botschaft in Sofia vermittelnd einschalten und hofft bei dem vermutlich langen Weg durch die Instanzen nicht zuletzt auf die Unterstützung örtlicher Behörden und Politiker.

Doch das ist das zweite Problem. Im Augenblick leiden die zwei Großelternpaare noch unter der schrecklichen Nachricht, die sie vor rund drei Wochen erhalten haben. Einziger Trost für sie: Ihre Kinder und deren Ehepartner haben überlebt. Sie befinden sich derzeit in der bulgarischen Hauptstadt Sofia, allerdings nicht auf freiem Fuß, sondern nach dem Unglück in Haft. Ob sie jemals nach Deutschland weiterreisen dürfen, ist fraglich. Auch weil die Balkanroute ja längst geschlossen ist.

Schlepper-Mafia knallhart


Aus diesem Grund hatten sich die beiden Elternpaare mit ihren Kindern offenbar an eine Schlepperbande gewandt. Dass dieser Entschluss tragisch enden könnte, haben die Väter und Mütter laut Daoud erst geahnt, als ihnen die Brutalität ihrer sogenannten "Helfer" bewusst wurde. Obwohl sich beide Familien geweigert hätten, den löchrigen Holzkahn zu besteigen, seien sie kurzerhand von den Leuten, die Daoud als "Mafia" bezeichnet, dazu gezwungen worden. Angeblich sogar mit vorgehaltener Waffe, damit die insgesamt zehn Leute bei der nächtlichen Aktion kein langes Gezeter machten.

Selbst Schwimmwesten gab es laut Daoud für die Passagiere nicht - auch nicht für die Kleinsten, die noch nicht schwimmen konnten. So nahm das unfassbare Geschehen seinen tödlichen Lauf. Der Kahn kenterte inmitten der Donau - der Fluss riss die vier Kinder mit, während die Eltern selbst um ihr Leben kämpften.

Mütter betteln um Rettung


Ein zweites Schlepperboot nahm zunächst nur die beiden Mütter auf, schildert der Vorsitzende der jesidischen Gemeinde, was ihm unter anderem vom ebenfalls in Amberg lebenden Onkel des noch nicht gefundenen Buben gesagt wurde. Erst als die Frauen bettelten, auch ihre Ehemänner zu retten, seien diese an Bord genommen worden.
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