Frei erfundene Geschichte beschert 20-Jähriger Dauerarrest
Von Vergewaltigung fantasiert

Die abenteuerliche Geschichte war frei erfunden. Das Landgericht schickte eine 20-Jährige nun in den Dauerarrest, weil sie gegenüber den Behörden behauptet hatte, sie sei von zwei Männern vergewaltigt worden. Ein Freispruch aus erster Instanz wurde aufgehoben.

Das angebliche Sexualverbrechen hatte für intensive Arbeit bei der Kripo und bei Staatsanwälten gesorgt. Zusammen mit ihrer Freundin war eine 20-Jährige auf dem Polizeirevier erschienen und hatte einen Übergriff der übelsten Art angezeigt. Sie sei, so erzählte die junge Frau, mit einem Freund auf einem Firmenparkplatz hinter dem Amberger Bahnhof verabredet gewesen. Mitten in der Nacht sei sie hingegangen. Dort habe sie dann ein Auto gesehen, aus dem plötzlich zwei ihr völlig fremde Männer gesprungen seien und sie in das Fahrzeug gezerrt hätten.

Der Wagen nahm, wie die Beamten hörten, Kurs auf ein Waldstück, in dem die 20-Jährige nach ihren Angaben vergewaltigt wurde. In einer ersten Version hieß es: "Von einem der Insassen". In späteren Darlegungen war von allen beiden die Rede. Die erfahrenen Kripobeamten stellten Fragen: "Welcher Wald? Beschreibung der Täter? Wie sah der Pkw aus?" Das vermeintliche Opfer gab keine konkreten Antworten. Zudem verwickelte sich die 20-Jährige in Widersprüche darüber, ob sie nach dem sexuellen Übergriff zu dem Parkplatz zurückgefahren wurde oder zu Fuß in ihre Wohnung ging. Kam hinzu: Erst viel später war von "Tätern mit Migrationshintergrund" die Rede.

Widerruf widerrufen


Was für die Kripo keineswegs überraschend folgte, war ein plötzlicher Widerruf der Anzeige vor den Vernehmungsbeamten. Für sie war die Angelegenheit damit erledigt. Allerdings mit der Konsequenz, dass ein Verfahren wegen der Vortäuschung einer Straftat in Gang gesetzt wurde. Heuer im Frühjahr wurde darüber beim Jugendschöffengericht verhandelt.

Das Urteil kam einem Paukenschlag gleich: Die Angeklagte ging mit Freispruch heim. Sie hatte während des Prozesses ihre ursprüngliche Version der nächtlichen Sexual-Attacke im Wald wiederholt, den Widerruf quasi widerrufen. "Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass es so passiert ist, wie sie die Vorgänge schildert", schrieben die Erstrichter in ihre Begründung.

Staatsanwalt Holger Vogl, der eine Bestrafung gefordert hatte, ging in Berufung. Das führte nun zu einem zweitägigen Prozess vor der Jugendstrafkammer des Landgerichts. Diesmal schwieg die Beschuldigte und machte keinerlei Angaben. Von daher kam es erneut zu einer umfangreichen Beweisaufnahme, in deren Verlauf ein Kripobeamter sagte: "Ich hatte sie schon bei der ersten Befragung darauf hingewiesen, dass es so nicht gewesen sein kann."

Seltsam auch: Die angeblich vergewaltige Frau war nach dem vermeintlichen Verbrechen heimgegangen, hatte sich schlafen gelegt und erst am anderen Tag der mit ihr unter einem Dach lebenden Freundin von den Geschehnissen erzählt. Daraufhin verständigte ihre Bekannte die Polizei. Beim Opfer waren im Klinikum geringfügige Verletzungen festgestellt worden. Woher sie rührten, blieb unklar.

Der Freispruch aus erster Instanz wurde vom Landgericht kassiert und in einen Schuldspruch umgewandelt. "Sie ringt darum, Aufmerksamkeit zu erregen", formulierte Landgerichtspräsident Harald Riedl seine gewonnenen Eindrücke und schrieb den Erstrichtern ins Stammbuch: "Wenn man das Geschehen in allen Details sieht, kann es kein reales Erlebnis gewesen sein." Die Vergewaltigung sei schlichtweg "der Fantasie entsprungen".

"Zuchtmittel genügt"


Staatsanwalt Vogl hatte zuvor sechs Monate Jugendstrafe mit Bewährung verlangt und unterstrichen: "Das hat nie stattgefunden." Verteidiger Werner Greißinger konterte: "Ist das Gegenteil von dem erwiesen, was zur Debatte steht?" Mit seinem Antrag auf Freispruch zielte Greißinger ins Leere. Die 20-Jährige bekam von der Jugendkammer drei Wochen Dauerarrest. "Jugendstrafe ist nicht notwendig, ein Zuchtmittel genügt", ließ Richter Riedl wissen.

Die junge Frau war schon einmal drei Wochen in den Arrest geschickt worden. Vor wenigen Jahren hatte sie einen Ausländer beschuldigt, sie in einem Asylbewerberheim vergewaltigt zu haben. Auch das war, wie sich nach der Festnahme des Mannes herausstellte, eine Geschichte für das Märchenbuch.

Korrektur im Gerichtssaal

Von Wolfgang Houschka

Mitunter ist es wichtig, dass sich die Justiz in eigener Zuständigkeit korrigiert. Dafür gibt es die Rechtsmittel der Berufung und der Revision. Sie sind ganz besonders dann bedeutsam, wenn es erstinstanzlich zu krassen Fehlurteilen kommt. Die Jugendkammer beim Landgericht hat nun eine Entscheidung zurechtgerückt, die zunächst keiner verstehen konnte.

Freispruch für jemanden, der erkennbar eine haarsträubende Geschichte erfindet? Weder Ahndung noch Denkzettel für eine junge Frau, die sich nicht zum ersten Mal eine Vergewaltigung ausdenkt? Die Rahmenhandlung war geradezu aberwitzig. Mit den ausführlich zu Protokoll gegebenen Fakten wie aus einem Horrorfilm und dann aber auch, als es darauf ankam, ohne die geringsten Details zur Kulisse. Erst gezielt anklagend und plötzlich ahnungslos. Trotzdem, so die Erstrichter: Es hätte ja sein können.

Sexualdelikte sind ein heikles Thema für Polizei und Justiz. Männer stehen oft sehr rasch am Pranger. So wie der Asylbewerber, den die junge Frau vor dem jetzt zur Debatte stehenden Geschehen bezichtigt hatte, sie in einer Amberger Ausländerunterkunft missbraucht zu haben. Der Mann kam unschuldig in Polizeiarrest, er wäre um ein Haar in Untersuchungshaft gelandet.

Erst jetzt vor dem Landgericht wurde ernsthaft zur Kenntnis genommen, dass die 20-Jährige versucht, Aufmerksamkeit zu erregen. Mit der zwingend erforderlichen Urteilskorrektur und drei Wochen Dauerarrest ist die Aufarbeitung aber erst am Anfang und längst nicht getan. Die Frau, so scheint es, braucht dringend psychologische Hilfe. Sonst könnte es womöglich sein, dass sie erneut sexuelle Übergriffe erfindet.

Für die Kripo ist der Fall nun abgeschlossen. Nach dem Freispruch in erster Instanz hätte sie weiter nach Männern mit Migrationshintergrund fahnden müssen, die nachts ein weibliches Opfer in ihren Wagen zerren, in den Wald verschleppen und dort ihren Trieben freien Lauf lassen.

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E-Mail an den Autor: redaz@zeitung.org

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